Es ist zu leicht, die Beliebtheit von „Drive“ als selbstverständlich hinzunehmen: Der 2011 veröffentlichte, unverschämt stylische Thriller von „Pusher“-Regisseur Nicolas Winding Refn nahm im Kino mehr als das Fünffache seines 15-Millionen-Dollar-Budgets ein. „Drive“ wurde außerdem von euphorischen Kritiken begleitet (so vergab FILMSTARTS die Bestnote) und unzählige Male liebevoll parodiert, imitiert und kopiert.
Kaum ein Film aus den 2010ern wird so kultisch verehrt wie „Drive“ – und das, obwohl Refns FSK-18-Phänomen in einer Grauzone hätte verenden können: Der Neo-Noir hat die ultrabrutalen Gewaltspitzen eines Exploitation-Reißers, nähert sich Einsamkeit und Sehnsucht mit der Poesie des Arthouse-Kinos und suhlt sich in Synthesizer-Klängen wie ein 80er-Nostalgie-Fiebertraum.
Das hätte, kombiniert mit dem reduzierten Dialogbuch und Ryan Goslings noch minimalistischerem Schauspiel, an allen erdenklichen Zielgruppen vorbei düsen können, statt sie in Ekstase zu vereinen. Aber Refns makelloses Handwerk, die hypnotische Ausstrahlung Goslings und die betörenden Klänge des Synthwave-Knallers „Nightcall“ von Kavinsky & Lovefoxxx haben es vollbracht! Zeit, sich wieder auf diesen meisterlichen Ausnahmefilm einzulassen – oder ihn nachzuholen.
Doch Vorsicht: Heute, am 3. April 2026, läuft „Drive“ ab 22.30 Uhr bei RTL 2 nur gekürzt. Wenn ihr „Drive“ in voller Länge sehen möchtet, müsst ihr auf andere Wege zurückgreifen. Zum Glück ist er uncut auf zahlreichen Plattformen als VOD erhältlich, darunter bei Amazon Prime Video:
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Darum geht es in "Drive"
Tagsüber arbeitet er (Ryan Gosling) als Automechaniker und Stuntman, nachts verdingt er sich als Fluchtfahrer in Los Angeles. Dabei verlässt er sich auf seinen Manager Shannon (Bryan Cranston), der ihn an dubiose Kundschaft vermittelt. Die Regeln sind klar: Der Stuntman arbeitet nie mehrmals mit denselben Personen, er gibt ihnen keinerlei weitere Hilfe bei ihren Verbrechen, und er fährt pünktlich am vereinbarten Ort los – ganz gleich, ob alle startklar sind oder nicht.
Er hat aber auch ein Privatleben: Als der wortkarge Einzelgänger eines Tages seine Nachbarin kennenlernt, die Alleinerziehende Irene (Carey Mulligan), verliebt er sich in sie. Dann wird Irenes Ehemann Standard (Oscar Isaac) aus dem Knast entlassen und schlägt dem Fluchtfahrer einen gemeinsamen Job vor. Der willigt fatalerweise ein und kann nicht ahnen, in welche Misere er sich begibt...
Ruhe, Gewalt und Sehnsucht unter einem Synthwave-Nachtmantel
Das popkulturelle Echo von „Drive“ wird von der Coolness und der sporadischen, meisterhaft inszenierten Action des Films dominiert. Verständlich: Zu überzeugend ist Ryan Gosling in seiner Rolle des wortkargen Einzelgängers mit Skorpionjacke, der Bände mit kleinen Augenbewegungen oder winzigem Muskelzucken im Mundwinkel spricht, und dem weder am Steuerrad noch beim gewaltsamen Gebrauch eines Hammers irgendwer etwas vormachen kann!
Und schon der Auftakt von „Drive“ ist ebenso intensiv wie cool: Refn setzt dem restlichen Filmgeschehen eine ausgedehnte Verfolgungsjagd voran, die selbst ohne Blechschaden ungeheuerlich fesselnd und eindringlich gerät – und vorführt, wie sehr sich Goslings Protagonist hinterm Steuer in seinem Element befindet.
Wenn Refn daraufhin ruckartig vom Gaspedal und in die Eisen steigt, lullen er, Drehbuchautor Hossein Amini und Filmeditor Matthew Neman ihr Publikum ein, wiegen es in Sicherheit, versetzen es in eine tagträumerische Trance. Umso schockierender, aufwühlender und schmerzlich nachhallender wirkt die später drastisch, schlagartig ausbrechende Gewalt mit ihren blutigen, schmierigen, bröckeligen Folgen – diese Filmgewalt ist abstoßend und unerwünscht, wie es die gezeigten Aktionen auch im realen Leben wären, müsste man sie mitansehen.
Allerdings könnte „Drive“ kein derartiges popkulturelles Echo ausüben, wäre die Gewalt in diesem Thriller kein solch wirksamer, beabsichtigter Störfaktor angesichts des großen, pochenden Herzens dieses Films: Die wahre Seele von „Drive“ ist die sich schleichend anbahnende, wunderschöne, jedoch zu einem unbequemen Verlauf verdammte Romanze zwischen dem schweigsamen Antihelden und Irene!
Leonine
Denn eingangs lernen wir Goslings Figur als einsame, in ihrer Routine gefangene Figur kennen, die sehr eng abgesteckte Lebensbereiche hervorragend meistert, abseits dessen allerdings stets ins Schlingern gerät und nur dank einer sorgsam errichteten, bestechenden Fassade souveräner wirkt, als sie ist. Daher zeigt auch die Bild- und Klangästhetik von „Drive“ solch eine Wirkung: Die kühle, synthetische Filmmusik von Cliff Martinez und die sorgsam ausgewählten Synth-Archivnummern drücken gleichzeitig eine Verlorenheit und die Sehnsucht nach einem Ziel, nach Nähe und Geborgenheit aus.
Visuell wird diese Doppelbödigkeit dadurch gespiegelt, wie „Avengers: Doomsday“-Kameramann Newton Thomas Sigel kalte, glatte Flächen und dunkle, nächtliche Farben einfängt und um wärmere, einladende Akzente bereichert, wie angenehme Brauntöne, hoffnungsvolles Grün und vereinzeltes, zart-pulsierendes Rosa. Hier die Realität des einsamen Wolfs, über den sich ein künstliches Selbstbild legt wie die Nacht über Los Angeles, dort der Traum von heimeliger Zweisamkeit.
Vor diesem Hintergrund ist Mulligans Spiel in „Drive“ nicht genug zu loben: Der immense Magnetismus zwischen ihr und Gosling verspricht, dass die Hauptfigur all dies erreichen könnte – würde sie doch nur dieses Teufelchen auf der Schulter abschütteln, diesen Skorpion auf ihrem Rücken abstreifen und vielleicht lernen, mal den Mund aufzumachen, statt sich erneut von dem Sog gen Dunkelheit mitreißen zu lassen.
In diesem Sinne: Ja, „Drive“ ist ungeheuerlich cool und extrem stylisch – aber auch auf betörende, nicht genügend zelebrierte Weise tragisch und bitter-schön. Und wenn ihr danach einen inspirierenden, positiveren Film mit Ryan Gosling in einer Nebenrolle schauen wollt, befolgt doch diesen Streaming-Tipp:
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