Nicht nur für den Autor dieser Zeilen, sondern auch für viele Fans ist in Sachen Action „Fast & Furious Five“ der bis heute beste Teil der Reihe. Mit diesem Film machte Justin Lin aus der einstigen Streetracing-Saga endgültig ein gigantisches Heist-Action-Franchise. Er holte dafür Dwayne Johnson als Luke Hobbs an Bord und ließ einen Tresor quer durch Rio de Janeiro ziehen. Wie hochkarätig dieser Film ist, verdeutlicht dabei direkt die Eröffnungssequenz, in der Dominic Toretto (Vin Diesel) aus einem Gefängnisbus befreit wird.
Der Bus-Überschlag am Anfang des Films gehört dabei in den Olymp der außergewöhnlichsten Auto-Actionszenen der Filmgeschichte. Das liegt auch daran, dass er tatsächlich praktisch gedreht wurde, obwohl das zuerst nicht geplant war. Doch eine CGI-Animation der anfänglich nicht einmal im Drehbuch stehenden Szene dauerte zu lange. Ein Stunt mit einem realen Bus und einem Menschen am Steuer war die einzige Möglichkeit – auch wenn eine solche Szene vorher noch niemandem gelungen ist.
Es ist daher kein Wunder, dass ausgerechnet dieser Stunt zu einer der nervenaufreibendsten Aktionen der gesamten Franchise-Geschichte wurde. Doch wie der Filmjournalist Barry Hertz in seinem starken Hintergrundbuch „Welcome To The Family: The Explosive Story Behind Fast & Furious, The Blockbusters That Supercharged The World“* ausführt, half am Ende eine erstaunlich billige Lösung dabei, diese überhaupt möglich zu machen.
Ein Stuntman wartete Jahrzehnte auf genau diesen Moment
Doch der Reihe nach. Im Zentrum unserer Geschichte steht einer der unbesungenen Helden Hollywoods. Der Stuntfahrer Corey Eubanks war schon im Kindesalter verrückt nach Autos und so hatte der Sohn des amerikanischen TV-Moderators Bob Eubanks bald nur einen Berufswunsch: Crashs für Film und Fernsehen zu machen. Sein Traum wurde Realität und er arbeitete schon in jungen Jahren an Kultserien wie „Ein Duke kommt selten allein“, „Das A-Team“ oder „Ein Colt für alle Fälle“. Er wuchs schnell zu einem der Besten der Branche und arbeitete bis heute an deutlich über hundert Filmen. Doch eine Idee konnte er dabei nie realisieren, die er lange mit sich herumtrug. Er wollte mal einen der schweren und vergitterten Gefängnisbusse zum Überschlag bringen.
Wie er Barry Hertz erzählt, hatte er den Glauben an eine Umsetzung schon verloren. Als zu teuer, zu aufwändig und zu riskant wurde die Idee immer wieder abgelehnt. Doch dann kam ein Anruf von Justin Lin, dem er schon bei der gemeinsamen Arbeit an „The Fast And The Furious: Tokyo Drift“ von seiner Idee erzählte. Dabei war im Drehbuch von „Fast & Furious Five“ eine solche Szene gar nicht vorgesehen.
Erst Fan-Feedback für "Fast & Furious Five" macht den spektakulären Bus-Stunt möglich
Der ursprüngliche Plan war es nämlich, die am Ende des vierten Teils „Fast & Furious – Neues Modell. Originalteile“ bereits angeteaserte Flucht des inhaftierten Dom nur mittels TV-Nachrichten-Beiträgen und ohne Bilder der Befreiungsaktion zu erzählen. Doch erste Testscreenings einer frühen Arbeitsfassung von „Fast & Furious Five“ brachten zwei Resultate: Das Publikum war absolut begeistert von der Action. Kein vorheriger Teil der Reihe testete so gut. Aber gleichzeitig wollten die Fans auch sehen, wie Dom befreit wird und eine richtige Anknüpfung an den direkten Vorgänger. „Fast & Furious – Neues Modell. Originalteile“ endet bekanntlich damit, dass sich die Autos von Brian (Paul Walker) und Co. dem Gefängnisbus mit dem inhaftierten Dom nähern.
