"Meine Recherche ist Google": "Der Astronaut"-Mastermind Andy Weir verrät das Geheimnis hinter seinem Sci-Fi-Erfolg
Markus Trutt
Markus Trutt
-Redakteur
Filme, Serien, Videospiele. Markus brennt schon seit Kindertagen für so ziemlich alles, was über Bildschirme und Leinwände flimmert.

Nach „Der Marsianer“ wurde mit „Der Astronaut - Project Hail Mary“ nun ein zweiter Roman von Andy Weir fürs Kino adaptiert. Wir haben mit dem Science-Fiction-Autor über seinen Schaffensprozess und das ganz besondere Herzstück des Films gesprochen.

Als Ridley Scotts Verfilmung von „Der Marsianer“ 2015 einschlug wie eine Bombe, öffnete das Vorlagen-Autor Andy Weir endgültig alle Türen in Hollywood. Um seine nächsten Bücher wurde sich in der Traumfabrik gerissen. Und mit „Der Astronaut - Project Hail Mary“ ist nun eine weitere starke Verfilmung eines Weir-Romans an den Start gegangen. Darin bricht Ryan Gosling als Wissenschaftler ins All auf, um die Menschheit zu retten – und macht dort eine herzerwärmende Bekanntschaft.

Im ausführlichen FILMSTARTS-Interview spricht Andy Weir ganz offen über seine Liebe zum Weltraum, die überraschend bodenständige Recherche für seine hochwissenschaftlichen Werke und darüber, wie stark er in die Adaption von „Der Astronaut“ involviert war. Außerdem verrät er, wie viel Gedanken (und handgemachte Effektarbeit) in die wohl beste Figur von Buch und Film geflossen sind...

Andy Weir erklärt FILMSTARTS-Redakteur Markus Trutt die Welt. Webedia GmbH
Andy Weir erklärt FILMSTARTS-Redakteur Markus Trutt die Welt.

FILMSTARTS: Nach dem gewaltigen Erfolg von „Der Marsianer“ wollte Hollywood unbedingt neue Bücher von dir in die Finger bekommen. Die Filmrechte für „Der Astronaut“ aka „Project Hail Mary“ hast du verkauft, noch bevor das Buch überhaupt erschienen war. Wie kam es dazu? Wie war das für dich?

Andy Weir: Da ich mich in Hollywood bereits etabliert hatte, waren sie interessiert. Dazwischen gab es auch noch das Buch „Artemis“, für das Hollywood die Rechte gekauft hat, das aber bisher noch nicht verfilmt wurde. Vielleicht werden sie es noch tun. Aber ja, es gab großes Interesse an „Der Astronaut“. MGM kaufte die Rechte schließlich, bevor es überhaupt erschien, weil es eine so lange Vorlaufzeit gab. Ich hatte das Buch komplett geschrieben, bevor COVID ausbrach, und es war bereits abgeschlossen. Es stand fest: es sollte keine Änderungen mehr geben, es war fertig für den Druck.

Und dann kam COVID! Alles kam zum Stillstand. Für eine ganze Weile passierte einfach gar nichts, denn Bücher zu drucken gilt nicht als lebensnotwendiger Dienst. Und als es dann endlich wieder losging, lag eine ziemlich lange Zeit zwischen dem Moment, als ich das Buch beendete, und dem Tag, an dem es schließlich in den Regalen stand. Während dieser Zeit lasen Leute aus der Branche das Manuskript, es gefiel ihnen, und sie wollten einen Film daraus machen. MGM schickte das Manuskript an Ryan Gosling, ihm gefiel es, und damit kam die Sache richtig ins Rollen.

FILMSTARTS: Woher kommt eigentlich deine Liebe und Faszination für den Weltraum und Geschichten im All?

Andy Weir: Ich werde das oft gefragt und habe keine wirklich gute Antwort darauf. Ich war schon immer daran interessiert. Jeder hat Hobbys und Interessen. Manche mögen Autos, manche Gartenarbeit. Ich mag den Weltraum. Wahrscheinlich hilft es, dass ich mit einem Vater aufgewachsen bin, der Physiker war, und einer Mutter, die Elektroingenieurin war. Damit war ich quasi garantiert ein Nerd.

