Nach 70 Jahren Wartezeit: Endlich soll das Epos des Machers eines der besten Filme aller Zeiten erscheinen
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Mit „Citizen Kane“ hat Orson Welles eines der größten Meisterwerke der Filmgeschichte gemacht. Jetzt soll noch ein anderes Werk des Regisseurs erscheinen. Es ist eines der legendärsten unvollendeten Projekte des Kinos.

El Silencio Producciones

Schon mit seinem Regiedebüt „Citizen Kane“ schuf Orson Welles 1941 einen Meilenstein, der regelmäßig in Listen der besten Filme aller Zeiten auftaucht und das Kino nachhaltig geprägt hat. Doch so sehr Welles für vollendete Meisterwerke wie „Citizen Kane“ oder den für den Autor dieser Zeilen sogar noch beeindruckenderen „Im Zeichen des Bösen“ gefeiert wird, so sehr ist sein Name auch mit einigen nie abgeschlossenen Projekten verbunden.

Das berühmteste und gigantischste davon ist wohl „Don Quijote“. Nach ersten Testaufnahmen im Jahr 1955 begann Orson Welles 1957 mit den richtigen Arbeiten an seiner ganz eigenen Version des Romanklassikers von Miguel de Cervantes. Zuerst war es noch ein nur 30 Minuten langes Fernsehprojekt, das von Frank Sinatra finanziell unterstützt wurde. Nachdem diese Pläne scheiterten, ließ den Filmemacher der Stoff aber nicht mehr los. Auch ohne Finanzierung machte er weiter und entwickelte dabei eine immer epischer werdende Vision. Immer wieder, wenn sich Geld und Gelegenheit ergaben, drehte Welles ein paar neue Szenen.

Über Jahrzehnte arbeitete der Regisseur so an seinem Epos. Bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1985, also fast 30 Jahre lang, entstanden so neue Szenen. Gedreht wurde unter anderem in Mexiko, Italien und Spanien. Doch fertig wurde der Film trotz einer kursierenden Fassung nie. Nun könnte sich das nach rund 70 Jahren Wartezeit ändern.

Ein Mammutprojekt in europäischer Zusammenarbeit

Unter anderem wegen der ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte liegt das vorhandene Material in verschiedenen Filmarchiven. Teilweise war Material sogar im Besitz privater Sammler und es gab Rechtsstreitigkeiten, um dieses herauszubekommen. Wie das britische Magazin The Guardian berichtet, haben sich jetzt mehrere Institutionen zusammengeschlossen. Erstmals ist dadurch all das vorhandene Material beisammen, um eine möglichst originalgetreue Rekonstruktion von „Don Quijote“ zu erstellen. Beteiligt sind dabei Archive aus Frankreich, Spanien und Italien sowie das Filmmuseum München.

Leiten soll die Arbeit Esteve Riambau, Welles-Experte und früherer Chef des katalanischen Filmarchivs. Einfach wird die Aufgabe allerdings nicht: Ein großer Teil des Materials liegt offenbar noch gar nicht in einer Form vor, mit der direkt gearbeitet werden kann. Daher müssen die existierenden Filmaufnahmen erst einmal für eine Weiterverarbeitung digitalisiert werden. Mit einer schnellen Veröffentlichung ist deswegen auch nicht zu rechnen. Riambau geht davon aus, dass das Team mindestens bis 2028 brauchen wird, bevor der Film erscheinen wird.

Das sind einige der größten Herausforderungen

Die Version soll sich auch deutlich von einer bereits 1992 von Skandalfilmer Jess Franco verantworteten, rund zwei Stunden langen Fassung unterscheiden. Der hatte damals nur Zugriff auf einen Teil des Materials, fertigte zudem neue Audioaufnahmen an, die auf großes Befremden stießen. Viele Filmhistoriker*innen sind auch der Meinung, dass Franco nicht verstanden hat, was Welles vorhatte und „sein“ Film daher wenig mit der Originalvision des „Citizen Kane“-Machers zu tun hat.

Dies soll jetzt anders sein. Doch auch hier wird es zahlreiche Herausforderungen wie zum Beispiel beim bereits angesprochenen Ton geben. So sollen zahlreiche Aufnahmen existieren, in denen nicht die Schauspieler Francisco Reiguera und Akim Tamiroff, sondern Welles selbst die Stimmen der Hauptfiguren Don Quijote und Sancho Panza eingesprochen hat. Dazu ist der Großteil des Materials in Schwarzweiß gedreht, einzelne Szenen aber auch in Farbe. Ein komplettes Drehbuch fehlt, es gibt nur Teile. Was Welles vielleicht noch drehen wollte, wie er Szenen arrangiert hätte, kann nur vermutet werden.

Als würde man an einem Mosaik bauen, bei dem Teile fehlen

Doch trotzdem wollen die Verantwortlichen keine Fantasie-Fassung bauen, sondern die originale Idee rekonstruieren. Riambau wählt dabei in seiner Stellungnahme gegenüber dem Guardian einen Vergleich: „Wir werden nichts erfinden und keine Spezialeffekte benutzen, um die Lücken zu füllen. Wir arbeiten nicht mit Hypothesen. Die Idee ist, das Original so weit zu zeigen, wie es möglich ist. Aber es ist, als würde man an einem Mosaik arbeiten, bei dem Teile fehlen.“

Wie vollständig die Vision von Welles am Ende tatsächlich rekonstruiert werden kann, bleibt offen. Riambau macht Hoffnung, weiß es aber selbst noch nicht, weil das ganze Material jetzt erstmals in einer Hand ist, man sich erstmals einen kompletten Überblick verschaffen kann: „Es wäre überraschend, wenn wir entdecken würden, dass jede Szene gedreht wurde. Aber ich glaube, es gibt genug.“

Erwartet keine klassische "Don Quijote"-Adaption

Aber auch jenseits der außergewöhnlichen Produktion mit Szenen, die vielleicht gar nicht existieren, und anderen, die im Abstand von fast 30 Jahren entstanden sind, solltet ihr keine reguläre Adaption des wohl bekanntesten Romans der spanischen Literaturgeschichte erwarten. Denn Welles ging sehr frei mit der Vorlage um. So soll sein „Don Quijote“ die berühmte Ritterfigur in eine moderne Welt als im Buch versetzen.

Im Roman greift Don Quijote ein Puppentheater an, weil er glaubt, eine Heldin retten zu müssen. Bei Welles wird daraus laut Riambau eine Szene in einem Kino in Mexiko, in welcher der Ritter, der unfähig erscheint, zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden, die Leinwand attackiert, um die Frau zu beschützen, die er da erblickt und in Gefahr wähnt.

Noch müssen wir uns ein wenig gedulden, bis wir das hoffentlich zu sehen bekommen. Es bahnt sich aber auf jeden Fall eine Sensation für Filmfans an, wenn es 2028 plötzlich wirklich, dann über 70 Jahre nach Drehstart, „Don Quijote“ von Orson Welles im Kino geben sollte. Einen Film, auf den ihr nicht annähernd so lange warten müsst, bevor ihr ihn erst im Kino und dann bei Netflix sehen könnt, stellen wir euch im folgenden Artikel vor:

Vor Netflix-Start sogar noch im Kino: In "23 000 Leben" geht es um echte Helden – hier ist der erste Trailer

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Björn Becher
Björn Becher
-Mitglied der Chefredaktion
Seit mehr als 20 Jahren schreibt Björn Becher über Filme und Serien. Hier bei FILMSTARTS.de kümmert er sich um "Star Wars" - aber auch um alles, was gerade im Kino auf der großen Leinwand läuft.
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