Beim 250 Millionen Dollar teuren neuen Fantasy-Epos von Netflix hat es wohl kräftig gekracht – jetzt wurden Konsequenzen gezogen
von Björn Becher
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Satte 250 Millionen Dollar steckte Netflix angeblich in die Neuverfilmung eines Fantasy-Klassikers, den man zuerst in die Kinos bringen will. Hinter den Kulissen soll es aber gekracht haben. Musste deswegen jetzt sogar der Netflix-Filmboss gehen?

Bei Netflix gibt es gerade eine beispiellose Entlassungswelle. Rund 1.000 Mitarbeitende verloren in der vergangenen Woche ihren Job, darunter waren auch zahlreiche Führungskräfte wie Netflix-Content-Chefin Bela Bajaria. Nicht nur wir zeigten uns aber verwundert, dass Dan Lin, der die Filmsparte beim Streamingdienst leitet, wohl verschont blieb, obwohl er zuletzt heftig umstritten war. Doch das war ein Trugschluss. Denn wie jetzt bekannt wurde, ist auch Lin kurz nach der ersten Entlassungswelle geflogen.

Im Zuge der Berichterstattung darüber enthüllte das Branchenmagazin Variety, wie sehr es hinter den Kulissen mit Lin gebrannt haben soll. Bereits in der vergangenen Woche schrieben wir darüber, dass David Fincher seine Zusammenarbeit mit Netflix angeblich nicht verlängere, weil er mit Lin nicht ausgekommen sei. Aber auch Greta Gerwig lag laut Variety mit der Führungskraft mächtig im Clinch. Das war natürlich ein großes Problem, schließlich verantwortet die „Barbie“-Regisseurin den für Netflix vielleicht wichtigsten Film der bisherigen Geschichte.

"Das Wunder von Narnia": Der bislang größte Kinofilm von Netflix

Der Streamingdienst investierte ein Vermögen in die Neuverfilmung der Fantasy-Saga „Narnia“, um eines der bislang ambitioniertesten Filmprojekte der eigenen Firmenhistorie zu verwirklichen. Für „Das Wunder von Narnia“, die als Auftakt für ein großes Universum geplante Neuverfilmung der berühmten Fantasy-Bücher von C. S. Lewis, gab man Gerwig nicht nur ein Budget von rund 250 Millionen Dollar, sondern versprach ihr sogar den bislang größten Kinostart für eine Netflix-Produktion. Im Februar 2027 wird der Film weltweit exklusiv auf der großen Leinwand laufen und erst einige Wochen später zum Streamingdienst selbst kommen.

Eigentlich sollte der Film sogar bereits jetzt im Spätherbst 2026 in die Kinos kommen. Er wurde jedoch noch einmal verschoben, als Nachdrehs es nötig machten, den Zeitplan anzupassen. Grund dafür war wohl auch, dass die Verantwortlichen mit dem bisherigen Ergebnis nicht vollends zufrieden waren.

Darum geht es im "Narnia"-Streit

Im Zuge der Diskussionen darüber soll es laut Variety im Sommer 2026 eine Videokonferenz gegeben haben. In dem Gespräch, an dem mehrere Netflix-Verantwortliche teilnahmen, soll sich Dan Lin gegenüber Greta Gerwig abweisend beziehungsweise herablassend geäußert haben, als es um den Fortschritt des Films ging. Das Verhalten des Managers soll für erhebliche Irritationen gesorgt haben, sodass anschließend die bereits erwähnte damalige Netflix-Content-Chefin Bela Bajaria Produzentin Amy Pascal („Spider-Man“, „James Bond 26“) kontaktieren musste, um die Situation zu entschärfen. Gerwigs Agent Bryan Lourd soll sich derweil sogar direkt an Netflix-Chef Ted Sarandos gewandt haben, um sich über Lins Verhalten gegenüber seiner Mandantin zu beschweren.

Anschließend sei Netflix-Filmchef Dan Lin von der direkten Betreuung des Fantasy-Projekts abgezogen worden; sein Stellvertreter übernahm als neuer Ansprechpartner für das Filmteam. Es ist ein ziemlich beispielloser Vorgang, wenn es wirklich stimmen sollte, dass der Chef einer Filmsparte keinen Zugriff mehr auf das größte Projekt hat, das in seinem Bereich entsteht. Wir müssen hier natürlich die Einschränkung machen, dass es keine öffentliche Bestätigung der Einzelheiten des angeblichen Streits gibt. Das für gewöhnlich sehr zuverlässige und gut informierte Branchenmagazin Variety will entsprechende Schilderungen aber gleich von mehreren mit der Angelegenheit vertrauten Quellen erhalten haben.

Gibt es künftig wieder eine neue Strategie für Netflix-Filme?

