"Das ist ein B-Movie, du willst deinen Namen nicht drauf haben": Ein "Fast & Furious"-Macher ließ sich Millionen durch die Lappen gehen
Björn Becher
Björn Becher
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Seit mehr als 20 Jahren schreibt Björn Becher über Filme und Serien. Hier bei FILMSTARTS.de kümmert er sich um "Star Wars" - aber auch um alles, was gerade im Kino auf der großen Leinwand läuft.

Ohne einen Mann gäbe es womöglich das „Fast & Furious“-Franchise nicht. Er hätte mit der Auto-Action-Reihe Millionen Dollar verdienen können. Doch er hörte auf seinen Agenten. „Es tut immer noch weh“, sagt er heute. Wir haben die Geschichte dazu.

Heute ist „Fast & Furious“ eines der erfolgreichsten Franchises der Filmgeschichte. Über sieben Milliarden Dollar spielte alle Filme zusammen an den Kinokassen ein. Das Hollywood-Studio Universal hat in seiner über 110 Jahre langen Historie mit keiner anderen Marke so viel Geld verdient. Doch nicht alle waren an dem Projekt finanziell so beteiligt, wie sie es hätte sein können – oder bekamen überhaupt die Anerkennung dafür.

Denn als alles seinen Anfang nahm, dachte noch niemand an ein Franchise. Viele waren sogar überzeugt, dass dieses erst „Racer X“, dann „Redline“ und am Ende schließlich „The Fast And The Furious“ betitelte Werk nur ein kleines B-Movie für ein paar junge Männer im Sommerkino sein würde – einer dieser typischen Filme, mit denen man etwas Geld verdient, die dann aber vergessen werden. Schon früh ging zudem das auf einem Zeitungsartikel basierende Skript durch viele Hände. Ein erstes Drehbuch soll völlig unauthentisch gewesen sein, weil alle Figuren dem damaligen Hollywood-Standard entsprechend weiße Sunnyboys wie der bereits besetzte Hauptdarsteller Paul Walker waren.

Der spätere „Suicide Squad“-Regisseur David Ayer änderte dies umgehend, als er an Bord geholt wurde. Er sah sofort, dass es wichtig war, diverse Figuren mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen zu haben – passend zur Subkultur, in welcher der Film spielt. Doch erst ein anderer Autor machte Brian, Dom, Letty und Co. erst wirklich zu echten Figuren aus Fleisch und Blut wird aber im Gegensatz zu Ayer überhaupt nicht im Abspann des Films genannt: Kario Salem.

Kario Salem: Er rettete wohl "The Fast And The Furious"

Salem war seit den 1970er-Jahren ein typischer Hollywood-Nebendarsteller mit vielen Serien-Gastauftritten. Doch mit der Zeit realisierte er, dass seine Bestimmung vielleicht eher hinter der Kamera liegt. So versuchte er sich bereits ab Mitte der 1990er-Jahre als Drehbuchautor – und schrieb unter anderem den mit drei Emmys ausgezeichneten HBO-Film „The Rat Pack“. Regisseur des Films über Frank Sinatra, Dean Martin, Sammy Davis Jr. und Co. war Rob Cohen, der wenige Jahre später die Aufgabe hatte, „The Fast And The Furious“ zu inszenieren.

Cohen verzweifelte aber am Skript, das viel zu flach war. Wenige Wochen vor Beginn der Dreharbeiten bat er daher den alten Mitstreiter Salem um Hilfe: „Rob sagte mir, dass er nicht wirklich Figuren hat, sondern nur Namen auf Drehbuchseiten“, erinnert sich der Autor in dem Hintergrundbuch „Welcome to the Family: The Explosive Story Behind Fast & Furious, The Blockbusters That Supercharged The World“ an den damaligen Anruf zurück.

Er nahm so an einer Drehbuchlesung mit dem gesamten Cast teil, um herauszufinden, was man noch verbessern kann. Im Anschluss an diese typische Vorbereitung im Vorfeld von Filmdrehs sollen ihn Vin Diesel, Paul Walker, Jordana Brewester, Michelle Rodriguez und Co. bestürmt haben: „Jeder einzelne kam anschließend zu mir und bettelte mich an: ‚Gib mir etwas, mit dem ich spielen kann.‛“

Drei Wochen hatte Salem Zeit, das Skript zu pimpen – und er baute zahlreiche Dialogszenen ein: Das zentrale Gespräch von Mia (Jordana Brewester) und Brian (Paul Walker) stammt von ihm. Er entwickelte die komplette Dynamik zwischen Letty (Michelle Rodriguez) und Dom (Vin Diesel) neu. Sogar das ikonische Hinterhof-Barbecue, das mittlerweile fester Bestandteil der Reihe ist, machte er erst von einer Mini-Szene zu einem zentralen Ereignis und hatte zudem die Idee, das gemeinsame Danksagungsgebet einzubauen.

