Die Kleinstadt als Hort des Grauens ist das Setting diverser jüngerer Horror-Serienformate – man denke nur an Mike Flanagans herausragende Miniserie „Midnight Mass“, den inzwischen vier Staffeln umfassenden Sci-Fi-Horror „From“ oder zuletzt den mit psychologischem Horror und Toni Collette auftrumpfenden Netflix-Titel „Wayward“. In all diesen Serien sind die Kleinstadtbewohner*innen von teils übernatürlichen Mysterien umgeben, die ihr Leben bedrohen und sie zeitgleich an diese unheilvollen Orte binden.
Über all dem thront natürlich David Lynchs Mystery-Meisterwerk „Twin Peaks“, das bereits 1990 vormachte, wie gut sich das Serienformat für die erzählerische Ausbreitung eines provinziellen Mikrokosmos voller Geheimnisse, mystischer Vorgeschichten und tiefer Abgründe eignet.
Genau dieses erzählerische Potenzial des Kleinstadt-Settings nutzt die vor kurzem erschienene Serie „Widow’s Bay“ auf charmanteste Weise aus, indem sie ihren Plot nicht nur um gruselige örtliche Gegebenheiten anordnet, sondern dem altbekannten Horror-Szenario auch noch jede Menge Humor abringt.
Streamen könnt ihr „Widow’s Bay“ direkt bei Apple TV. Der Apple-Streamingdienst ist hierzulande leider immer noch nicht so verbreitet, weswegen der US-Hype um die von der Kritik gefeierte Horror-Serie (97 Prozent bei Rotten Tomatoes!) bei uns noch nicht so richtig angekommen ist. Alternativ findet ihr „Widow’s Bay“ auch im gleichnamigen Channel bei Amazon Prime Video. Diesen könnt ihr in einem siebentägigen Zeitraum sogar gratis testen. Nach Ablauf dieser Zeit fallen 9,99 € monatlich zusätzlich zu eurem Prime-Abo an:
Darum geht’s in "Widow’s Bay"
Die Prämisse von „Widow’s Bay“ verbirgt sich schon im Titel: Die vor der Küste Neuenglands liegende Insel-Kleinstadt Widow’s Bay ist nach ihrer Walfang-Historie benannt, die viele Seefahrer-Ehefrauen zu Witwen gemacht hat. Und dies ist nur eines der vielen düsteren Kapitel dieses Ortes, die Bürgermeister Tom Loftis (Matthew Rhys) endlich hinter sich lassen will. Um die unterfinanzierte und brüchige Infrastruktur der Insel wieder auf Vordermann zu bringen und seinem Teenager-Sohn Evan (Kingston Rumi Southwick) Perspektiven zu bieten, bemüht sich Tom, aus Widow’s Bay eine malerische Touristen-Attraktion à la Martha's Vineyard zu machen.
Doch diese Rechnung hat der Bürgermeister ohne die Einheimischen gemacht, die fortlaufend auf die vielen unheimlichen Ereignisse in der 300-jährigen Geschichte von Widow’s Bay verweisen: Todesstürme, Serienmorde, Kannibalismus, umherwandernde Geister, Seeungeheuer und vieles mehr. Händeringend versucht Tom, die grässlichen Begebenheiten runterzuspielen und die übernatürlichen Phänomene als Humbug abzutun. Doch noch während der Tourismus tatsächlich anläuft, ereignet sich erneut Unerklärliches – und Toms größter Widersacher Wyck (Stephen Root) warnt ihn, dass die Insel nun erwacht sei…
Apple TV+
In Eigensinn erstarrte Figuren
Allein die grotesk hohe Menge an unrühmlichen, ganz beiläufig erwähnten Gruselgeschichten über die Insel sorgt in der ersten Folge von „Widow’s Bay“ für großartige Komik. Denn allen bis auf Tom scheint klar, dass dies kein heiterer Ort zum Verweilen und schon gar nicht ein Erholungsziel sein kann.
Hinzu kommen die eigensinnigen Inselbewohner*innen, die Tom vergeblich für seine Modernisierungsversuche zu begeistern versucht: Alle scheinen in einem von der Unglückseligkeit der Insel bedingten Fatalismus erstarrt und haben kaum ein gutes Wort für ihren hochmotivierten Bürgermeister übrig. Ihre wenige Arbeit erledigen die Einwohner mürrisch und mehr schlecht als recht – mit Ausnahme von Historikerin Gerrie (Nancy Lenehan), die zu Toms Unmut im Museum geflissentlich über die dunkle Gründungszeit der Insel aufklärt – wodurch wir etwa erfahren, dass die Gründerväter bei der Ankunft nichts als Wildnis und Zähne (?!) vorfanden…
Der von allen gefühlte Stillstand spiegelt sich auch in der Umgebung wider, die trotz gegenwärtigem Setting in leicht entsättigen, teils vergilbten Tönen die 1980er heraufbeschwört, wozu auch das kaum vorhandene W-LAN, die vielen Festnetztelefone und die weit verbreitete Raucherei und Trinkerei passen.
