Meisterwerk? Von wegen! Darum ist "Die Odyssee" der schwächste Christopher-Nolan-Film für mich
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Meisterwerk! Meilenstein! Beispiellos! Viele feiern Christopher Nolans „Die Odyssee“ als formvollendetes Ausnahmewerk. Ich kann mich diesen Lobeshymnen so gar nicht anschließen. Dafür ist der Event-Blockbuster viel zu seelen- und emotionslos geraten.

Christopher Nolans Filme waren schon immer Kritikerlieblinge, während sich manche Zuschauer mit der verschachtelten Struktur und der verschwurbelten Erzählweise seiner Werke schwertun. Dennoch werden selbst komplexe Mindfuck-Thriller wie „Memento“ oder „Inception“ vom Publikum gefeiert. Bei „The Odyssee“, Nolans Verfilmung des antiken Homer-Epos, scheinen sich einmal mehr alle „Fraktionen“ – Fachpresse wie Kinogänger*innen – einig zu sein.

Lobeshymne folgt auf Lobeshymne. Die Besprechungen und Reaktionen sind geradezu euphorisch. Davon zeugen eine starke Zuschauer-Wertung von 8,4 auf IMDb sowie ein Kritiker-Score von 95 Prozent auf Rotten Tomatoes – wodurch „The Odyssee“ zum aktuell bestbewerteten (!) Nolan-Film auf der Kritiken-Sammelseite wird. Ich kann mich dieser extremen Begeisterung leider nicht anschließen. Für mich ist die 250 Millionen Dollar teure Mega-Produktion sogar Nolans bislang schwächster Film.

"The Odyssee" scheitert am eigenen Spektakel

Eins vorweg: Ich halte "The Odyssee" bei weitem nicht für einen Totalausfall. Der spektakulär in Szene gesetzte Fantasy-Action-Blockbuster ist eine regelrechte audiovisuelle Urgewalt und in seiner technischen Perfektion beeindruckend. Der „IMAX-Effekt“ und der opulente Bilderrausch sind gleichzeitig jedoch für die größte Schwäche des immens erfolgreich gestarteten Films verantwortlich.

"Die Odyssee" stellt Rekord für Christopher Nolan auf: So gut ist der Fantasy-Blockbuster gestartet

Häufig fällt in „Odyssee“-Kritiken die inflationär genutzte Zuschreibung „Meisterwerk“. Für mich gehört zu einem Meisterwerk vor allem eine emotionale Bindung zu den Figuren – und das hat bei „The Odyssee“ völlig gefehlt. Nolan konzentriert sich zu sehr auf die visuelle Wucht und sein kolossales Überwältigungskino. Er vernachlässigt damit aber radikal die Charakterzeichnung. Mit der Folge, dass einem die Figuren seltsam fremd erscheinen.

Ich würde sogar noch weiter gehen: Mir persönlich waren das Schicksal des griechischen Helden, seiner Frau Penelope oder seines Sohnes Telemachos (ebenso wie aller anderen Figuren) total egal. Ich empfand eine seltsame Distanziertheit zu allen Handelnden, sie wirkten auf mich allesamt unterkühlt und unnahbar. Selbst in einem Film, der von seinen fantastischen Elementen und mythenumrankten Ereignissen lebt, dürfen einem die Protagonisten nicht gänzlich gleichgültig sein. Bei „The Odyssee“ killt die überbordende Gigantomanie der High-Tech-Inszenierung aber schlicht jegliches Gefühl. Am Ende verbleiben skizzenhaft angelegte Charaktere, die emotional nicht fassbar sind.

Die Odyssee
Die Odyssee
Starttermin 16. Juli 2026 | 2 Std. 53 Min.
Von Christopher Nolan
Mit Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway
User-Wertung
4,1
Filmstarts
4,5
Vorführungen (742)

Für Nolan ist der Promi-Cast nur Deko

Natürlich kann Nolan auch anders. Unvergessen: Die zentrale Vater-Tochter-Verbindung in „Interstellar“ oder die verhängnisvolle Beziehung zwischen Traumwandler Cob und seiner Frau im Sci-Fi-Thriller-Drama „Inception“. Eindrückliche, packende zwischenmenschliche Beziehungen dieser Art findet man in „The Odyssee“ nicht. Was man hingegen noch vorfindet, ist ein beispielloses Verheizen an namhaften Darstellern.

Das Star-Ensemble ist beeindruckend und liest sich wie ein „Who’s Who“ der größten Hollywood-Schauspieler. Doch was bringt einem der erlesenste Promi-Cast, wenn man diesen rigoros verschwendet? Viele Darsteller tauchen unerwartet und kurz auf, verschwinden aber genauso schnell wieder von der Bildfläche. Sie erweisen sich als austauschbare Stichwortgeber, die wenig bis nichts zur Handlung beitragen und mit wenigen Minuten Screentime abgespeist werden. Von Mia Goth als Magd Melantho über Zendaya (Athene) und Lupita Nyong’o als Schwestern-Doppel Helena/Klytaimenstra bis hin zu Elliot Page, der als Kundschafter Sinon einen (gefühlt) bedeutungslosen Mini-Auftritt hinlegt.

Zweite Reihe: Etliche Stars wie Zendaya tauchen nur wenige Minuten auf Universal Pictures
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Dieses Star-Hopping passt sich der episodischen Erzählstruktur des Films an. „The Odyssee“ erscheint nämlich viel zu oft wie eine Aneinanderreihung einzelner, kurzer (Action-) Episoden. Im Mittelteil reiht Nolan eine todbringende Gefahr und „göttliche Prüfung“ an die nächste. Diese arbeitet er fast gelangweilt und pflichtbewusst ab. Auf die Begegnung mit dem Höhlen-Zyklopen und der Zauberin Circe folgen in Windeseile die Sirenen und der gehetzte Kampf gegen das Seemonster Skylla. Dazwischen wird Odysseus sieben Jahre lang von der Göttin Kalypso gefangen gehalten und ein ums andere Mal bedrohen heftige Stürme sein Leben. Und die Geschichte vom Trojanischen Pferd bringt Nolan natürlich auch noch unter. Wolfgang Petersen hat darüber vor 22 Jahren einen ganzen Film gedreht. So wirkt „The Odyssee“ letztlich ziemlich überfrachtet, vollgestopft und rastlos.

Ihr habt Petersens „Troja“ über die Hintergründe des trojanischen Krieges noch nicht gesehen und seid dazu Amazon-Prime-Kunden? Dann dürft ihr euch freuen, denn passend zum „Odyssee“-Kinostart gibt es das Historien-Epos seit kurzem auf Amazon Prime Video:

Neu auf Amazon Prime Video: Epische Historien-Action für "Die Odyssee"-Fans – packendes Abenteuer mit Liebe, Krieg, Verrat & Superstars
Björn Schneider
Björn Schneider
-Freier Autor
Seit Björn als Kind „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „Hook“ gesehen hat, ist er vom Medium Film und seinen (audio-)visuellen Möglichkeiten fasziniert. Am liebsten schaut er Horror, Western, Mystery und Thriller. Musicals und romantische Komödien kosten ihn allerdings Überwindung.
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