Ob der Zwischenfall mit Greta Gerwig direkt eine Rolle bei Lins Entlassung spielte, ist zwar unklar, doch Dan Lin ist wie gesagt jetzt raus. Deswegen fragen sich in Hollywood viele, ob Netflix seine Filmstrategie wieder ändern wird. Lange war Scott Stuber bei Netflix für die Filmsparte verantwortlich. Er galt als Freund und Fürsprecher der Kreativen und prägte jene Phase, in der Filmemacher sich bei Netflix austoben und ihre Herzensprojekte umsetzen konnten. Nachdem ihn Dan Lin im Frühjahr 2024 ersetzte, trieb dieser aber einen Sparkurs voran. Lin fuhr die Menge der Produktionen zurück und begrenzte die Budgets deutlich. Kritiker warfen ihm dabei vor, verstärkt auf günstige Massenkost zu setzen und kaum noch Highlights zu produzieren. Dass Netflix 2026 keine Filme und Serien hatten, die zu globalen Phänomenen wie zuvor „KPop Demon Hunters“, „Squid Game“ oder „Wednesday“ wurden, soll ein Grund für den aktuellen Austausch vieler Entscheidungsträger sein.

Bekannt ist so bereits, dass die ehemalige Disney-Führungskraft Peter Rice die Nachfolge von Bela Bajaria antritt und neuer Netflix-Content-Chef ist. Interessanterweise führte er viele Jahre das auf hochkarätige Oscartitel wie „Slumdog Millionär“, „The Shape Of Water“, „Jojo Rabbit“ oder „Poor Things“ spezialisierte Studio Fox Searchlight Pictures. Will Netflix in Zukunft wieder mehr solcher Prestigeprojekte mit visionären Filmschaffenden auf den Weg bringen? Viel wird davon abhängen, wer unter Rice die Filmsparte leiten wird. Zwei Namen geistern derzeit durch Hollywood.

Pamela Abdy und Michael De Luca waren zuletzt für das Warner-Filmstudio verantwortlich, verloren aber gerade durch die Paramount-Übernahme ihren Job. Auch sie stehen für riskante, hochkarätige Filmkunst. Dabei feierten sie in der jüngeren Vergangenheit mit Titeln wie „One Battle After Another“ und vor allem „Blood & Sinners“ außergewöhnliche Erfolge, hatten aber auch kostspielige Flops wie „The Bride!“ und „Digger“ zu verantworten.

Ob Netflix sie wirklich anheuern will oder ihre Namen nur deshalb durch die Medien geistern, weil sie aktuell die bedeutendsten branchenlosen Branchengrößen Hollywoods sind, ist unklar. Es wäre aber ein deutliches Signal, dass der Streamingdienst wieder verstärkt auf qualitativ hochwertige Prestige-Produktionen setzen will. Gleichzeitig wäre es ein klarer Hinweis darauf, dass wir künftig noch mehr Netflix-Filme groß im Kino sehen könnten. Denn Abdy und De Luca gelten als strikte Kinobefürworter und dürften wenig Interesse daran haben, vor allem Streamingkost auf den Weg zu bringen.

"Narnia" soll 2027 zum großen Kino-Ereignis werden

Damit sind wir zurück bei dem Filmprojekt, das diesen Artikel eingeleitet hat. Netflix hält natürlich trotz etwaiger Querelen hinter den Kulissen weiterhin an seinen großen Plänen für „Das Wunder von Narnia“ fest. Das Fantasy-Abenteuer erzählt die Vorgeschichte der Ereignisse aus „Der König von Narnia“ und zeigt, wie die magische Welt überhaupt entstand. Unter anderem sind Daniel Craig, Carey Mulligan und Emma Mackey dabei vor der Kamera zu sehen. Zudem leiht Oscarpreisträgerin Meryl Streep dem Löwen Aslan ihre Stimme.

Am 11. Februar 2027 wird „Das Wunder von Narnia“ anlaufen und dabei sogar alle IMAX-Leinwände übernehmen. Für mehrere Wochen soll man den Film exklusiv im Kino sehen können, denn die Netflix-Veröffentlichung wird erst im April folgen. Es wird mit Spannung erwartet, wie erfolgreich der Film werden wir. Netflix hat bereits angekündigt, dass man die Einspielzahlen an den Kassen berichten wird, was für den Streamingdienst absolut außergewöhnlich ist. Bislang hat man darauf nämlich verzichtet, weswegen es für die kurzen Kinoauswertungen früherer Netflix-Titel keine offiziellen Box-Office-Zahlen gibt. Der am vergangenen Wochenende in vier amerikanischen Kinos gestartete Oscar-Kandidat „La Bola Negra“ war so der erste Titel, für den Netflix selbst Zahlen vermeldet hat.

Mehr zu einem aktuellen Netflix-Serienprojekt gibt es derweil im folgenden Artikel:

Bitter für "The Gentlemen"-Fans: Einer der größten Stars verlässt den Netflix-Hit

Björn Becher
Björn Becher
-Mitglied der Chefredaktion
Rund zwei Jahrzehnte war Björn Becher auch als zugelassener Rechtsanwalt tätig und interessiert sich daher für alle Filmthemen mit Jura-Bezug – von Justizfilmen über Fragen des Jugendschutzes bis hin Hollywoods Branchenprozessen.
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