Apple TV+
Unvergleichliche Mischung aus Komik und Horror
Toms verzweifelten und entsprechend lustigen Interaktionen mit den verschrobenen Charakteren merkt man hier und da an, dass Katie Dippold, Showrunnerin dieser Serie, jahrelang als Autorin und Co-Produzentin an der Workplace-Mockumentary „Parks And Recreation“ mitgewirkt und danach die Drehbücher zu den Melissa McCarthy-Komödien „Taffe Mädels“ und „Spy“ mitverfasst hat. Die Gags speisen sich vor allem aus subtiler Situationskomik, bei der sich insbesondere Matthew Rhys mit vortrefflichem Timing hervortut.
Zugleich gelingt es Dippold, dieser Komik nach und nach ein interessantes Allerlei an Horror-Elementen beizumengen und dabei über die Episoden verteilt mit den Tropen diverser Horror-Subgenres zu spielen. Achtung Spoiler! So dreht sich eine Episode um Toms etwas sonderbare, aber sehr liebenswerte Assistentin Patricia (Kate O'Flynn), die sich bei der Vorbereitung einer Party ungeahnt schwarzer Magie bedient und sich schließlich in einem Folkhorror-Showdown wiederfindet. In einer anderen Episode will Tom beweisen, dass es in der für die Touristen renovierten alten Pension nicht spukt und soll seine Übernachtung mit einem Camcorder ganz in Found-Footage-Manier festhalten.
Mit viel Gefühl für Suspense und Momente, in denen die Komik plötzlich in Schrecken umschlägt, haben Regisseure wie Hiro Murai („Barry“) und Andrew DeYoung („The Chair Company“) dies inszeniert. Auch Ti West, Schöpfer der gefeierten „X“-Trilogie hat Regie geführt – bei einer Episode, die Widow’s Bay im 18. Jahrhundert zeigt und trotz der historischen Düsternis von Betty Gilpins und Hamish Linklaters komödiantischem Talent Gebrauch macht.
Tiefgang hinter der Verschrobenheit
Schon allein die feine und sehr eigenwillige Balance aus Komik und Horror macht „Widow’s Bay“ für die Autorin dieser Zeilen zu einer der besten Serien des bisherigen Jahres. Hinzu kommt aber noch die sich überraschend in die Serie hineinschleichende Tragik, die aus den Backstorys der Hauptfiguren hervorgeht.
So erfahren wir über den störrischen Wyck, dass er nicht nur seinen besten Freund, sondern auch seine große Liebe durch die düsteren Machenschaften der Insel verloren hat. Ebenso hat auch Patricia als Überlebende eines Serienkillers ihr Päckchen zu tragen und ist darüber hinaus daran vereinsamt, dass niemand ihr so recht glauben will. Schließlich hat auch Tom, der nach außen hin alle Übernatürlichkeit verneint, den berüchtigten Insel-Fluch aus nächster Nähe bei seiner verstorbenen Frau miterlebt.
Damit wird „Widow’s Bay“ nicht nur zum kurzweiligen und ungeheuer spannenden Spaß, sondern erreicht mit der Verzahnung des dunklen Lokalkolorits und persönlichen Schicksalsschlägen auch tiefere Bedeutungsebenen. Man merkt „Widow’s Bay“ an, mit wie viel Hingabe Katie Dippold ihre zwischen Ausweglosigkeit und zarter Aufbruchstimmung gefangenen Figuren geschaffen hat und fiebert bald mit, ob diese über die dunkle Vergangenheit ihrer Insel hinauswachsen können.
Auf welches Projekt sich Horror-Fans demnächst freuen können, erfahrt Ihr hier:
Sie sorgten für zwei der größten Grusel-Highlights der letzten Jahre – jetzt tun sich zwei Horror-Masterminds für einen neuen Film zusammenUnsere Seite bietet dir täglich die neuesten Nachrichten über Kino, Serien und Fernsehen. Füge FILMSTARTS bei Google als bevorzugte Quelle hinzu, um unsere Artikel dort häufiger angezeigt zu bekommen, wenn du nach einem bestimmten Thema suchst – so bleibst du immer auf dem Laufenden.
*Bei dem Link zum Angebot von Amazon handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision.