Wer "Der Pate" liebt, muss dieses Meisterwerk unbedingt gesehen haben – Spionage, Intrigen und umwerfende Bilder
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.

Er kam bloß gekürzt in die deutschen Kinos, jetzt ist „Der große Irrtum“ uncut auf DVD, Blu-ray und 4K-Disc erschienen: Der bildgewaltige, tiefenpsychologisch ausgeklügelte Klassiker über Mitläufertum ist ein Muss – nicht nur für „Der Pate“-Fans.

Ein Mann, der in Nähe des Amoralischen lebt, sich selbst für integer hält, und sich sukzessive in die Arme der Verdorbenheit begibt – aus Bequemlichkeit, mangelndem Widerstandsvermögen und aus Furcht, für sich einzustehen: Das ist der Stoff, aus dem einige tragisch-mahnende Stoffe sind, darunter die „Der Pate“-Saga.

Die Art und Weise, wie Regisseur Francis Ford Coppolas in seinem Mafia-Meilenstein aus dem Jahr 1972 die verblassenden Werte Michael Corleones anklagt, weckt Erinnerungen an ein zwei Jahre zuvor veröffentlichtes Meisterwerk des europäischen Politkinos – und „Der Pate II“ umfasst sogar direkte, visuelle Parallelen zu diesem Ausnahmefilm:

Der große Irrtum“ von „Der letzte Tango in Paris“-Regisseur Bernardo Bertolucci handelt von einem rückgratlosen Mann, der sich im Italien der 1930er dem Faschismus anschließt – nicht, weil er dessen menschenverachtende Ideologie unterschreibt, sondern weil Mitläufertum von ihm weniger Anstrengung erfordert, er Angst vor eigenen Ideen hat und sich von Individualität eingeschüchtert fühlt. Ein bedauerlicherweise zeitlos relevanter Stoff also – und diese Woche ist „Der große Irrtum“ erstmals in Deutschland ungeschnitten im Heimkino erschienen, darunter als 4K-Mediabook.

Trotz einer FSK-Freigabe ab 18 Jahren fielen bei der deutschen Kinopremiere etwa drei Minuten der Schere zum Opfer. Diese gestutzte Fassung war lange Zeit die einzige, die im hiesigen Fernsehen gezeigt wurde – erst seit etwas mehr als einem Jahrzehnt wird auch in Deutschland der komplette Film gezeigt.

Darum geht es in "Der große Irrtum"

Seit eines traumatischen, folgenschweren Vorfalls in seiner Jugend ist Marcello Clerici (Jean Louis Trintignant) von Schuldkomplexen zerfressen, noch dazu hadert er damit, sich seine Homosexualität einzugestehen. Als sich Italien in den 1930ern dem Faschismus öffnet, kämpft Marcello nicht etwa gegen diese abscheuliche Ideologie an, sondern verleugnet sich selbst und erklimmt emsig die faschistoide Karriereleiter.

Er wird vom kleinen Zahnrad im bürokratischen Getriebe zum eifrig buckelnden, den Antifaschismus bekämpfenden Geheimpolizisten, heiratet die Kleinbürgerin Giulia (Stefania Sandrelli) und soll in Paris den linken Professor Luca Quadri (Enzo Tarascio) ermorden. Dessen Gattin Anna (Dominique Sanda) hat derweil ein lüsternes Auge auf Giulia geworfen. Und sie alle werden kritisch vom Geheimpolizisten Manganiello (Gastone Moschin) beschattet...

Eindringlich-aussagekräftige Bilder, eine relevante und tiefenpsychologische Narrative

Im Gegensatz zur von Alberto Moravia verfassten Romanvorlage „Der Konformist“*, die einen sachlichen, allwissenden Erzähler hat, ist Bertoluccis Filmadaption eine sprunghafte, fragmentarische Erfahrung, die sich Marcellos lückenhafter, sehr subjektiv eingefärbter Wahrnehmung angleicht. Diese Bewusstseinsstrom-Narrative zeigt auf, wie trügerisch Erinnerungen und Gefühle sein können und untergraben beim aufmerksam mitdenkenden Publikum konsequent die verlogenen Versuche des Protagonisten, sein Handeln zu rechtfertigen.

Dieses entlarvende Psychogramm dient zugleich als angemessen unerbittliche Abrechnung mit der Unmenschlichkeit des Faschismus und der tragischen Feigheit des Mitläufertums. Das beschränkt sich nicht bloß auf die Narrative, sondern setzt sich nahtlos auf ästhetischer Ebene fort.

Bertolucci und „Apocalypse Now“-Kameramann Vittorio Storaro kreieren einen faszinierenden Look, der diesig-trüben Lichteinsatz mit starken Kontrasten und gewagten Kamerawinkeln vereint – inklusive gelegentlichem, aufwühlendem Einsatz von Handkamera. Besonders effektiv: Die Figuren werden mehr und mehr zu unbedeutendem, niedrig in der Gesamtkomposition angeordnetem Leben vor gigantischen Bauten – ganz im entwürdigenden, den einzelnen Menschen missachtenden Sinne der faschistischen Gesellschaft, in der „Der große Irrtum“ spielt.

Und wenn ihr danach eine weitere, provokante Abrechnung mit gesellschaftlichen Fehlstellungen schauen wollt, aber Lust auf einen Film aus diesem Jahrzehnt habt: Befolgt doch auch diesen Serienkiller-Heimkino-Tipp...

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