Aus den 24 Rhapsodien, in die Homers „Odyssee“ unterteilt ist, hat Christopher Nolan („The Dark Knight“) nun ein fast dreistündiges Fantasy-Abenteuer geformt, das sich über weite Strecken durchaus eng an die literarische Vorlage hält – sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich der nicht-linearen Erzählstruktur. Zugleich nimmt sich Nolan in seinem Drehbuch aber die Freiheit, an einigen Stellen von Homers Epos abzuweichen, um der Geschichte einen unverkennbar eigenen Stempel aufzudrücken.
Das zeigt sich nicht nur darin, dass Nolan einzelne Episoden der zehnjährigen Irrfahrt des Odysseus (Matt Damon, „Good Will Hunting“) verdichtet oder verkürzt, damit sie auf der großen Leinwand ihre volle Wirkung entfalten. Er verleiht auch Figuren einen neuen erzählerischen Kontext und eröffnet der Geschichte dadurch zusätzliche Bedeutungsebenen. Besonders eindrucksvoll wird das an der von Zendaya („Dune“-Franchise) gespielten Athene deutlich. Vorsicht, es folgen Spoiler zu „Die Odyssee“.
Christopher Nolans grandioser Athene-Kniff
Schon früh wurde bekannt, dass Zendaya in „Die Odyssee“ als Athene zu sehen sein wird, die Göttin der Weisheit, der Klugheit und der strategischen Kriegskunst. Eine Figur von zentraler Bedeutung in Homers Epos: Schließlich ist sie es, die Zeus darum bittet, Odysseus endlich die Rückreise zu gestatten. Darüber hinaus unterstützt sie ihn immer wieder dabei, seine Ziele nicht allein mit bloßer Gewalt, sondern vor allem mit Klugheit zu erreichen, und greift in den entscheidenden Momenten lenkend in das Geschehen ein.
In Homers „Odyssee“ erscheint Athene sowohl in ihrer göttlichen Gestalt als auch in verschiedenen menschlichen Verkleidungen. Christopher Nolan entscheidet sich in „Die Odyssee“ hingegen dafür, die Figur konsequent von Zendaya verkörpern zu lassen. Doch darin erschöpft sich seine Interpretation nicht. Vielmehr verleiht er Athene eine zweite Bedeutungsebene, die unter die Haut geht und die Reise des Odysseus im Nachhinein noch stärker als Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld und den Folgen des eigenen Handelns begreift.
Odysseus muss Rechenschaft ablegen
Im letzten Drittel von „Die Odyssee“ kehrt Nolan in einem Rückblick zum Fall Trojas zurück. Gezeigt wird, wie Odysseus und seine Männer aus dem Trojanischen Pferd steigen und die Stadt ihrem Untergang preisgeben. Tatsächlich haben Odysseus – der ursprünglich nie am Krieg teilnehmen wollte und in Homers Vorlage sogar vergeblich eine Geisteskrankheit vortäuschte – und seine Gefährten bereits in diesem Moment gegen das Gesetz des Zeus verstoßen: Sie täuschen ein göttliches Geschenk vor, das in Wahrheit nichts als Tod und Verderben in sich trägt.
Doch Nolan belässt es nicht bei diesem Verstoß gegen die geltende Ordnung. Er geht einen entscheidenden Schritt weiter und zeichnet Odysseus nach heutigem moralischem Verständnis als einen Kriegsverbrecher. Einen Mann, der Mitverantwortung dafür trägt, dass Zivilisten kaltblütig ermordet, Häuser niedergebrannt sowie Frauen und Kinder versklavt werden. Und genau hier setzt der vielleicht klügste Einfall des Films an: Vor den Augen des Odysseus wird eine junge Priesterin enthauptet – ebenfalls verkörpert von Zendaya.
Dadurch erhält jede spätere Erscheinung Athenes eine zusätzliche, zutiefst bittere Dimension. Weil die Göttin dasselbe Antlitz trägt wie die junge Frau, die Odysseus zuvor sterben sah, wird jede Begegnung zugleich zur Erinnerung an seine eigene Schuld. Seine Irrfahrt verwandelt sich so in einen Bußgang, seine Heimkehr in den Versuch, Rechenschaft über die eigenen Taten abzulegen. Schließlich trägt Odysseus nicht nur Verantwortung für das Leid, das sein jahrelanges Fernbleiben über Ithaka bringt, sondern auch für die Gräuel eines Krieges, der seine Heimat nicht einmal unmittelbar bedrohte. Ob Christopher Nolan seine Hauptfigur unter diesen Vorzeichen tatsächlich noch als klassischen Helden begreift, darf deshalb mit guten Gründen hinterfragt werden.
Warum es in den Augen meines Kollegen Stefan Geisler derweil ein großes Problem ist, dass Elliot Page in „Die Odyssee“ gerade nicht – wie zuvor oft gemunkelt – Achilles spielt, könnt ihr indes im folgenden Artikel nachlesen:
Elliot Page spielt in "Die Odyssee" NICHT Achilles – und das ist ein großes Problem