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Kokowääh
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Kokowääh
Von
Die Regiekarriere von Deutschlands einzigem verbliebenen Kino-Superstar Til Schweiger kommt einer Berg-und-Talfahrt gleich. Sein Debüt „Der Eisbär" ist sicherlich nicht rundum gelungen, aber doch ein sehr mutiger Versuch, hierzulande sträflich vernachlässigtes Genrekino zu inszenieren. Mit dem unglaublich erfolgreichen „Keinohrhasen" (mehr als sechs Millionen Zuschauer in deutschen Kinos) gelang ihm dann sogar eine der besten romantischen Komödien des Jahrzehnts – und zwar nicht nur in Deutschland, sondern überhaupt. Doch dann gab es einen Bruch. Ließ sich „1 1/2 Ritter" noch als stumpfsinniger Mittelalter-Schmarrn abtun, geriet „Zweiohrküken" mit seinen nicht enden wollenden Diskussionen über weibliche Körperbehaarung sogar ein wenig ärgerlich. Nun meldet sich Til Schweiger mit der Kuckuckskind-Dramödie „Kokowääh" als Regisseur, Hauptdarsteller und Co-Drehbuchautor in Personalunion zurück und Fans dürfen beruhigt sein: Es geht wieder merklich bergauf.

Nach einer längeren beruflichen Talfahrt als Schreiber für die erfolglose Serie „Der Förster vom Spreewald" bekommt Drehbuchautor Henry (Til Schweiger) aus heiterem Himmel das Angebot, gemeinsam mit seiner Ex-Freundin Katharina (Jasmin Gerat) einen internationalen Bestseller für die Leinwand zu adaptieren. Aber dann steht mit einem Mal die achtjährige Magdalena (Emma Schweiger) vor seiner Tür und eröffnet dem Frauenhelden, dass er nun vier Wochen auf sie aufpassen müsse, weil ihre Mutter Charlotte (Meret Becker) in New York in einen Gerichtsprozess verwickelt sei. Aus einem Brief erfährt Henry zudem, dass er der Vater der Kleinen ist, außerdem solle er doch bitte endlich Verantwortung übernehmen. Zwischen beruflichem Stress und häuslichen Katastrophen lernt Henry zunächst nur langsam, was es wirklich bedeutet, ein Vater zu sein. Und dann ist da ja auch noch Charlottes Ehemann Tristan (Samuel Finzi), der die letzten acht Jahre davon ausgegangen war, selbst der Vater von Magdalena zu sein...


Mit seinen Mehl- und Kissenschlachten, seinen Rührei- und Schokopops-Zwischenfällen schlägt „Kokowääh" zwar einen luftig-leichten Ton an, aber im Kern ist der Film dann doch eher ein amüsantes Drama als eine waschechte Komödie. In Zeiten, in denen Patchwork-Familien schon längst nichts Exotisches mehr sind, zeigt Til Schweiger, wie diese idealerweise zusammenleben sollte. Dabei bekommt man als Zuschauer durchaus das Gefühl, dass dem Filmemacher – wohl auch aufgrund seines privaten Hintergrunds – das Thema tatsächlich am Herzen liegt und er wirklich etwas dazu zu sagen hat.

Der Drehbuchautor Til Schweiger hat dem Schauspieler Til Schweiger eine Menge großer Momente auf den Leib geschrieben, die der Regisseur Til Schweiger dann in ein vorteilhaftes Licht rückt. Es geht bei vielen Szenen also sicher auch darum, sein eigenes Image zu stärken, etwa wenn Henry in einem dramatischen Augenblick eine Fensterscheibe einschlägt, um – dann blutüberströmt - zu Katharina zu gelangen. Aber als einer der letzten deutschen Kinostars, der eben mindestens genauso sehr von seiner Präsenz wie von seinem schauspielerischen Talent lebt, stemmt er solche Situationen mit Leichtigkeit. Ohne das jetzt bewerten zu wollen, muss man einfach feststellen, dass sich Til Schweiger ohne Furcht an jenes klassische Hollywoodpathos heranwagt, vor dem die meisten anderen deutschen Filmemacher regelmäßig zurückschrecken.

Tochter Emma Schweiger hat den Erwachsenen in „Keinohrhasen" und „Zweiohrküken" ganz schön die Schau gestohlen. Aber das waren jeweils nur einige wenige Szenen, diesmal muss sie den ganzen Film mittragen. Und um zu erkennen, dass die Besetzung von Schauspieler-Kindern auch ganz schön in die Hose gehen kann, muss man sich nur die „Die Wilden Kerle"-Reihe mit den Ochsenknecht-Söhnen Jimi Blue und Wilson Gonzalez zu Gemüte führen. Aber Emma Schweiger macht ihre Sache wirklich gut. Sicherlich gibt es im wahren Leben nur wenige achtjährige Mädchen, die wirklich jeden ihrer Sätze so pointiert herausmiauen wie sie, aber die Masche geht auf und sie erobert das Publikum im Sturm. Die bemerkenswerteste Leistung geht jedoch auf das Konto von Samuel Finzi („Pink"). Für das Funktionieren der Dramaturgie ist es unbedingt nötig, dass er als zweiter Vater gleichberechtigt neben dem leiblichen steht. Und dies gelingt ihm, obwohl er dazu bei weitem nicht so viele Profilierungsszenen wie Til Schweiger zur Verfügung hat.

Insgesamt ist „Kokowääh" in jedem Fall überdurchschnittliche Unterhaltung, aber leider setzt Til Schweiger hier auch eine Unart fort, die schon in „Zweiohrküken" sehr unangenehm aufgefallen ist, nämlich Gastfiguren ohne ersichtlichen Grund niederzumachen. Das fängt an mit den türkischen Arbeitern auf einem Parkplatz für abgeschleppte Autos, die damit drohen, Henrys Käfer nach Afrika zu verschiffen, wenn er nicht auf der Stelle 380 Euro zahlt. Anschließend geht es weiter mit einem übereifrigen Verkehrspolizisten, einem Magdalena beklauenden Ghetto-Teenie und einem Hartz-4-Mutter-Tochter-Gespann, das mit Handytelefonieren und falscher deutscher Grammatik die Supermarktkasse blockiert. Viele dieser kurzen Einschübe sind absolut überflüssig und passen mit ihrer bisweilen gehässigen, bisweilen sogar herablassenden Art überhaupt nicht zum Rest des Films, der ja eher in eine versöhnliche Wohlfühl-Richtung abzielt.

Fazit: Im zentralen Konfliktdreieck von Kuckucksvater, Tochter und leiblichem Vater trifft Til Schweiger mit seinem von tiefem Verständnis für alle Seiten geprägten Patchwork-Märchen jeden Ton. Dafür schießt er bei den zum Teil extrem gehässigen Gastauftritten aber umso häufiger übers Ziel hinaus.
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