Der Jahrgang 2012 der Internationalen Filmfestspiele Venedig hatte im Wettbewerb einige Filme zu bieten, die bis heute gefeiert werden: Paul Thomas Anderson präsentierte sein am Leben von Scientology-Gründer Ron L. Hubbard angelehntes Drama „The Master“, Ulrich Seidl setzte seine „Paradies“-Trilogie mit „Paradies: Glaube“ fort und Harmony Korine steuerte seinen inzwischen zum Kultfilm avancierten Streifen „Spring Breakers“ bei.
Doch in der Festival-Nebensektion Orrizonti lief zugleich ein Film, der allein aufgrund seiner Existenz als Sensation galt und heute zu einem der besten Filme aller Zeiten zählt: „Das Mädchen Wadjda“ von der saudi-arabischen Regisseurin Haifaa Al Mansour.
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Darum geht's in "Das Mädchen Wadjda"
Die zehnjährige Wadjda (Waad Mohammed) lebt mit ihren Eltern in einem Vorort von Riad und interessiert sich herzlich wenig für die strengen Sittsamkeitsregeln Saudi-Arabiens: Zuhause hört sie westliche Rockmusik, in der Schule trägt sie unter dem vorgeschriebenen Gewand Chucks und beneidet den Nachbarsjungen Abdullah (Abdullrahman Al Gohani) um sein Fahrrad. Auf dem Weg zur Schule läuft sie täglich an einem Spielzeugladen vorbei, vor dem ein grünes Fahrrad zum Verkauf angeboten wird. Doch ihre Mutter (Reem Abdullah) lehnt das mit dem Verweis darauf ab, dass sich Fahrradfahren für Mädchen nicht gehöre.
Also versucht Wadjda das Geld für ihren Traum selbst durch kleine Verkäufe an Schulkameradinnen zusammenzukratzen. Als auch dies nicht reicht und ihr noch dazu weiteren Ärger in der Schule einhandelt, beschließt sie mit Blick auf das Preisgeld an einem Koranvers-Rezitationswettbewerb teilzunehmen. Unterdessen hat Wadjdas Mutter ganz andere Sorgen daheim und befürchtet, dass sich ihr Ehemann (Sultan Al Assaf) eine Zweitfrau nehmen könnte…
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Produktion über holprige Umwege
Aus dieser zunächst simpel scheinenden Erzählprämisse um ein begehrtes grünes Fahrrad hat Drehbuchautorin und Regisseurin Haifaa Al Mansour in „Das Mädchen Wadjda“ ein beeindruckendes Drama über weibliches Freiheits- und Emanzipationsstreben in einer streng reglementierten Umgebung geschaffen. Doch der Weg dahin war ein steiniger: Von einer nennenswerten Filmindustrie war Saudi-Arabien zur Entstehungszeit von „Das Mädchen Wadjda“ weit entfernt – seit den 1980ern stand das Königreich Filmen und Kinos feindselig gegenüber, letztere waren bis 2017 gar gänzlich verboten.
Entsprechend hatte es Al Mansour schwer mit der Realisierung ihres Filmprojekts. Zwar steuerte der saudische Prinz Alwaleed bin Talal zwar Geld über seine Produktionsfirma Rotana bei und mit der deutschen Produktionsfirma Razor Film stand Al Mansour auch international Unterstützung zur Seite.
Doch das Vorhaben, tatsächlich vor Ort in Riad zu drehen gestaltete sich aufgrund der vorgeschriebenen Geschlechtertrennung im öffentlichen Leben schwierig. Um produktionsverzögernden Kontrollen durch die Sittenwächter zu entgehen, führte Al Mansour bei vielen der Szenen von „Das Mädchen Wadjda“ aus der Distanz Regie und gab ihre Anweisungen per Walkie-Talkie aus einem Transporter an die Crew durch.
Doch die vielen Umwege haben sich schließlich gelohnt: Nach der Premiere in Venedig erhielt „Das Mädchen Wadjda“ durchweg positive Kritiken. Auch Michael Meyns zeigte sich in seiner Filmstarts-Kritik begeistert von diesem „undogmatischen, differenzierten Gesellschaftsporträt“ und vergab 4 von 5 Sternen. Auf Rotten Tomatoes weist Al Mansours Film nicht nur einen herausragend ‚frischen‘ Wert von 99 % vor, sondern schaffte es im Ranking auch auf Platz 159 der „300 besten Filme aller Zeiten“.
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