Achtung, im folgenden Text gibt es leichte Spoiler zu Christopher Nolans „Die Odyssee“. Wenn ihr den Film also komplett ohne Vorwissen sehen möchtet, dann schaut ihn erst im Kino und lest dann unseren Artikel.
Gewisse Ecken des Internets waren schon weit vor der Veröffentlichung von „Die Odyssee“ in hellem Aufruhr. Elliot Page – und damit ein Transmann – soll von Christopher Nolan in „Die Odyssee“ als Achilles gecastet worden sein. Damit hätte er indirekt die Nachfolge von Brad Pitt angetreten, der 2004 in Wolfgang Petersens „Troja“ diese Rolle verkörperte. Natürlich kann man sich denken, aus welcher politischen Richtung vollkommen unangemessen schon im Vorfeld gegen die Besetzung von Page Stimmung gemacht wurde. Letztendlich war die ganze Aufregung auch völlig umsonst, denn Achilles kommt im Film überhaupt nicht vor. Der Schauspieler spielt stattdessen eine gänzlich andere Rolle, doch ist hier leider vollkommen fehlbesetzt.
Elliot Page stand für Christopher Nolan in „Die Odyssee“ als Sinon vor der Kamera. In der Vorlage ist dieser ein griechischer Soldat, der sich absichtlich von den Trojanern gefangen nehmen ließ, um diese dann durch eine überzeugende Trugrede dazu zu bringen, das Trojanische Pferd in die Stadt zu ziehen. In Nolans Vision kommt ihm eine ähnliche Rolle zu. Jedoch schafft er es hier gar nicht, die Trojaner mit seinen Worten zu umgarnen, denn kurz nachdem er den Mund aufgemacht hat, wird er von einem Pfeil tödlich verletzt.
Ein tragisches Opfer
Sinon wird hier zur absoluten Verkörperung der verlorenen jugendlichen Unschuld. In Rückblenden erfahren wir, dass Sinon als Junge per Losverfahren bestimmt wurde, um Odysseus auf seiner Reise zu begleiten. Sein genaues Alter wird nicht verraten, aber er ist zu diesem Zeitpunkt noch erkennbar ein Kind. Dementsprechend ist er am Ende des Trojanischen Krieges, der zehn Jahre in Anspruch genommen hat, gerade einmal um die 20 Jahre alt – und damit in der Blüte seines Lebens.
Sinon hat seine gesamte Jugend auf dem Schlachtfeld von Troja zugebracht, ist dort erwachsen geworden – und hat inmitten von Gewalt und Blut seine prägenden Jahre verbracht. Damit ist er selbst tragisches Opfer eines Krieges, in den er nicht freiwillig gezogen ist. Dass er letztlich auch noch von Odysseus benutzt wird, um den Trojanern das mörderische Pferd unterzuschieben – und dafür sogar mit seinem Leben bezahlt – macht deutlich: Sinon steht für die jugendliche Unschuld, die auf dem Schlachtfeld geopfert wird, um den Sieg im Kampf zu erringen.
Leider kann Elliot Page diese Rolle nicht passend verkörpern. Er wirkt seltsam fehlbesetzt, denn seine fast 40 Jahre sieht man dem Schauspieler deutlich an. Das Stars altern, ist an sich ja auch vollkommen natürlich, aber einen Part, der so sehr einen bestimmten Archetyp verkörpern soll, muss nun einmal optisch zwingend passend. Da hilft es auch nicht, dass der Mime kaum Dialog bekommt, mit der er seiner Figur noch groß Tiefe verleihen könnte. Vielleicht wäre er da tatsächlich in einer reiferen Rolle – als namhafter Krieger oder wichtige Nebenfigur an der Seite von Odysseus – besser besetzt gewesen.
Übrigens ist ein Oscar-prämiertes Meisterwerk dafür verantwortlich, dass wir „Die Odyssee“ überhaupt im Kino erleben können. Mehr dazu erfahrt ihr hier:
"Es hat geholfen, dass er erfolgreich war": Christopher Nolans "The Odyssee" wäre ohne diesen Oscar-Hit gar nicht möglich gewesen