Dieses bewegende Historiendrama mit Robin Williams ist einer der mutigsten Filme der letzten 30 Jahre – trotzdem kennt es fast niemand!
Björn Schneider
Björn Schneider
-Freier Autor
Seit Björn als Kind „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „Hook“ gesehen hat, ist er vom Medium Film und seinen (audio-)visuellen Möglichkeiten fasziniert. Am liebsten schaut er Horror, Western, Mystery und Thriller. Musicals und romantische Komödien kosten ihn allerdings Überwindung.

NS-Terror und Humor – kann das funktionieren? Es kann, wie die heillos unterschätzte Tragikomödie „Jakob der Lügner“ beweist. Warum der international hochkarätig besetzte Film in unseren heutigen Krisenzeiten so gut funktioniert, erfahrt ihr hier.

Columbia Pictures

Wie sollte man filmisch dem schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, dem Holocaust, am besten begegnen? Diese Frage stellen sich Regisseure und Drehbuchautoren immer wieder, und von Zeit zu Zeit lautet die Antwort darauf: mit Satire, schwarzem Humor und Ironie! In manchen Fällen erwies sich diese Herangehensweise tatsächlich als goldrichtig.

Klassiker wie der Oscar-Abräumer „Das Leben ist schön“ (1997) von Roberto Benigni oder die Tragikomödie „Der Zug des Lebens“ (1998) nähern sich dem Grauen des Nazi-Terrors mit absurdem (aber äußerst klugem) Witz und der Kraft der Fantasie. Um letztere geht es auch in der Dramedy „Jakob der Lügner“ (1999), in der Hollywood-Legende Robin Williams als jüdischer Ghetto-Bewohner und „Lügner wider Willen“ seinen Humor als Rettungsanker einsetzt.

Der vom Franzosen Peter Kassovitz („Das weiße Geheimnis“) inszenierte Film ist heute ungerechtfertigterweise fast gänzlich in Vergessenheit geraten. Dabei zählt er zu den besten Vertretern des Subgenres KZ- und Holocaust-Tragikomödie – und begeistert auch nach über 25 Jahren mit einem internationalen Star-Cast!

Das ist "Jakob der Lügner"

„Jakob der Lügner“ basiert auf dem gleichnamigen, 1967 erschienenen Roman des Schriftstellers Jurek Becker. Der Stoff wurde bereits in den 1970er-Jahren in der DDR durch die DEFA verfilmt. Und das mit großem (künstlerischen) Erfolg: „Jakob, der Lügner“ (entstanden unter der Regie von Frank Beyer) erhielt 1975 eine Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film. Dies gelang davor und danach keiner anderen DDR-Produktion. Die deutsche Schauspiel-Ikone Armin Mueller-Stahl spielte im Original eine Nebenrolle – und war auch bei Kassovitz' gleichsam gelungener Hollywood-Neuinterpretation dabei.

Jakob der Lügner
Jakob der Lügner
Starttermin 28. Oktober 1999 | 2 Std. 00 Min.
Von Peter Kassovitz
Mit Alan Arkin, Robin Williams, Armin Mueller-Stahl
User-Wertung
3,1

Mueller-Stahl verkörpert darin den Arzt Dr. Kirschbaum. Dieser unterstützt Jakob Heym (gespielt von Williams) dabei, die Hoffnung der Juden im Warschauer Ghetto auf die baldige Befreiung aufrechtzuerhalten. Denn es ist das Jahr 1944 und der Holocaust hat bereits Millionen Juden das Leben gekostet. Eines Tages belauscht Jakob zufällig eine Radiosendung, in der militärische Erfolge der Roten Armee angedeutet werden.

Um den verzweifelten Ghetto-Bewohnern Mut zu machen, behauptet Jakob fortan, ein verbotenes Radio zu besitzen – und merkt, dass die (angeblichen) Erfolgsmeldungen den Menschen Hoffnung spenden. Von nun an erfindet er immer neue Meldungen von der nahenden Befreiung. Doch die Nazis kommen ihm auf die Schliche.

Eine Ode an die Fantasie

„Jakob der Lügner“ erhielt seinerzeit nur gemischte Kritiken und vor allem das von der Erstverfilmung deutlich abweichende Finale stieß auf gemischtes Echo. Der Verfasser dieses Beitrags hält das Remake dennoch für das bessere Werk. Ja, „Jakob, der Lügner“ von 1974 verzichtet auf jegliches Pathos und ist näher an der Romanvorlage. Doch dafür ist Kassovitz' Version wesentlich emotionaler und wagemutiger.

Der Filmemacher hält seine Prämisse von der „Hoffnung und Fantasie als Überlebensstrategie“ in den Dialogen, Bildern und dem Soundtrack (die großartige Musik stammt vom Briten Ed Shearmur) konsequent aufrecht. Gerade das surreale, märchenhaft anmutende Ende passt sich diesem Ansatz nur zu gut an. Und: Die Botschaft von unerschütterlichem Optimismus und Zuversicht – als Mittel gegen lähmende Apathie und Trauer – ist aktuell wichtiger denn je.

Noch heute ist zudem die großartig aufgelegte internationale Star-Besetzung beachtenswert. Neben Oscar-Gewinner Robin Williams („Good Will Hunting“) sowie Mueller-Stahl brillieren u.a. die US-Amerikaner Alan Arkin („Argo“) und Liev Schreiber („Scream“) als ums Überleben kämpfende Juden, die durch Jakobs „Nachrichten“ aus ihrer Lethargie gerissen werden und Mut schöpfen.

Daneben bleiben der deutsche Schauspieler Justus von Dohnányi (als Wehrmachts-Offizier) sowie der Franzose Mathieu Kassovitz, der Sohn des Regisseurs, in Erinnerung. Kassovitz verkörpert mit dem jungen, impulsiven Ghetto-Bewohner Herschel eine der denkwürdigsten und letztlich tragischsten Figuren.

Ein Jahr vor „Jakob der Lügner“ erschienen zwei der besten Kriegsfilme aller Zeiten, die sich vor allem durch ihren Realismus auszeichnen. Ein ausgewiesener Militärexperte unterzog beide Filme einem Realitätscheck – und kam zu einem klaren Ergebnis:

Dieser Kriegsfilm ist laut einem Experten realistischer als "Der Soldat James Ryan": Er erschien im selben Jahr und wird zu Unrecht immer wieder vergessen!

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