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"Happy Deathday" macht es vor: Warum filmische Zeitschleifen so unwiderstehlich sind (mit Bildergalerie)
Von Robert Laubenthal — 11.11.2017 um 21:00
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Ein und derselbe Tag beginnt immer wieder aufs Neue: Willkommen in der Zeitschleife! Und willkommen in einer verdammt interessanten Spielart des Zeitreise-Films, die wir uns zum Start von „Happy Deathday“ einmal genauer anschauen…

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Edge Of Tomorrow – Live. Die. Repeat“: Bill Cage (Tom Cruise) kämpft gegen Aliens am Strand, stirbt, und kämpft wieder, dieses Mal besser…

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Achtung: In der Bildergalerie oben gibt es keine Spoiler, im folgenden Text kann das aber durchaus vorkommen.

Im Horrorfilm „Happy Deathday“, der in den USA prompt auf Platz 1 der Kinocharts landete (deutscher Starttermin: 16. November 2017), durchlebt College-Studentin Tree (Jessica Rothe) immer wieder denselben Tag, an dessen Ende sie von einem Maskenmann ermordet wird. Tree versucht nun, ihren Mörder zu identifizieren, um aus der Zeitschleife wieder herauszukommen. Nebenbei wird sie auch noch zu einem besseren Menschen…

Zeitschleifen-Filme wie „Happy Deathday“ bieten nahezu unbegrenzte erzählerische Möglichkeiten: Selbst der Tod ist hier nicht endgültig, sondern nur vorübergehend. Lebensentscheidungen und deren Auswirkungen können in nahezu unendlichen Variationen durchgespielt werden. Das regte Filmemacher immer wieder zu originellen, mal eher dramatischen und mal eher komischen Zeitschleifen-Szenarien an, von denen wir euch einige der faszinierendsten in der Bildergalerie präsentieren und sie im Folgenden thematisch etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Die geniale Bill-Murray-Komödie „…und täglich grüßt das Murmeltier“ ist wohl der bekannteste Zeitschleifen-Film. Im Klassiker von 1993 wacht Phil Connors (Bill Murray) jeden Morgen um sechs Uhr auf, der Radiowecker spielt „I Got You Babe“ von Sonny und Cher und auf dem Weg zur Arbeit begegnet ihm jedes Mal der total nervige Ned Ryerson (Stephen Tobolowsky), mit dem Phil einst zusammen in der Schule war… Während der Griesgram Phil zunächst in einen Albtraum ewiger Langeweile zu geraten scheint, geht es in einem der beeindruckendsten dramatischen Zeitschleifen-Filme gleich um Leben und Tod:

In „Edge Of Tomorrow – Live. Die. Repeat“ mit Tom Cruise in der Hauptrolle des Bill Cage findet eine mörderische Schlacht zwischen Außerirdischen und Menschen statt (die fiesen Aliens wollen die Welt erobern). Und eigentlich wäre Cage in dieser Schlacht spätestens nach ein paar Minuten mausetot, doch durch eine irre Verkettung von Zufällen kehrt er jedes Mal, wenn er stirbt, an den Tag vor der Schlacht zurück und kriegt auf diese Art immer wieder einen neuen Versuch, es beim nächsten Mal besser zu machen: Das Wichtigste bei der ständigen Wiederholung ist die Variation.

Wie es sich anfühlt, in einer Zeitschleife zu stecken

In „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ wird die Protagonistin Samantha Kingston (Zoey Deutch) ähnlich wie Phil Connors in „…und täglich grüßt das Murmeltier“ immer wieder früh morgens durch ihren Wecker aus dem Schlaf gerissen und der gleiche Tag beginnt aufs Neue. Das heißt: Jeden Tag derselbe Schulweg mit den besten Freundinnen im Auto, die immer wieder dieselben Witze machen und dieselben Klamotten anhaben. Dann geht es in der Schulstunde jedes Mal wieder um den Sisyphos-Mythos (!), dann abends die Highschool-Party, auf der sich immer wieder dieselben Leute übergeben. Dann ein Unfall, und die Zeitschleife beginnt erneut.

