Zu Quentin Tarantinos Favoriten des vergangenen Kinojahres zählte Richard Linklaters „Nouvelle Vague“, der die Entstehung der titelgebenden französischen Filmbewegungen im Allgemeinen und den Dreh von Jean-Luc Godards stilbildendem Schlüsselwerk „Außer Atem“ (1960) insbesondere ins Zentrum rückt. Nach eigenen Aussagen hat der „Pulp Fiction“-Schöpfer ihn sogar zwei Mal an einem einzigen Tag gesehen!
Zwar benannte er seine erste Produktionsfirma A Band Apart nach Godards gleichnamigem Klassiker von 1964 (deutscher Titel: „Die Außenseiterbande“), mit dem experimentellen Spätwerk des Regisseurs kann er allerdings erklärtermaßen nichts anfangen. Noch viel weniger gibt ihm das Schaffen von François Truffaut, einem weiteren wichtigen Vertreter der Nouvelle Vague, aus dessen Feder obendrein die erste Drehbuchfassung von „Außer Atem“ stammte.
In einem Interview mit Sight & Sound kam Tarantino zunächst auf Claude Chabrol („Der Schlachter“) zu sprechen, der oft als „französischer Hitchcock“ bezeichnet wurde – und leitete schnell zu einem unschmeichelhaften Vergleich über:
„[Chabrols] Thriller sind drastisch besser als die grottenschlechten Filme von Truffaut und Hitchcock, die ich einfach schrecklich finde“, wetterte der 63-Jährige. „Ich bin ohnehin kein großer Truffaut-Fan. Es gibt einige Ausnahmen, allen voran ‚Die Geschichte der Adèle H.‘. Aber größtenteils denke ich über Truffaut wie über Ed Wood. Ich halte ihn für einen sehr leidenschaftlichen, stümperhaften Amateur.“ (via World of Reel)
Tarantino vergleicht Truffaut mit dem "schlechtesten Regisseur aller Zeiten"
An dieser Stelle muss einiges eingeordnet werden: Während Tarantino augenscheinlich Chabrol sehr schätzt, hat er mehrmals erklärt, dass er dessen Vorbild Alfred Hitchcock, dem durch Meisterwerke wie „Vertigo“ oder „Psycho“ berühmten Master of Suspense, nur wenig abgewinnen kann – seine Gründe haben wir in einem anderen Artikel für euch aufbereitet.
Hitchcock wiederum scheint er mit Truffaut in einen Topf zu werfen, vielleicht deshalb, weil Truffaut ein großer Bewunderer von Hitchcock war, was in dem legendären Interviewband „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?*“ mündete. Für Thriller war Truffaut, zu dessen populärsten Filmen „Sie küßten und sie schlugen ihn“ und „Jules und Jim“ gehören, übrigens nicht primär bekannt – zu seinen wenigen Genre-Beiträgen zählt mit „Die Braut trug schwarz“ (1968) allerdings ausgerechnet ein Film, dessen zentrales Rachemotiv frappierende Ähnlichkeiten zur Prämisse des Tarantino-Epos „Kill Bill“ aufweist.
Und dann ist da noch Ed Wood („Plan 9 aus dem Weltall“), der seine handwerklichen Defizite durch überschäumenden Enthusiasmus und eine grenzenlose Liebe zum Kino ausglich – was Tim Burton im Jahr 1994 dazu bewog, ihm ein äußerst liebevolles Biopic mit Johnny Depp in der Titelrolle zu widmen. Was nun Hitchcock und Truffaut mit Ed Wood zu tun haben, außer dass Tarantino sie alle drei offensichtlich nicht besonders mag, das wird aber wohl das Geheimnis des für seine oftmals steilen Privattheorien berüchtigten Kult-Regisseurs bleiben.
Wenn ihr noch nicht genug habt von Tarantinos starken Meinungen, dann sei euch auch der nachfolgende Artikel unbedingt ans Herz gelegt:
"Ich würde lieber Stacheldraht essen": Quentin Tarantino weigert sich seit 44 Jahren, dieses Kult-Meisterwerk zu sehen*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links erhalten wir eine Provision.