Als in Frankreich die Nouvelle Vague das Kino revolutionierte, antwortete Großbritannien mit seiner eigenen New Wave. Die setzte sich aus ungestümen Filmen zusammen, die zumeist an echten Schauplätzen gedreht wurden, Laien in kleinen Rollen präsentierten und von gefrusteten bis wütenden jungen Figuren handeln, die sich gegen gesellschaftliche Konventionen auflehnen.
Einer der wichtigsten Regisseure dieser Bewegung ist John Schlesinger („Asphalt-Cowboy“), der mit seinem Frühwerk „Geliebter Spinner“ maßgeblich vorgab, wie in der British New Wave satirischer Biss, ein akkurater Blick für Lebensrealitäten und filmische Experimentierfreude zusammenfinden. Tonal fand „Geliebter Spinner“ daher viele Nachahmer – und es lässt sich eine direkte Linie vom Protagonisten dieser romantischen Satire-Tragikomödie zur Hauptfigur in Stanley Kubricks verstörendem Sci-Fi-Meilenstein „Uhrwerk Orange“ ziehen:
Alex DeLarge ist das, was übrig bleibt, wenn man dem manipulativen, dubios mit Frauen umspringenden Narzissten aus „Geliebter Spinner“ die Naivität entzieht, die seine zerstörerischen Tendenzen in die Schranken weist. Jetzt könnt ihr den in Deutschland viel zu unbekannten Klassiker in gebührender Qualität nachholen. Denn diese Woche ist „Geliebter Spinner“ erstmals im deutschen Heimkino auf Blu-ray und 4K-Disc erschienen.
Sowohl auf der 4K- als auch auf der Blu-ray-Edition gibt es zahlreiche Extras. Dazu zählen ein Audiokommentar von Regisseur John Schlesinger, Hauptdarsteller Tom Courtenay und Hauptdarstellerin Julie Christie, ein weiterer Audiokommentar von Filmanalytikerin Kat Ellinger, mehrere Interviews sowie eine Featurette über Keith Waterhouse, der mit Willis Hall das Drehbuch zu „Geliebter Spinner“ geschrieben hat.
Darum geht es in "Geliebter Spinner"
Billy Fisher (Tom Courtenay) lebt mit seinen Eltern und seiner Großmutter in Yorkshire und verdient sein Geld im Büro einer Bestattungsfirma. Von seinem Privat- und Berufsleben zu Tode gelangweilt, flüchtet er sich in ausgeklügelte Tagträume, die im imaginären Land Ambrosia spielen, wo er Kriegsheld und politischer Führer ist. Als der Spitzenkomiker Danny Boon (Leslie Randall) einen Auftritt in Yorkshire ankündigt, plant Billy, seinen Job hinzuschmeißen, um für den Promi als Gagschreiber zu arbeiten.
Außerdem verwickelt er Rita (Gwendolyn Watts), Barbara (Helen Fraser) und Liz (Julie Christie) in immer komplexere Lügengebilde, um irgendwie einen Weg in ihre Herzen zu finden. Doch nur eine von ihnen scheint aufrichtiges Interesse an ihm zu haben – wobei Billys Flunkereien drohen, das sich anbahnende Glück bereits im Keim wieder zu ersticken ...
Traumtänzer und BAFTA-Anwärter
Ein Hauch von „Walter Mitty“ weht durch „Geliebter Spinner“, schließlich eint diese Geschichten, dass es um einen Protagonisten geht, der durch abenteuerliche Tagträume vor seiner eintönigen Wirklichkeit flieht. Wo aber Walter Mitty (sei es im Ben-Stiller-Film oder im Klassiker aus den 1940ern) verschüchtert ist und dies dadurch kompensiert, dass er den Kopf ständig in den Wolken hat, verbirgt Billy Fisher zwar tief in seinem Inneren eine gütige Ader – er ist aber oftmals auch einfach nur ein selbstbezogener Strippenzieher und Schaumschläger.
Schlesingers unmittelbar an dieser spätpubertären Figur haftende Inszenierung sowie die zielgenauen Alltagsbeobachtungen im Skript gestatten eine kritische Distanz zu Billy. Zugleich bleibt Raum für Empathie und beschämende Selbsterkenntnis: Man muss schon verflixt wenig Selbstkritik aufweisen, um sich zu keinem einzigen Zeitpunkt in Billys chaotischem Wechsel zwischen Unschuld, Ignoranz und Arroganz wiederzufinden. Ob man sich nun in seinen guten Momenten auf die Schulter klopft oder in seinen schwachen Phasen beschämt vor dem Bildschirm krümmt, steht auf einem anderen Blatt ...
Für die satirische Karikatur eines jungen Mannes, der seinen Platz in der Gesellschaft sucht (und zuweilen seinen Ethikkompass in der Partnerinnensuche aus dem Auge verliert), gab es sogleich sechs BAFTA-Nominierungen. Unter anderem wurden Hauptdarsteller Tom Courtenay und die damals noch unerfahrene Julie Christie (die durch „Doktor Schiwago“ und „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ zur Leinwandlegende wurde) nominiert. Außerdem mischte „Geliebter Spinner“ in der Sparte „Bester britischer Film“ mit.
Und wenn euch die mit ebenso schönen wie doppelbödigen Bildern illustrierte Realitätsbewältigung eines Traumtänzers aus den 1960ern nicht genug Heimkino-Futter ist: Auch unser folgender, aktueller Tipp ist eine komplexe Auseinandersetzung mit jugendlichem Sturm und Drang!
Bitterböser, intelligenter Gegenentwurf zu "Saw" und Co.: Fesselnder Thriller mit "Adolescence"-Star neu im Heimkino*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.