FILMSTARTS: Du bist berühmt für deinen sehr wissenschaftlichen Ansatz, legst großen Wert auf das „Science“ in Science-Fiction. Konsultierst du viele Experten, wenn du deine Geschichten entwirfst? Oder wie sieht deine Recherche für ein Buch wie „Der Astronaut“ aus?

Andy Weir: Die Antwort ist ein wenig unbefriedigend, aber meine Recherche besteht hauptsächlich aus Google. Ich verfüge über genügend naturwissenschaftliches Grundlagenwissen, um zu wissen, was ich brauche. Ich weiß, was ich lernen muss, um ein Problem zu lösen, und dann google ich danach. Wissenschaftliche Informationen sind online sehr leicht zu finden, weil die Leute, die sich dafür interessieren und die Antworten kennen, meist auch technisch versiert sind und wissen, wie man dieses Material online stellt.

Meistens finde ich die Antworten in wissenschaftlichen Arbeiten, aber oft auch in Studienmaterialien für Fortgeschrittene an Universitäten: „Oh, hier wird erklärt, wie man berechnet, wie lange Hitze braucht, um eine Barriere bestimmter thermischer Leitfähigkeit zu durchdringen“. Und ich denke mir: „Okay, da ist es.“ Es wurde in einem Physikkurs an der University of Toledo oder so unterrichtet und online gestellt. Jetzt weiß ich es.

Leben ohne Wasser – gar nicht so abwegig wie gedacht

FILMSTARTS: Gab es denn auch eine echte Abhandlung wie die von „Der Astronaut“-Hauptfigur Ryland Grace über Organismen, die ohne Wasser leben können?

Andy Weir: Tatsächlich ist diese Ansicht viel verbreiteter, als ich sie im Buch dargestellt habe. Ich habe es so aussehen lassen, als wäre er ein Außenseiter mit einer völlig absurden Meinung, der von der wissenschaftlichen Gemeinschaft abgelehnt wird. Aber es gibt viele spekulative Xenobiologen, die theoretisieren, dass man kein Wasser für Leben braucht. Ich bin einer dieser Menschen. Und um das klarzustellen: Ich bin kein echter Wissenschaftler. Die Leute fragen oft: „Was denken Sie als Wissenschaftler dazu?“ Und ich sage: „Moment, ich bin kein Wissenschaftler“. Ich schreibe nur über fiktive.

Aber ich glaube nicht an das Konzept, dass Dihydrogenmonoxid zwingend notwendig für Leben ist. Ich kann ein Stück Zucker in eine übersättigte Zuckerlösung werfen, und es wächst ein schöner großer Kristall. Wenn ich ein Stück davon abbreche, wächst dort auch ein Kristall. Ist das Leben? Ich weiß es nicht. Aber man braucht kein Wasser für jede Form von Reproduktion.

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Bei "Der Astronaut" war Andy Weir viel stärker in die Produktion involviert als noch bei "Der Marsianer".

FILMSTARTS: Kommen wir mal zum Film selbst. Inwieweit warst du eigentlich an der Produktion von „Der Astronaut“ beteiligt?

Andy Weir: Bei „Der Marsianer“ gaben sie mir einfach Geld und sagten, ich solle gehen, was für mich völlig okay war. Sie sicherten sich nur die Filmrechte und verabschiedeten sich. Aber bei „Der Astronaut“ war mein Vertrag so strukturiert, dass ich Produzent bin. Ich war also an allen wichtigen Entscheidungen beteiligt. Es ist fast ein bisschen albern, aber ich musste sogar Ryans Casting zustimmen. Und ich dachte nur: „Wow, ja! Auf jeden Fall!“ Ich war auch daran beteiligt, wer Regie führen würde, aber in jedem Fall bekamen wir unsere absolute Wunschbesetzung.

Wir wollten Ryan, wir bekamen Ryan. Wir wollten Phil Lord und Christopher Miller, wir bekamen sie. Wir wollten, dass Drew Goddard die Adaption schreibt, aber er war beschäftigt. Also haben wir mit der Produktion mehrere Monate gewartet, bis er Zeit hatte. Wir wollten genau diese Leute und haben gewartet, bis wir sie alle hatten.

Die Erschaffung von Rocky

FILMSTARTS: Wir müssen natürlich auch über das Herzstück des Films und des Buches sprechen: Rocky. Wie bist du auf diesen Charakter gekommen, als du dir die Aufgabe gestellt hast, eine völlig einzigartige außerirdische Lebensform von Grund auf zu erschaffen? Gab es bestimmte Inspirationen?