Für Salem definiert sein Beitrag gerade Dom neu: „Jetzt gibt es eine andere Schicht bei diesem Typen. Er ist ein Krimineller, aber er hat diese Codes und Standards. Das ist es, was dich ihn als Figur lieben lässt.“

Salem bekam nur 80.000 Dollar

Auch wenn Salem nichts zur Action beitrug, kann man heute behaupten, dass ohne seinen Beitrag „The Fast And The Furious“ wohl nicht zum Auftakt einer gigantischen Erfolgsreihe geworden wäre. Denn der erste Film wurde nicht nur deshalb zum alle Einspielprognosen übertreffenden Kino-Überraschungs-Hit, weil es verblüffende Stunts gab – sondern weil das Publikum diese Figuren liebte. Dass der Ausbau zur Filmreihe erfolgte, war der direkte Schluss aus Salems Arbeit: Die Fans wollten mehr von diesen Figuren.

Doch der Autor selbst beging damals einen Fehler, den er heute zutiefst bereut. Auf Anraten seines Agenten verzichtete er freiwillig darauf, im Abspann genannt zu werden. Er ließ sich seine Arbeit pauschal mit 80.000 Dollar vergüten und verabschiedete sich nach wenigen Wochen am Set, wo er zuerst während des Drehs noch Szenen überarbeitete. Denn er wollte seine volle Konzentration seinem eigentlichen heißen Eisen für die Sommer-Kino-Saison 2001 widmen: Er hatte das Skript zu „The Score“ geschrieben. Der hochkarätig mit Robert De Niro, Edward Norton und Marlon Brando besetzte Thriller würde Salem zum gefragten Autor in Hollywood machen und so ein kleiner Film wie „The Fast And The Furious“ da nur ablenken – das glaubte zumindest sein Agent.

Wie sich Salem erinnerte, sagte der ihm nämlich: „Weißt du, wahrscheinlich solltest du hier keinen Credit beanspruchen, denn es ist eher ein B-Movie, und du bist gerade gefragt, also willst du deinen Namen nicht auf so etwas drauf haben – lass es einfach gut sein.“

"Es tut immer noch weh": Entgingen dem Autor Millionen?

Die Folge: Salems Name wurde rasch aus der Geschichte des Franchise getilgt – und jegliche Chance auf mögliche finanzielle Beteiligungen bei den weiteren Filmen, die gerade in Hollywood üblich sind, wenn man sich zum Urheber von Figuren erklären lassen kann, war damit auch verschwunden.

Später hat dies dem Autor wohl die eine oder andere schlaflose Nacht gekostet: „Als der Film herauskam und erfolgreich war, fühlte ich mich verraten. Es tut immer noch weh, und es hat mich viel Geld gekostet. So ist es eben. Es ist irgendwie ein Skandal.“

The Score“ (u.a. besetzt mit Robert De Niro und Marlon Brando in seiner letzten Kinorolle) enttäuschte dann übrigens an den Kinokassen und spielte in den USA nur die Hälfte des deutlich günstigeren „The Fast And The Furious“ ein. Es sollte über ein Jahrzehnt dauern, bis Autor Kario Salem mit „Mavericks – Lebe deinen Traum“ von 2012 wieder einen Drehbuch-Credit bekam – seinen bis heute übrigens letzten.

Mittlerweile ist er vor allem als Musiker tätig, arbeitete aber auch immer wieder als sogenannter Skriptdoktor, der ohne Nennung noch einmal Überarbeitungen vornimmt. Das brachte ihn auch zur „Fast & Furious“-Reihe zurück. Beim dritten Teil „Tokyo Drift“ war seine Figurenarbeit doch noch einmal gefragt – und in diesem Fall ist er immerhin mit sich im Reinen, dass es nur eine kleine Auftragsarbeit ohne Nennung und mit einmaliger Bezahlung war. Hier gehöre der ganze Verdienst Regisseur Justin Lin, und er sei froh, diesem nur ein bisschen geholfen zu haben, so Salem.

Eine andere turbulente Geschichte rund um das Auto-Action-Franchise gibt es im folgenden Artikel:

"Ich bin ihm für immer dankbar": "Fast & Furious"-Regisseur wäre beim Dreh fast verhaftet worden – doch ein ganz besonderes Crew-Mitglied hat ihn gerettet!

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