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Outrage
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Outrage
Von Robert Cherkowski
Takeshi Kitano macht es weder sich, noch seinen Fans leicht – was man auch von ihm erwartete, er tat stets das Gegenteil. Als er in den späten Achtzigern einer der populärsten und vielbeschäftigsten TV-Stars Japans war, fing er – als Feierabend-Beschäftigung – an, eigene Filmstoffe zu verwirklichen. Anstatt jedoch hysterische Nippon-Comedy abzuliefern, inszenierte er mit seinem Debüt „Violent Cop" eines der schwärzesten Crime-Dramen überhaupt. Schnell hatte er sich eine einzigartige lakonische Handschrift erarbeitet und schüttelte weitere Perlen aus dem Handgelenk. Die Konstante: Gewalt. Obwohl er immer wieder sanfte, ja fast zärtliche Werke wie „Kikujiros Sommer", „Das Meer war ruhig" oder „Dolls" drehte – zu internationalem Ruhm kam er mit seinen brutalen Unterwelt-Filmen wie dem bitter-nihilistischen Yakuza-Sommermärchen „Sonatine", dem melancholischen Opfergang „Hana-Bi" oder der US-Stippvisite „Brother". Mit einem stoischen Pokerface und barbarischer, unvermittelt hinter der Fassade hervorbrechender Brutalität wurde Kitano zur Genre-Kultfigur. Nach „Brother" hatte er sich über ein Jahrzehnt von den Yakuza-Dramen verabschiedet und sich als exzentrischer Künstler neu etabliert, was ihn einen Teil seiner Fangemeinde kostete. Abgesehen vom verschrobenen Samurai-Musical „Zatoichi - Der blinde Samurai" war kaum einem seiner ambitionierten Werke ein internationaler Release vergönnt. Ist es Trotz, der ihn nun mit seinem 15. Film „Outrage" zum Yakuza-Reißer zurückführt? Kitano gibt seinen Fans, wonach sie verlangen – auf dass sie daran ersticken. „Outrage" ist der bitterböse Scherz eines Meisters, der längst niemandem mehr Rechenschaft schuldig ist.

Obwohl die Geschäfte blendend laufen und der Yen nur so rollt, machen Downsizing und Profitmaximierung auch vor der „ehrenwerten" japanischen Yakuza keinen Halt. Im Rahmen einer Umstrukturierungsmaßnahme im mittleren Management initiiert Sekiuchi (Soichiro Kitamura), der oberste Boss der weitverzweigten und über viele kleinere Clans herrschenden Sannokai-Organisation, einen Konflikt zwischen zwei eigentlich befreundeten Gangstercrews der Unterbosse Ikemoto (Jun Kunimura) und Murase (Renji Ishibashi). Ein kleiner Zwist zwischen zwei Fußsoldaten der beiden Gangs wird von Sekiuchi und seiner nicht minder intriganten rechten Hand Kato (Tomokazu Miura) als Anlass genutzt, nach und nach einen Sturm der Gewalt zu entfachen. Otomo (Takeshi Kitano), ein Hardliner der Ikemoto-Gang, durchschaut schon früh die Absichten der Führungsetage, kann und will das Blutvergießen aber nicht stoppen und geht den Weg wie viele andere solange mit, bis sich das Blatt auch gegen ihn wendet...

So vertraut all das auch klingen mag – „Outrage" ist kein schematisches Asia-Verbrechensepos. Anders als bei Kollegen wie Kinji Fukasaku („Battles Without Honor And Humanity") oder den thematisch verwandten Stoffen Takashi Miikes („Agitator", „Deadly Outlaw Rekka") wird hier kein verlorengegangener Ehrenkodex beweint. Über Ganoven-Folklore ist Kitano hinaus. Selbst von einer Kritik am Sonderstatus, den das organisierte Verbrechen in der japanischen Gesellschaft eingenommen hat, kann hier keine Rede mehr sein. Stattdessen rückt er den edelbezwirnten Dunkelmännern mit nüchtern-präziser Sachlichkeit zu Leibe. „Outrage" ist eine kafkaeske Übung in Sinnverlust und Entmenschlichung. Man hat es kaum noch mit Figuren, sondern lediglich mit Posten zu tun, mit vagen Typen, die sich an Macht und Status klammern. Auch ein klassischer Plot ist im Schmiedefeuer der Intrigen und im Inferno ihrer Konsequenzen kaum mehr auszumachen. Hier wird bloß noch auf- und abgestiegen.

Kitanos Stammkameramann Katsumi Yanagijima findet Blickwinkel, um auch in vordergründig schlicht gehaltenen Einstellungen ein Gefühl für Hierarchie und Mechanik der Yakuza-Bürokratie zu vermitteln. Nach jedem Zusammenprall kommt es zu Neubesetzungen und das Spiel wird unter neuen Vorzeichen fortgesetzt. Über all dem liegt eine Eiseskälte, die vom John-Carpenter-artigen Syntheziser-Score noch unterstrichen wird. Die Gewalt selbst – zum Skandal des 2010er Cannes-Filmfestivals hochgejazzt – bleibt die einzige Konstante des Films. In dieser unpersönlichen Welt ist sie der mutmaßlich einzige Weg, auf dem Otomo und seine Kollegenschweine persönlichen Kontakt miteinander aufnehmen; mal als Täter - mal als Opfer. Mehr und mehr treten die Protagonisten in den Hintergrund, während der Gewaltrausch zum abstrakten Protagonisten aufsteigt. Immer absurder werden Aktion und Reaktion, so dass man Kitano gerne abkauft, erst die Gewaltspitzen erdacht und dann ein Handlungskorsett entworfen zu haben.

Die Bausteine von „Outrage": Teppichmesser durchs Gesicht, Brechstange auf den Kopf, Zahnarztbohrer in den Mund, Essstäbchen ins Ohr. Wenn Otomos rechte Hand Mizuno (ein eiskalter Engel: Kippei Shiina) unliebsame Bekanntschaft mit einem Strick, einem Straßenpfeiler und einem fahrenden Auto macht, presst es auch den abgebrühtesten Zuschauer in die Sitze. Selbst Otomo aka Kitano, der eigentlich skrupelloseste unter den Schindern und Schändern im Club anonymer Gewaltjunkies, muss in den sauren Apfel beißen. So weist ihn ein korrupter Polizist, der zuvor selbst sein Prügelknabe war, vor den Augen seiner Handlanger mit schlagkräftigen Argumenten zurecht – und „Outrage" trieft vor konsequenter Bitterkeit, wenn die Wut in Otomos Augen einer abgeklärten Akzeptanz weicht: Nun steht er auf der Verliererseite. Und auch ihm wird keine Träne nachgeweint werden.

Freunde des schnellen Thrills werden hier nicht auf ihre Kosten kommen. Zu unpersönlich, zu fragmentarisch und zu frei von jedem konventionellen Schauwert werden hier Leichenberge angehäuft und Machtstrukturen illustriert. Kitano ist – zum Glück – niemand, der sein Publikum „nur" mit den Trademarks beglückt, die es haben will, er gibt auch mit der vermeintlichen Rückkehr zur brutalen Yakuza-Pflicht seine experimentellen Gebahren nicht auf. So hat der alte Fuchs doch einen weiteren Kunstfilm fabriziert und vergällt damit all jene, die ihn nur als Mann fürs Grobe sehen, mit einem Werk, dessen Grobheit er so demonstrativ ins Extrem ausreizt, dass nur noch ein höhnisch grinsendes Skelett von Genre-Versatzstücken übrigbleibt. „Outrage" ist ein Gangsterfilm eines Altmeisters, der eigentlich keine Gangsterfilme mehr drehen wollte – und der die ewig gleiche Erwartungshaltung seines Genre-Publikums nun eiskalt quittiert.
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