Andy Weir: Nein, es gab eher Gegen-Inspirationen. Ich wollte Klischees unbedingt vermeiden. Ich wollte keinen Außerirdischen, der sich in der Erdatmosphäre wohlfühlt. Ich wollte kein Alien, das wie ein Mensch mit ein paar Prothesen an der Stirn aussieht. Ich wollte ein wirklich fremdartiges Wesen, das in einer völlig inkompatiblen Umgebung lebt. Verdammt, selbst auf der Erde haben wir Leben in völlig inkompatiblen Umgebungen direkt hier in unserer Biosphäre. Ein Fisch stirbt außerhalb des Wassers, und wir sterben darin. Bei Rocky wollte ich so etwas Inkompatibles. Ich habe die gesamte Biosphäre seiner Heimatwelt basierend auf dem entworfen, was wir über Exoplaneten wissen, ergänzt durch Dinge, die ich mir ausgedacht habe.

FILMSTARTS: Du hast dir damit eine große Herausforderung gestellt, denn Rocky kommuniziert über Töne und hat keine Augen. Dennoch musstest du eine tiefe emotionale Bindung zwischen den beiden Hauptfiguren schaffen, obwohl sie sich buchstäblich nie in die Augen schauen können. Wie hast du das geschafft?

Andy Weir: Das war für mich gar nicht schwer, denn ich musste nur ein Buch schreiben, in dem ihre Beziehung über Dialoge zum Leser transportiert wird. Ich habe mir das Leben also nicht schwer gemacht. Ich habe Phil und Chris das Leben schwer gemacht. Denn sie mussten einen Weg finden, dieses Spinnen-Stein-Ding ohne Augen, Gesicht oder Mund zu einem liebenswerten Charakter zu machen – und sie haben es vollbracht.

FILMSTARTS: Auf jeden Fall. Warst du also zufrieden mit dem Design im Film?

Andy Weir: Absolut. Ich könnte nicht glücklicher sein.

Zweifellos das Herzstück von Amazon MGM Studios
Zweifellos das Herzstück von "Der Astronaut": Das felsige Alien Rocky

FILMSTARTS: Kannst du sagen, wie viel davon echt war und wie viel CGI?

Andy Weir: Es ist größtenteils handgemacht. Rocky ist eine Puppe, die von einem Team gesteuert wurde, das wir die „Rocketeers“ nannten. Es waren fünf Personen. Diese Puppe ist ein sehr kompliziertes Gerät. Es gab Stäbe, mit denen die Arme bewegt wurden, aber auch Motoren im Inneren für andere Funktionen. Es gab verschiedene Versionen von Rocky für unterschiedliche Zwecke, manche mit extrem feiner Kontrolle über die Hände. Wir hatten hier und da CGI-Ergänzungen, aber es ist sehr stark eine praktische Requisite. Auch die Kulissen, das Schiffsinnere und so weiter, das sind alles echte Sets. Das meiste CGI im Schiff sieht man nur, wenn Dinge in der Schwerelosigkeit schweben oder beim Blick aus dem Fenster.

FILMSTARTS: Da Rocky über Klänge kommuniziert, spielt Musik eine große Rolle. Das ist in geschriebener Form sicher schwer zu vermitteln. Warum hast du dich trotzdem dafür entschieden?

Andy Weir: Das ergab sich aus meinem Design für Rocky. Biologisch gesehen sind Eridianer fast wie geschlossene Biosphären. Ihre Atmung ist intern. Es gibt nur etwa ein paar Kilogramm echtes biologisches Material in einem Eridianer, die anderen über 300 Kilogramm sind Strukturen, die diese Zellen aufgebaut haben. Darum ist die Haut wie Stein, sie ist mineralisiert, und die Blutgefäße sind wie Röhren, während die Muskeln wie mit Wasser gefüllte Säcke sind, die sich ausdehnen und zusammenziehen können.

Ein Eridianer ist im Grunde wie ein wandelnder Bienenstock. Um sich vor Infektionen zu schützen, ist ihr Immunsystem so konzipiert, dass sie fast vollständig von der Umwelt abgeschlossen sind. Sie öffnen ihren Körper nur für Nahrung und Abfall. Sie atmen nicht ein oder aus. Das bedeutet, jeder Laut muss intern erzeugt werden. Ich entschied, dass sie Luftblasen haben, die sie über Stimmbänder hin- und herschieben. Da bei ihnen alles in Fünfergruppen vorkommt, haben sie fünf Stimmbänder. So können sie Akkorde mit bis zu fünf Tönen erzeugen.

