Dieser Kriegsfilm ist laut einem Experten realistischer als "Der Soldat James Ryan": Er erschien im selben Jahr und wird zu Unrecht immer wieder vergessen!
Sebastian Groß
Sebastian Groß
-Freier Autor
Manchmal fühlt er sich alt, weil er damals „The Big Lebowski“ oder „Matrix“ zum Kinostart gesehen hat. Andererseits konnte er damals „The Big Lebowski“ und „Matrix“ zum Kinostart sehen. Zum Glück behält er das für sich, außer jemand fragt ihn. Jetzt fragt ihn halt endlich.

"Der Soldat James Ryan" gilt als Inbegriff des realistischen Kriegsfilms – doch ein Experte sieht das anders und erklärt, warum der Oscar gekrönte Klassiker von Steven Spielberg nicht ganz so authentisch ist, wie viele glauben.

Wenn von realistischen Kriegsfilmen die Rede ist, fällt fast immer zuerst „Der Soldat James Ryan“ (1998). Steven Spielberg („Der Weiße Hai“) schuf mit seinem Zweiter-Weltkrieg-Epos ein Werk, das vor allem durch seine brutale D-Day-Eröffnungssequenz Filmgeschichte schrieb. Kaum eine andere Szene hat das Chaos, die Orientierungslosigkeit und die rohe Gewalt eines Gefechts derart eindringlich eingefangen. Besonders Militärangehörige lobten genau diesen kompromisslosen Zugriff auf das Thema. Es wurde sogar zum US-Kinostart eine Notfall-Hotline für Kriegsveteranen eingerichtet.

Der Soldat James Ryan
Der Soldat James Ryan
Starttermin 8. Oktober 1998 | 2 Std. 49 Min.
Von Steven Spielberg
Mit Tom Hanks, Edward Burns, Matt Damon
User-Wertung
4,5
Filmstarts
5,0
Auf Paramount+ streamen

Doch so einflussreich und detailreich der fünffach Oscar prämierte Film auch ist: Für den Militärhistoriker Dave Hogan reicht es nicht ganz für den Spitzenplatz in Sachen Authentizität (via The Express). Im Rahmen einer Auswahl der realistischsten Kriegsfilme entschied er sich bewusst gegen Spielbergs Klassiker – und setzte stattdessen auf einen direkten Zeitgenossen.

Realistischste Kriegsfilme im Vergleich: Warum "Der Soldat James Ryan" nicht auf Platz 1 landet

Gemeint ist „Der schmale Grat“ (ebenfalls von 1998) von Terrence Malick („The Tree of Life“). Während „Der Soldat James Ryan“ den Krieg als unmittelbares, körperlich spürbares Inferno zeigt, wählt Malick einen ruhigeren, beinahe meditativen Zugang. Für Hogan wirkt genau das überzeugender. „Es gab etwas an diesem Film, das ich einfach überzeugender fand als ‚Der Soldat James Ryan‘“, erklärt er und verweist besonders auf die Figurenzeichnung: „wie Nick Nolte den Offizier spielt und wie er versucht, gegen einen unsichtbaren Feind vorzurücken“.

Spielbergs Werk hingegen sieht Hogan differenzierter. Die berühmte Anfangssequenz lobt er ausdrücklich: „So viel wurde in diese Eröffnungsszene des Angriffs auf den D-Day-Strand investiert. Sie haben wirklich einen Großteil der Realität eingefangen.“ Doch nach diesem intensiven Auftakt verliert der Film für ihn an Glaubwürdigkeit: „Aber der Rest des Films wirkte auf mich wie ein typischer Zweiter-Weltkrieg-Film.“

Ein zentraler Kritikpunkt ist dabei die eigentliche Mission der Handlung. Eine kleine Einheit, die tief hinter feindliche Linien geschickt wird, um einen einzelnen Soldaten nach Hause zu holen – für Hogan eine erzählerische Entscheidung, die sich zu weit von realen militärischen Abläufen entfernt. „Ich hatte einfach das Gefühl, dass die ganze Prämisse – eine Einheit tief hinter feindliche Linien durch umkämpftes Gebiet zu schicken, nur um diesem einen Soldaten mitzuteilen, dass er nicht mehr dienen muss – ziemlich weit hergeholt war.“

Diese Einschätzung sorgt für eine interessante Verschiebung im üblichen Diskurs: Während „Der Soldat James Ryan“ oft als Maßstab für Realismus gilt, sieht Hogan die Stärke eher in der Gesamtdarstellung eines Films wie „Der schmale Grat“ – weniger spektakulär inszeniert, aber in seiner Perspektive näher an der psychologischen und taktischen Realität. Wenn ihr das selbst überprüfen wollt, könnt ihr Spielbergs Kriegsfilm mit Tom Hanks („Catch Me If You Can“) und Matt Damon („The Odyssey“) in der Hauptrolle aktuell bei Netflix oder bei Prime Video streamen.*

Aber auch bei "Der schmale Grat" müsst ihr nicht auf Hollywood-Stars verzichten - ganz im Gegenteil. In der Besetzung lassen sich (teils in Mini-Auftritten) prominente Namen finden wie Sean Penn („One Battle After Another“), George Clooney („Ocean's Eleven“), Woody Harrelson („Die Tribute von Panem“), Jim Caviezel („Sound of Freedom“) und Jared Leto („Morbius“). Einige Stars wurden sogar aus dem Film geschnitten.

Beste Kriegsfilme aller Zeiten: Diese Titel gelten laut Experte als realistisch

Komplett außen vor bleibt Spielberg damit allerdings nicht. Vielmehr verpasst sein Film knapp die Spitzenränge und würde laut Hogan etwa auf Platz sechs landen. Angeführt wird seine Liste von Ridley Scotts „Black Hawk Down“ (2001), gefolgt von „Herz aus Stahl“ (2014), „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953) und „Unterwegs nach Cold Mountain“ (2003), bevor „Der schmale Grat“ den Abschluss der Top fünf bildet. Übrigens: Wer wissen will, welcher Kriegsfilm laut Hollywood der beste ist, sollte einen Blick auf diesen FILMSTARTS-Artikel werfen:

Halb Hollywood hat abgestimmt: Das ist der beste Kriegsfilm der letzten 25 Jahre!

Viele Filme haben versucht die Thematik Krieg realistisch anzugehen. Gefeierte Werke wie „Komm und sieh“ (1985) werden häufig für ihre schonungslose und eindringliche Darstellung des Krieges hervorgehoben und gelten unter Filmkenner*innen als besonders authentisch. Letztlich bleibt die Frage nach dem „realistischsten“ Kriegsfilm also offen – und hängt stark davon ab, ob man körperliche Unmittelbarkeit oder psychologische Wahrhaftigkeit höher gewichtet.

Auch Regie-Maestro Stanley Kubrick („Full Metal Jacket) hat im Genre seine Spuren hinterlassen und war begeistert von einem Kriegsfilm, der viel zu unbekannt ist, obwohl er doch unglaublich einflussreich war. Mehr dazu im folgenden FILMSTARTS-Artikel:

"Er sprach noch kurz vor seinem Tod begeistert darüber": Meisterregisseur Stanley Kubrick war regelrecht besessen von diesem Kriegsfilm-Meisterwerk

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