Auch bei Universal war man von der bisherigen Action so beeindruckt, dass man zusätzliches Geld bereitstellte, um doch noch die Befreiungsaktion zu realisieren. Justin Lin bekam unerwartet also die Chance, genau das zu machen, wovon sein Stuntfahrer Corey Eubanks so lange geträumt hatte. Eubanks war zuvor bereits an der spektakulären, größtenteils mit CGI realisierten Zugszene beteiligt gewesen, die eigentlich als Start-Actionszene gedacht war, und man sollte meinen, er bekäme jetzt endlich die Chance, einen Gefängnisbus umwerfen. Doch Lin und seine Bosse bei Universal sahen das erst einmal ähnlich wie alle anderen, denen Eubanks über zwei Jahrzehnte seine Idee pitchte: zu teuer, zu aufwändig und zu riskant!
Zum Glück war für CGI keine Zeit mehr
Die Actionszene sollte daher digital entstehen. Doch VFX-Supervisor Mike Wassel stellte schnell klar, dass diese Anfrage zu spät kommt und jetzt nicht mehr realisierbar sei. Eine komplett digitale Umsetzung dauere im besten Fall mindestens zehn bis 15 Wochen. Diese Zeit gab es nicht mehr. Man hätte den Kinostarttermin verschieben müssen, was angesichts der bereits investierten Promoausgaben undenkbar war. Da schritt Spezialeffekte-Experte Matt Sweeney ein. Er bat darum, seinem Team drei Wochen zu geben, um den Stunt praktisch vorzubereiten. Er brauche nur einen Fahrer, der verrückt genug sei, sich hinters Steuer zu setzen. Und wie wir wissen, wusste Lin, wen er dafür anrufen musste.
Es begannen umfangreiche Umbauarbeiten an dem Bus. Sitze wurden entfernt, außen kam ein Stahlrahmen dazu, im Fahrerbereich wurde ein dicker Überrollkäfig installiert. Vor allem wurden unter dem Fahrzeug mehrere kanonenartige Geräte installiert. Die sieben Fuß langen und mit unter Druck gesetztem Stickstoff gefüllten Stahlkolben sollten bei Knopfdruck in den Asphalt schießen und den Bus mit massiver Kraft in die Luft reißen.
Nach all diesen Umbauarbeiten wog der Bus etwa 21 Tonnen, was allen noch einmal bewusst machte, warum bislang niemand einen solchen Stunt wagte. Eubanks hatte laut eigener Aussage zu diesem Zeitpunkt höchstens ein Fahrzeug von rund sechs Tonnen überschlagen. Und trotz aller Berechnungen konnte niemand vorhersagen, wie sich ein derart schweres Monstrum verhalten würde und ob der Überrollkäfig beim Aufprall tatsächlich den nötigen Schutz für den Fahrer bietet.
"Ich wusste nicht, ob ich nach Hause komme!"
Wie gefährlich der Stunt war, zeigt eine besonders eindringliche Stelle aus Hertz’ Buch. Eubanks erzählt dort, es sei das erste und einzige Mal in seiner 42-jährigen Karriere gewesen, dass er vor einem Stunt seine Lebensversicherung herausholte und seiner ältesten Tochter gab. Seine Frau Sally, selbst erfahrene Stuntfrau, reiste zudem mit nach Kalifornien, um in der Nähe zu sein, falls er in die Notaufnahme musste. „Ich wusste nicht, ob ich danach nach Hause komme“, erklärte der Stuntfahrer.
Auch das Set wurde entsprechend gesichert. Nur die Kamerawagen standen bereit und ein Helikopter filmte von oben. Der Rest der Crew hielt enormen Abstand. Niemand außer dem Kamerateam durfte näher als eine Viertelmeile an den Stunt heran. Zu groß war die Sorge, dass der Bus unkontrolliert durch die Gegend schleudert.
Der Stunt misslang und die Idee schien gescheitert
Beim ersten Versuch entstand dann wirklich eine lebensgefährliche Situation – allerdings später als gedacht. Erst einmal ging etwas anderes schief. Eubanks löste zwar im perfekten Moment die Überschlagvorrichtung aus, doch von den Luftkanonen zündete nur ein einziger Kolben. Der Bus drehte sich zwar auf das Dach, fiel dann aber wieder auf die Seite. Es war weit weg von dem spektakulären mehrfachen Überschlag, den man sich erhofft hatte. Für den Film war die Aufnahme nicht nicht genug.
Gefährlich wurde es überraschend danach. Als das Team untersuchte, was schiefgelaufen war, löste sich plötzlich ein weiterer Kolben und schoss in die Luft genau in den Bereich, in dem kurz zuvor noch der Helikopter geflogen war. Danach zündete auch noch eine weitere Kanone, doch zum Glück wurde auch davon niemand verletzt.
