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    Spider-Man: Homecoming
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Spider-Man: Homecoming
    Von Christoph Petersen
    „Spider-Man: Homecoming“ heißt natürlich nicht nur so, weil Peter Parker (Tom Holland) in dem Superhelden-Blockbuster von „Cop Car“-Regisseur Jon Watts seine Highschool-Flamme Liz (Laura Harrier) tatsächlich zu einem „Homecoming“-Schulball ausführt. Vielmehr entpuppt sich der ganze Film als eine einzige große Heimkehr (= Homecoming): Nachdem die Rechte jahrelang bei verschiedenen Studios lagen, haben sich Disney und Sony endlich zusammengerauft, weshalb die Avengers und ihr berühmtestes Mitglied Spider-Man nun endlich auch im Kino in einem gemeinsamen Cinematic Universe (MCU) auftreten dürfen. Zugleich kommt Tom Holland auch den Comic-Wurzeln seiner Figur näher als seine beiden Vorgänger – denn während Tobey Maguire bei seinem ersten Spidey-Auftritt schon 27 Jahre alt war und die Filme mit Andrew Garfield trotz des Highschool-Settings stets eine gewisse herausgestellte Weltschwere mit sich herumtrugen, ist Tom Holland (trotz seiner inzwischen 21 Jahre, die man ihm nicht ansieht) nun der erste Peter Parker, der tatsächlich ohne Abstriche als 15-jähriger Schüler durchgeht. Seine mitreißende jugendliche Begeisterung für das Superheldendasein ist eine von vielen Qualitäten, die „Homecoming“ für uns zum bisher zweitbesten „Spider-Man“-Film nach Sam Raimis Blockbuster-Meisterwerk „Spider-Man 2“ machen.

    Nachdem er Captain America (Chris Evans) in der zentralen Actionszene aus „The First Avenger: Civil War“ auf dem Leipziger Flughafen sein Schild geklaut hat, geht es für Peter Parker alias Spider-Man (Tom Holland) wieder zurück zu seiner Tante May (Marisa Tomei) nach New York. Dort bekommt der angehende Superheld von seinem Mentor Tony Stark (Robert Downey Jr.) zwar einen neuen Hightech-Anzug geschenkt, aber während Peter eigentlich erwartet hätte, fortan jedes Wochenende gemeinsame Abenteuer mit den Avengers zu erleben, hält Stark seinen Musterschüler erst mal an der kurzen Leine. Statt die Welt zu retten, muss sich Peter also zunächst damit zufriedengeben, Fahrraddiebe zu fassen oder andere Kleinstkriminelle dingfest zu machen. Doch dann bekommt es Peter eines Abends mit einer Gruppe von Bankräubern zu tun, die ihm mit ihren hochgetunten Wummen ganz schön zusetzen. Offenbar verdient der ehemalige Entsorgungsunternehmer Adrian Toomes (Michael Keaton) inzwischen sein Geld damit, außerirdische Artefakte zu mächtigen Superwaffen umzubauen und anschließend auf dem Schwarzmarkt zu verscherbeln…



    Die Produktion des Superhelden-Blockbusters „Spider-Man: Homecoming“ hat kolportierte 175 Millionen Dollar verschlungen – und trotzdem sind die ersten Minuten, die wir mit Peter Parker auf seinem Trip nach Berlin verbringen, mit einer einfachen Handykamera gedreht. (Wie wir bei unserem Besuch am Set erfahren haben, hat Tom Holland viele der Selfie-Aufnahmen sogar tatsächlich selbst gemacht.) Während wir die Superhelden-Rauferei am Leipziger Flughafen in „The First Avenger: Civil War“ noch als tragischerweise unabwendbare Eskalation eines schwerwiegenden moralischen Konflikts erlebt haben, sehen wir sie jetzt noch einmal ganz aus der Perspektive des aufgedrehten Peter Parker – und für den New Yorker Teenager ist sein Avengers-Kurzeinsatz eben so etwas wie ein supercooler Schulausflug, bei dem man zwar zwischendurch schon irgendwie beim Weltenretten hilft, aber davor auch noch schnell wie ein ganz normaler Tourist Erinnerungsfotos vor dem Brandenburger Tor schießt. Für Shootingstar Tom Holland („The Impossible“, „Die versunkene Stadt Z“) war die Rolle als Spider-Man sein größter Traum – und diese ehrliche Begeisterung überträgt er ungefiltert auf die Leinwand.

