Source Code
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Kritik der FILMSTARTS.de-Redaktion Source Code

4,0


Von Jan Hamm

Gerade einmal 97 Kino-Minuten brauchte Duncan Jones, um aus dem langen Schatten seines Vaters David Bowie zu treten und sich einen eigenen Namen zu machen. Blitzgeschwind wurde sein Spielfilm-Debüt „Moon" von der begeisterten Kritik in den Kanon visionärer Science Fiction aufgenommen - jetzt ist sein Zweitling da! „Source Code" ist dabei kein Jones-Original, das Skript aus der Feder von Jungautor Ben Ripley war bereits seit Jahren im Umlauf. Dass Jones den fremden Entwurf mit so schlafwandlerischer Sicherheit auf die Leinwand überträgt, verwundert jedoch kaum – so grundverschieden das melancholische Ein-Mann-Stück „Moon" und der ekstatische Sci-Fi-Thriller „Source Code" erzählt sind, so kongenial ergänzen sie sich auf motivischer Ebene. Einmal mehr stellt eine fürchterliche Offenbarung die gesamte Existenz des Protagonisten auf den Kopf. Und einmal mehr begleitet Jones einen von der Welt entkoppelten Helden beim Versuch, eine sicher geglaubte Identität zu überwinden und wieder einen Platz im Kosmos zu finden. „Source Code" ist Science Fiction à la carte – spannend, bewegend und verdammt clever!

Eben noch ist Colter Stevens (Jake Gyllenhaal) einen Afghanistan-Einsatz geflogen, als er an Bord eines Zuges nach Chicago im Körper eines Fremden erwacht, mitten im Smalltalk mit der süßen Christina (Michelle Monaghan). Bevor er in Erfahrung bringen kann, wie er dort hingekommen ist, passiert eine Katastrophe: Der Zug explodiert, Colter stirbt in den Flammen. Als er die Augen wieder aufschlägt, steckt er in einer hermetisch abgeriegelten Stahlkugel, festgeschnürt auf einer rätselhaften Apparatur. Dann erscheint ein Frauengesicht (Vera Farmiga) auf einem Monitor und klärt den desorientierten Soldaten auf: Colter ist Teil eines experimentellen Anti-Terror-Programms. Im „Source Code" des brillanten Dr. Rutledge (Jeffrey Wright) durchlebt er die letzten acht Minuten eines Verstorbenen wieder und wieder - bis er seine Mission erfüllt hat: Der Zug nach Chicago ist längst Geschichte; nun muss Colter den Bomber identifzieren, ehe der ein weiteres Mal zuschlägt...

Mit nahezu zyklischer Verlässlichkeit stellt sich das US-Mainstream-Kino den Unkenrufen, bloß hirnrissiges Spektakel hervorzubringen. Dann weicht das Popcorn-Geknirsche philosophischem Geraune, dann ist Mainstream wieder chic. Zuletzt trat Christopher Nolan mit „Inception" zur intellektuellen Ehrenrettung Hollywoods an - ein Jahrzehnt nach „The Matrix". Bloß, die philosophische Halbwertszeit dieser Mega-Hits ist gering, hängen bleibt vor allem ihre inszenatorische Brillanz. Duncan Jones setzt dort an, wo die Event-Kino-Spielerei mit mathematisch-präzise differenzierten Traum- und Wirklichkeits-Ebenen aufhört, Fragen wie „Ist der Source Code nur eine Simulation der Realität?" interessieren ihn nicht. Die reinen Erfahrungen, die Colter mit jedem Zeitschleifen-Durchgang macht, sind in jedem Fall echt – bis hin zum Tod im Bombeninferno. Jones' entscheidende Frage lautet vielmehr, vor allem im überwältigenden Finale: Wo in Raum und Zeit findet Erfahrung überhaupt statt?

Dass Regisseur und Autor dabei vollkommen auf prätentiöses Philosophen-Geschwurbel verzichten, ist ihnen nicht hoch genug anzurechnen. Das Spiel mit den großen Motiven der Science-Fiction – mystische Technologie, alternative Welten, Transzendenz – findet in „Source Code" wie selbstverständlich über die Handlung statt. Dr. Rutledges expositorischer Schlenker zur Funktionsweise des Source Code nimmt kaum eine Filmminute ein, danach sind Protagonist und Publikum auf sich gestellt. Wie in „Moon" erzählt Jones von einer isolierten, praktisch aus der Welt gefallenen Figur, die verzweifelt nach neuer Verankerung tastet. Die Fallhöhe des Protagonisten ist schwindelerregend, seine Existenz ist auf Gedeih und Verderb an die Mission gekoppelt. Und dann das: Zwischen Terrorismus und Metaphysik blüht eine Romanze auf, der immer wieder bloß acht Minuten bleiben.

Die tragische und dabei angenehm kitschfreie Liebesgeschichte berührt; nicht zuletzt dank Jake Gyllenhaal und Michelle Monaghan. Gyllenhaal hat seine darstellerische Sensibilität längst unter Beweis gestellt – sei es mit feinen Nuancen in „Brokeback Mountain" und „Brothers", oder als Charmebolzen im straighten Blockbuster „Prince Of Persia - Der Sand der Zeit". Als Colter kann er seine ganze Bandbreite ausspielen: von lauten bis leisen Tönen, vom starken Mann bis zur gebrochenen Seele. Monaghan („Stichtag", „Eagle Eye") fällt der reaktive Part zu, denn im Gegensatz zu Colter durchlebt ihre Christina keinen kontinuierlichen Wandel, sondern erfährt alle acht Minuten einen Reset und muss bei Null anfangen. Ohne jemals im „...und täglich grüßt das Murmeltier"-Territorium zu wildern, spielen Gyllenhaal und Monaghan ihre Figurenkonstellation mit leisem Humor aus – immer nur für kurze Augenblicke, ehe der Ernst der Lage wieder durchbricht.

Hinter den Source Code hat Jones zwei nicht minder überzeugende Darsteller gesetzt: Vera Farmiga („The Departed", „Up in the Air") und Jeffrey Wright („James Bond 007 - Ein Quantum Trost") tauchen lange Zeit bloß als Gesichter auf einem Bildschirm auf. Umso spannender, dass sie nicht nur als Stichwortgeber dienen, sondern sich als eigenständige Figuren in einem involvierenden Ethik-Duell wiederfinden: Ist die mutmaßliche Virtualität des „Source Code" Legitimation genug, Colter immer wieder in den Flammentod zu schicken? Eine Antwort darauf lassen Jones und Ripley wohlbedacht aus; ihr Publikum soll es schließlich nicht allzu leicht haben. Mit „Source Code" erweist sich Duncan Jones nach „Moon" erneut als begnadeter Erzähler ergreifender und substantieller Geschichten – sein dritter Streich kann nicht schnell genug kommen!

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