Die Hauptfiguren sind einsam in ihrem Loop, denn: Am nächsten Tag/in der nächsten Schleife erinnert sich niemand von den Menschen, die ihnen (wieder)begegnen, an eine Unterhaltung oder ein Vorkommnis. So ergeht es Myron Castleman (Kurtwood Smith) in „12:01 PM“ nach seinem tollen Gespräch mit der einfühlsamen Dolores (Laura Harrington), denn im nächsten Schleifendurchgang hat sie alles wieder vergessen – genau wie Rita Hanson (Andie MacDowell) in „…und täglich grüßt das Murmeltier“ oder wie Emily Blunts Rita Vrataski in „Edge Of Tomorrow“…

Ganz schön frustrierend. Doch das ist noch nicht alles: Irgendwann sind die Protagonisten schließlich extrem genervt davon, dass immer wieder das Gleiche passiert – wenn sie nicht gar verzweifeln. Am eindrücklichsten kommt das wohl in „…und täglich grüßt das Murmeltier“ rüber: Jeden Tag wird Connors auf der Straße geradezu belästigt von seinem ehemaligen Schulkameraden Ned Ryerson, jedes Mal muss er sich das schrullige Kleinstadt-Ritual um Murmeltier Phil wieder anschauen und so weiter... Es passiert unausweichlich immer wieder das Gleiche und der Zuschauer sucht, sobald er die Zeitschleifenmechanik verstanden hat, mit den Protagonisten nach einem Ausweg: Das Identifikationspotenzial ist hier riesengroß.

Die Zeitschleife: Freiheit oder Gefängnis?

Doch eine Zeitschleife bietet auch viele Möglichkeiten: Oft beginnen die Protagonisten etwa zur Mitte der Filme, auch mal zu experimentieren: Wenn die eigenen Handlungen keine Konsequenzen haben, weil eh der ganze Tag „resettet“ wird, dann kann man auch mal Murmeltier Punxsutawney Phil entführen und sich mit dem kleinen Nagetier in den Tod stürzen. Oder man fängt wie die drei Hauptfiguren in „Repeaters – Tödliche Zeitschleife“ an zu stehlen und Crack zu rauchen – am nächsten Tag ist das ja alles nie passiert. Obwohl es dann in „Repeaters“ Ex-Junkie Michael (Darsteller Richard de Klerk ist gestylt wie Travis Bickle aus „Taxi Driver“) ein wenig zu weit treibt, als er anfängt zu vergewaltigen und zu morden… Die Filmemacher um Regisseur Carl Bessai gehen hier noch ein bisschen weiter als die Kollegen in „…und täglich grüßt das Murmeltier“, was die Ausschöpfung der Möglichkeiten in der Zeitschleife und die Auslotung moralischer Grenzen angeht.

Die FILMSTARTS-Kritik zu "Happy Deathday"

Dramaturgisch ein wenig aus der Reihe fällt „Retroactive – Gefangene der Zeit“, ein 1997er Action-B-Movie mit James Belushi: Hauptfigur Karen (Kylie Travis) hat Zugang zu einer Zeitmaschine und reist mit dieser wiederholt ungefähr eine Stunde in die Vergangenheit zurück, um zu verhindern, dass James Belushis Frank seine ihn betrügende Freundin ermordet. Doch in jeder neuen Schleife geht etwas anderes schief: Kann Karen den Mord verhindern, dann stirbt beispielsweise stattdessen ein unschuldiges Kind. „Retroactive“ ähnelt hier noch am ehesten einem Computerspiel, in dem ein schwieriges Level immer wieder neu geladen wird.