Doch die Stimmung war trotzdem mies. Man stand kurz davor, die Sache abzublasen. Bei Universal ging man davon aus, dass der Stunt nicht zu retten ist. Doch zum Glück blieb das Team hartnäckig und wollte unbedingt wissen, was schiefgelaufen ist. Dabei gab es eine überraschende Diagnose. Die ganze Vorrichtung war keine Fehlplanung, wie es befürchtet wurde. Es wurde ein Problem identifiziert, das lösbar war.
Wie viel Geld braucht ihr?
Angesichts der bereits getätigten Investitionen war Universal bereit, dem Team eine weitere Chance zu geben. Wie viel zusätzliches Budget werde denn benötigt, um die Vorrichtung betriebsbereit zu machen? Wir können uns nur zu gut vorstellen, wie sich die Verantwortlichen des Filmstudios schon für die nächste Millionenausgabe bereit machte und dann von der Antwort überrascht wurden: 7,50 Dollar!
Denn der Fehler war ein sehr klein. Es brauchte nur ein elastisches Seil für das Schnelllöseventil der Kanone. Und wie Hertz ausführt, kostete das im nächsten Baumarkt gerade einmal 7,50 Dollar.
Okay, wir sind ehrlich. Mit der Summe klingt die Story einfach am besten und so erzählen sie sich die Beteiligten am liebsten. Universal musste dann doch etwas tiefer in die Tasche greifen. Schließlich war auch noch zusätzliche Arbeit nötig. Denn beim Fehlversuch wurde die Front des Busses komplett zerstört. Zum Glück fand das Team in der Nähe einen weiteren Bus, von dem man die Außenhaut entfernen und auf dem bereits umgebauten Stuntbus befestigen konnte. Laut Hertz mussten so 27 Leute noch einmal zwei Arbeitstage investieren, was die Rechnung natürlich noch ein wenig in die Höhe trieb.
Ein Stunt, der Filmgeschichte schrieb und über den sich der Kopf dahinter trotzdem etwas ärgert
Beim zweiten Anlauf klappte dann alles perfekt. Der gemessen an Größe und Masse des eingesetzten Gefährts größte Fahrzeugstunt der Filmgeschichte lief reibungslos ab. Mehrfach überschlug sich der Bus spektakulär. Corey Eubanks erfüllte sich seinen Traum. Beim Taurus World Stunt Award, dem bedeutendsten Preis der Branche, räumte „Fast & Furious Five“ mit vier Awards den Großteil der Auszeichnungen ab. Darunter gab es dank der Busszene die Auszeichnung für die beste Arbeit mit einem Vehikel. Hier könnt ihr euch die Szene, die nur sehr kurz, aber dafür ausgesprochen beeindruckend ist, noch einmal anschauen:
Eigentlich müsste Eubanks voller Stolz auf diesen Moment zurückblicken und das macht er in Interviews auch. Doch eine Sache wurmt ihn heute noch. Als der Zugstunt größtenteils mit CGI statt mit der Arbeit der Stunt-Experten realisiert wurde, gab Justin Lin Eubanks eine kleine Schauspielrolle in der Szene, um ihn mit einer Abspannnennung zu versorgen. Als dann durch den späteren Dreh der Busszene doch sein eigentliches Talent gefragt wurde, blieb ihm eine weitere Nennung als Teil des Stuntteams verwehrt – und zwar laut seiner Aussage, weil er schon als Schauspieler in den Credits stand. Zu seinem Ärger steht er also ausgerechnet für den größten Stunt seiner Karriere nicht in der Stunt-Sektion der Abspanncredits.
Übrigens soll das „Fast & Furious“-Franchise bald um eine Serie wachsen. Was im Mittelpunkt dieser stehen könnte, verraten wir euch im folgenden Artikel:
Nach Vin Diesels Ankündigung von "Fast & Furious"-Serien: Diese Spin-off-Ideen gibt es bereitsUnsere Seite bietet dir täglich die neuesten Nachrichten über Kino, Serien und Fernsehen. Füge FILMSTARTS bei Google als bevorzugte Quelle hinzu, um unsere Artikel dort häufiger angezeigt zu bekommen, wenn du nach einem bestimmten Thema suchst – so bleibst du immer auf dem Laufenden.
*Bei dem Link zum Angebot von Amazon handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision.