Wer sich für Arthouse-Filme interessiert, wird an Richard Linklater wohl kaum vorbeikommen: Seit den 90ern mischt der Autodidakt die Filmszene auf und sticht vor allem durch seine Langzeitprojekte hervor. In „Boyhood“ zum Beispiel nahm er „Coming of Age“ wörtlich, indem er über einen Zeitraum von zwölf Jahren drehte und seine Darsteller*innen vor der Kamera altern ließ.
Auch seine „Before“-Trilogie, ebenfalls mit Ethan Hawke, ist inzwischen zu einem solchen Langzeitprojekt gewachsen: Erstmals trafen Jesse und Céline, gespielt von Hawke und Julie Delpy, in „Before Sunrise“ 1995 aufeinander. Einen Tag lang spazierten die beiden durch Wien, unterhielten und verliebten sich – und gingen dann getrennte Wege. Sie sollten sich neun Jahre später in Paris in „Before Sunset“ wiedertreffen: Jesse inzwischen verheiratet, Céline in einer Beziehung, aber nicht ganz glücklich mit dem, wo sie im Leben stehen. Das große Finale der Trilogie, „Before Midnight“, könnt ihr euch heute Abend um 20.15 Uhr auf One ansehen.
Wenn ihr die ersten beiden Teile noch nicht kennt und lieber einen romantischen Abend mit der gesamten Trilogie verbringen wollt, könnt ihr euch auch alle drei Filme auf DVD zulegen*. Alternativ gibt es sie auch im Streaming-Abo bei HBO Max sowie bei Amazon Prime Video, sofern ihr den HBO-Max-Channel abonniert habt. Dieser ist für sieben Tage kostenfrei und kostet euch danach 5,99 Euro im Monat.
Erneut neun Jahre später…
… sind Céline und Jesse ein Paar und Eltern von Zwillingstöchtern. Sie leben inzwischen in Paris, verbringen ihren Urlaub aber in Griechenland, wo sie sich von Jesses Sohn aus erster Ehe verabschieden, der wieder zu seiner Mutter in die USA fliegt. Der Abschied wirft für Jesse Fragen auf: Sollte er vielleicht in die Staaten zurückgehen, um seinem Sohn näher zu sein? Hat er zu viel verpasst?
Jesses und Célines Beziehung bleibt davon nicht unberührt. Eigentlich wollten sie einen romantischen, kinderfreien Abend in einem Hotel verbringen – stattdessen verstricken sie sich in Diskussionen und Vorwürfen, bis eine Trennung beinahe unausweichlich scheint.
Auf große Liebe folgt Ernüchterung
Die große Kunst von „Before Midnight“ liegt, wie auch bei seinen beiden Vorgängern, darin, über lange Sequenzen hinweg die Handlung komplett im Dialog geschehen zu lassen. Vordergründig passiert beinahe nichts: Beispielsweise folgen wir in einer langen Kamerafahrt Jesse und Céline während eines Spaziergangs, das Gespräch plätschert vor sich hin. Bis die Worte Wellen schlagen, aufeinander krachen – und damit auch die Protagonisten.
Dem zu folgen und dranzubleiben ist dabei nicht immer einfach – man muss schon gewillt sein, Menschen beim Reden zuzuhören und sich in den Tiefen der Dialoge zu verlieren. Wer schnelle Schnitte oder klassische RomCom-Vibes erwartet, ist hier definitiv falsch.
Dranbleiben lohnt sich trotzdem: Denn Delpy und Hawke versprühen zusammen einen ganz eigenen, natürlichen Charme und Zauber – vielleicht auch gerade deswegen, weil sie unperfekt, so menschlich sind. Die Rolle des in die Jahre gekommenen Paares nimmt man beiden in jeder Minute ab. Vielleicht ist „Before Midnight“ gerade deswegen so erfrischend: Es ist eben kein geschöntes Märchen, dem man zusieht.
Man findet sich wieder in den Abgründen, den Ungerechtigkeiten der Rollenzuschreibungen und des Lebens, dem Aufwiegen, dem Entscheiden. In den kleinen Verletzungen, die sich über Jahre ansammeln, und in der Frage, wie viel von der großen Liebe eigentlich übrig bleibt, wenn der Alltag längst Einzug gehalten hat. Linklater zeigt dies mit einem Schluss, der hoffnungsvoll, aber keineswegs endgültig ist: Seine Figuren entscheiden sich erneut füreinander, für ihren Humor und für das, was sie als Paar ausmacht.
Die Frage, wie es weitergeht, wird man sich wohl selbst beantworten müssen, denn der nächste Neunjahresrhythmus verstrich 2022, ohne dass ein vierter Teil folgte. Ganz ausgeschlossen ist eine Fortsetzung allerdings nicht. Dafür können wir uns aber um 2040 herum auf ein weiteres Langzeitprojekt Linklaters freuen: Dann soll nach rund 20 Jahren Drehzeit seine Verfilmung des Musicals „Merrily We Roll Along “ fertig sein.
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