Im Unterschied zu anderen Filmen in dieser Liste wählt Karen ihre Zeitschleife in „Retroactive“ jedoch selbst – wie auch Protagonist Tim Lake (Domhnall Gleeson) in „Alles eine Frage der Zeit“: Hier kriegt Tim an seinem 21. Geburtstag von seinem Vater James (Bill Nighy) gesagt, dass alle Männer in der Familie die Fähigkeit haben, zu beliebigen Zeitpunkten innerhalb ihres eigenen Lebens zu reisen. In der romantischen Komödie entscheidet sich Tim dann, diese Fähigkeit zur Verbesserung seines Liebeslebens einzusetzen. So wiederholt er beispielsweise den ersten Sex mit der Liebe seines Lebens Mary (Rachel McAdams) ganze drei Male, bis er seine Leistung wirklich für perfekt und der Situation angemessen hält…

Die FILMSTARTS-Kritik zu "Edge Of Tomorrow - Live. Die. Repeat"

Doch diese kleinen Freiheiten sind tendenziell eher die Ausnahme in Zeitschleifen-Filmen. Denn neben dem an sich schon merkwürdigen Umstand, überhaupt in einer Zeitschleife zu stecken, den sie erst einmal verarbeiten müssen, stellt sich für die allermeisten Protagonisten ziemlich schnell die Frage: Wie komme ich aus dem unangenehmen bis tödlichen Loops wieder raus? Besonders in den Horrorfilmen stellt sich dieses Problem: In „Happy Deathday“ versucht Tree Gelbman (Jessica Rothe), die Identität ihres Mörders zu entdecken, um ihr eigenes Leben zu retten. In „Triangle“ will Jess (Melissa George) vom Geister-Kreuzfahrtschiff „Aeolus“, das sie in einer Schleife gefangen hält, entkommen und zurück zu ihrem Sohn. Schwierig nur, wenn einen auf dem Schiff alternative Versionen von einem selber jagen und umbringen wollen… In „The Evil Within“, dem schwächsten der hier besprochenen Filme, in dem die Filmemacher am wenigsten aus dem von ihnen gewählten Zeitschleifen-Plot herausholen, versucht eine in einem Gebiet um eine alte Mine gefangene Gruppe dem Tod und dem Wahnsinn zu entfliehen.

Die Rettung: besser werden

Bill Cage (Tom Cruise) wird in „Edge Of Tomorrow“ durch die vielen Wiederholungen der Kämpfe irgendwann zum Supersoldaten. Die Schlacht am Strand ist für ihn wie ein gigantischer Real-Life-Trainingssimulator. Er verbessert seine eigenen Fähigkeiten immer weiter, bis er zu einem total effizienten Kämpfer mit fast schon Superhelden-Fähigkeiten wird.

Protagonist Rob Anderson (Marlon Wayans) lernt in der romantischen Komödie „Naked“ hingegen in seiner eigenen Zeitschleife, endlich Verantwortung zu übernehmen und zu einem Erwachsenen zu werden. Er erlebt nämlich die Stunde vor seiner eigenen Hochzeit immer wieder, die Zeitschleife stellt ihm geradezu die Aufgabe, ein besserer Mensch zu werden. Schließlich versteht Rob das Wesen der Liebe besser und als er endlich seine Schleife verlassen darf, hat er sich komplett verändert.

Diese Tendenz der Selbstoptimierung lässt sich in allen Zeitschleifen-Filmen feststellen, die nicht ins Action- oder Horrorgenre fallen: So begreift auch Samantha Kingston (Zoey Deutch) in „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ irgendwann, dass sie schlicht die perfekte Version ihres letzten Tages auf Erden realisieren muss: Zeit mit der eigenen Schwester (Erica Tremblay) und Mutter (Jennifer Beals) verbringen, den besten Freundinnen sagen, dass man sie liebt. Den richtigen Jungen an der Highschool küssen, und nicht mit dem falschen ins Bett gehen…

Und auch Misanthrop Phil Connors in „…und täglich grüßt das Murmeltier“ findet so irgendwann seinen Frieden: Nachdem er erst versucht hatte, Rita Hanson mit dem aus den verschiedenen Wiederholungen gewonnenen Wissen ins Bett zu kriegen (was sympathischerweise nicht funktioniert), lernt er gegen Ende des Films einfach alle Einwohner des kleinen Ortes Punxsutawney kennen, fängt an, sich wirklich für seine Mitmenschen zu interessieren, und verhält sich auch Rita gegenüber schlicht wie er selbst – auf die Art gewinnt er am Ende nicht nur wirklich ihr Herz, sondern kommt sogar aus der Schleife raus!