Optimismus statt deprimierender Weltuntergang

FILMSTARTS: Du präsentierst in deinen Geschichten oft Ausnahmesituationen, hier sogar ein Weltuntergangsszenario. Aber statt daraus einen deprimierenden Abgesang zu machen, erzählst du eine sehr optimistische Geschichte voller Hoffnung und Zusammenhalt. Ist das für dich eine Form von Eskapismus oder ein Appell, unsere Differenzen zu begraben?

Andy Weir: Es ist definitiv kein Appell. Meine Geschichten haben nie eine tiefere Botschaft. Es geht mir nur um den Unterhaltungswert für den Leser. Ich versuche nicht, jemanden zum Umdenken zu bewegen. Der Grund, warum meine Geschichten optimistisch wirken, ist, dass ich selbst optimistisch bin. Ich habe eine sehr hohe Meinung von der Menschheit. Ich finde uns großartig. In den Nachrichten sieht man oft, wie schrecklich Menschen zueinander sind, aber das ist nur in den Nachrichten, weil es eben so selten ist. Man sieht keine Berichte über Fremde, die jemandem helfen, der sich auf der Straße das Bein gebrochen hat, weil das normal ist. Es ist menschliches Standardverhalten, kooperativ und mitfühlend zu sein. Ich denke, wir sind klasse.

FILMSTARTS: Mit dieser schönen Sichtweise geht in „Der Astronaut“ auch viel Humor einher. Wie schaffst du es, da das richtige Maß zu finden, ohne den Ernst der Lage zu schmälern?

Andy Weir: Ich weiß es nicht. (lacht) Ich erzähle einfach nur eine Geschichte. Obwohl etwas so Großes auf dem Spiel steht, ist diese Geschichte winzig. Es sind im Grunde einfach nur zwei Leute auf einem Raumschiff. Es gibt zwar Flashbacks, die die Hintergründe erklären, aber der Hauptaugenmerk liegt auf zwei Wissenschaftlern, die einfach nur versuchen, ihre jeweilige Welt zu retten.

FILMSTARTS: Ist es also für dich in Ordnung, wenn jemand „Der Astronaut“ einfach als „Buddy-Komödie im Weltraum“ beschreiben würde?

Andy Weir: Ja, absolut. Es ist eine „bromantische“ Komödie. Mein Ziel ist es, dass die Leute den Film mögen. Ich bin mir bewusst, dass ich ein Unterhalter bin und mein Job ist es, zu unterhalten.

FILMSTARTS: Und das klappt auf jeden Fall sehr gut.

Dr. Ryland Grace (Ryan Gosling) wird in Amazon MGM Studios / Jonathan Olley
Dr. Ryland Grace (Ryan Gosling) wird in "Der Astronaut" zur letzten Hoffnung für die Menschheit.

Andy Weir: Bevor du weitermusst: Wo in Deutschland bist du gerade?

FILMSTARTS: Berlin.

Andy Weir: (jetzt plötzlich auf Deutsch) Berlin, ah! Ich habe in Deutschland für drei Monate gewohnt, als ich ein Kind war, in München. Grüß Gott! (lacht) Ich habe Deutsch im Gymnasium und an der Universität für ein paar Jahre studiert.

FILMSTARTS: Wow! Das nächste Interview machen wir dann also auf Deutsch – wenn dann die Verfilmung von „Artemis“ erscheint.

Andy Weir: Ich kann mich nur noch ein bisschen erinnern, es wurde schlecht.

FILMSTARTS: Okay, dann bleiben wir vielleicht doch lieber bei Englisch. Vielen Dank auf jeden Fall für das schöne Gespräch.

„Der Astronaut - Project Hail Mary“ läuft seit dem 19. März 2026 regulär in den deutschen Kinos. Und falls ihr euch eigentlich fragt, was es mit dem „Hail Mary“ im Titel auf sich hat, schaut doch einfach noch in den folgenden Artikel:

"Der Astronaut": Was bedeutet "Hail Mary"? Das Projekt im Sci-Fi-Blockbuster mit Ryan Gosling erklärt

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