Zeitschleifen-Plots: Ein Sinnbild für das gesellschaftliche Funktionieren?

Bei allem Charme der Zeitschleifen-Filme wird man beim Schauen oft das Gefühl nicht los, dass die Handlungen durchaus didaktisch angelegt sind. Wie bereits gesehen geht es oft darum, dass die Figuren besser werden und ihre eigenen Fähigkeiten perfektionieren müssen und zwar nicht nur in den Action- oder Horrorvarianten. Rob Anderson in „Naked“ schreibt immer perfektere Ehegelübde für seine Hochzeit mit Megan Swope (Regina Hall). Tim Lake in „Alles eine Frage der Zeit“ versucht, beim ersten Sex einen perfekten Eindruck zu hinterlassen. Die drei Hauptfiguren in „Repeaters“ müssen mit ihrer unrühmlichen Vergangenheit abschließen und Dinge wieder ins Reine bringen, um die Schleife zu verlassen. Viele Zeitschleifen-Filme lassen sich auch als eine Art kapitalistische Fantasie verstehen, die Wiederholungen werden zum Trainingslager für die Leistungsgesellschaft optimierter Individuen: Werde immer besser, immer effizienter, dann erreichst du das nächste Level! Zeitschleifen-Filme – ein Zeichen unserer Zeit?

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Kommentare
  • TresChic
    Der wichtigste Film wurde vergessen: 12:01 Uhr mit Silverman, ebenfalls ein Klassiker. Er wurde vor "und täglich grüßt das Murmeltier" gedreht. 12:01 Uhr gilt als Ur-Zeitschleifenfilm, kam aber nur auf VHS. "und täglich grüßt das Murmeltier" hatte halt Bill Murray...
  • TresChic
    Er kann rein gar nichts leiden, das ist ja das Problem. Er lernt ja quasi alles neu: Mitgefühl, Freundschaft, Zusammenhalt...und Liebe. Er musste also nicht mit ihr ins Bett, sondern er wollte sie lieben. So richtig hast du den Film nicht verstanden, oder? Will dir jetzt nicht zu Nahe treten, aber der Film hat nichts mit Auswendiglernen, oder Aufgaben zu erfüllen zu tun.
  • TresChic
    Du irrst dich. Das ist der Kurzfilm 12:01 P.M.. 12:01 als Spielfilm taucht nicht auf.
  • David Matz
    >>> 12 Monkeys <<<
  • Fain5
    Ich finde es echt lustig dass ihr nach all den Jahren der Kritik an euren Bildstrecken immer noch daran festhaltet und selbst bei ü 70 noch wichtige Beiträge wie in diesem Fall Source Code unter den Tisch fallen lasst.
  • TresChic
    oh ja, fantastischer Film.
  • TresChic
    passt nicht rein
  • TresChic
    er hat das mit der Liebe bis zum Ende nicht wirklich gerafft. Er hat sich irgendwann zum Guten gewandt und war der nice guy aber die Szenen mit ihr haben gezeigt, dass er immer noch 'etwas' mechanisch eingestellt war. Daher konnte er nicht früher entkommen - es hat das i Tüpfelchen gefehlt. :-)Aber hey, sieht jeder anders. Ich liebe diesen Film :)
  • David Matz
    ...der Moment, in dem James Cole (jung) seinen eigenen Tod sieht, schließt die Zeitschleife.Passt nicht ganz hier rein, weil in den meisten anderen Filmen mehrere Schleifen durchlaufen werden und die Protagonisten früher oder später versuchen diese zu brechen.In "12 Monkeys" wird halt nur ein Durchlauf gezeigt.Gruß
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