    Aus großer Kraft folgt große Verantwortung!“ muss also erst mal warten, denn ganz wie man es eigentlich von einem Jungen in seinem Alter erwartet, hat Peter einfach nur mächtig Bock darauf, ein Superheld zu sein (innere Dämonen sucht man bei ihm jedenfalls vergebens). Weil die MCU-Macher um Marvel-Mastermind Kevin Feige ohne klassische Origin Story auskommen und dankenswerterweise darauf verzichten, Peter nach „Spider-Man“ (von 2002) und „The Amazing Spider-Man“ (von 2012) zum dritten Mal in nur 15 Jahren von einer radioaktiven Spinne beißen zu lassen, bleibt mehr Raum für die Szenen, in denen sich Spider-Man voller Elan in seine neue Aufgabe stürzt (und dabei notfalls auch einen Nachmittag damit verbringt, Leuten den Weg zu zeigen). Peter darf sich hier vergleichsweise lange als hilfsbereite „Spinne“ aus der Nachbarschaft austoben, bevor dann schließlich der eigentliche Plot forciert wird. Der Nachwuchs-Avenger ist zwar enttäuscht, dass sich Tony auch nach hunderten SMS nicht bei ihm meldet, aber davon abgesehen kommt die erste Hälfte von „Spider-Man: Homecoming“ ohne allzu schwergewichtige Konflikte aus, was auch mal ganz angenehm ist – zumal sich „Iron Man“-Regisseur Jon Favreau als Tony Starks rechte Hand Happy Hogan und Jacob Batalon als Peters Nerd-Kumpel Ned als zuverlässig komische Szenendiebe erweisen.

    In der Welt des MCU gehören Superhelden längst zum Alltag – aber noch in keinem Film kam das derart selbstverständlich und natürlich rüber wie jetzt in „Spider-Man: Homecoming“. Wo es sonst in den meisten MCU-Produktionen einzelne ausgestellte Szenen gibt, in denen auf die anderen Superhelden des Kinouniversums verwiesen wird, sind die Auswirkungen der Existenz der Avengers in „Spider-Man: Homecoming“ buchstäblich an jeder Straßenecke zu spüren. Wenn Peter einem vermeintlichen Autodieb das Handwerk legt, beschweren sich die Anwohner allenfalls über die Lautstärke, aber einem Spinnennetze verschießenden Superhelden schenkt hier kaum noch jemand Beachtung – da haben die abgeklärten New Yorker in der Schlacht am Ende von „Marvel's The Avengers“ schließlich schon ganz andere Sachen mitgemacht. Und obwohl Captain America ja seit „Civil War“ offiziell als Kriegsverbrecher gilt, sind die öffentlichen Schulen noch immer voll mit Motivationsvideos, in denen Cap die Schüler zum Fitnesstraining antreibt oder ihnen beim Nachsitzen die Leviten liest – zugleich ein amüsanter Running Gag und ein treffender Seitenhieb auf das amerikanische Schulsystem mit seinen oft hoffnungslos veralteten Lehrmaterialien.

    Das Treiben der Superhelden hat auch ganz praktische Auswirkungen auf das Leben der Leute – besonders deutlich wird das am Beispiel des Bösewichts Vulture. Der Entsorgungsunternehmer Adrian Toomes, von Michael Keaton als Mischung aus seinen vorherigen Rollen in „Birdman“ und „The Founder“ angelegt, hat nämlich früher sein Geld damit verdient, den außerirdischen Dreck hinter den Avengers wegzuräumen – bis Tony Stark plötzlich entschied, Toomes auszubooten und sich stattdessen mit seiner eigenen Firma darum zu kümmern. „Spider-Man: Homecoming“ ist politisch und gesellschaftlich ähnlich aktuell wie zuletzt „Wonder Woman“, wenn auch auf eine weniger deutliche Art. Denn in Toomes spiegelt sich nicht nur der von Donald Trump ausgerufene Widerstand des (vermeintlichen) kleinen Mannes gegen die abgehobenen Eliten, sondern auch die politische Korrektheit wird zum Thema, wenn auch ganz anders, als man es vielleicht erwarten würde. Denn obwohl Toomes gleich in der allerersten Szene des Films „Indians“ statt „Native Americans“ sagt und darauf auch sofort von einem seiner Angestellten hingewiesen wird, geht es weniger um seine Engstirnigkeit als um die des Publikums, die diesem mit dem großen Twist des Films wunderbar subtil vor Augen geführt wird (und wir schließen uns da explizit mit ein, wir haben ihn nämlich auch nicht kommen sehen).

    Diese zentrale Wendung ist es dann auch, die dem zuvor so lockerflockigen Film von einer Sekunde auf die nächste eine ganz neue Intensität verleiht. Und die wird über das finale Drittel hindurch bis zum Rollen des Abspanns beibehalten (ja, es gibt wieder eine Post-Credit-Szene, wobei diese diesmal ungewöhnlich „meta“ ausfällt). Die mit Abstand spannendste Szene ist dabei ein vermeintlich harmloses Gespräch während einer Autofahrt, bei der Peter nicht mal sein Spider-Man-Kostüm trägt – das spricht zum einen für die Qualität der sich hier nur mit Blicken duellierenden Schauspieler Tom Holland und Michael Keaton, es ist aber auch Ausdruck davon, dass Jon Watts das Actionkino mit „Spider-Man: Homecoming“ nicht gerade neu erfindet. Die Actionszenen sind von der Bankprügelei mit den Fake-Avengers bis hin zur halbierten Staten Island Ferry vor allem auch wegen Spideys frechen Sprüchen allesamt angenehm kurzweilig und handwerklich einwandfrei umgesetzt, aber ein knalliger Aha-Effekt wie beim Kampf gegen Doc Ock in „Spider-Man 2“ oder beim atemberaubenden Schwingen durch die Häuserschluchten Manhattans in „The Amazing Spider-Man 2: Rise Of Electro“ bleibt dieses Mal aus.

    Fazit: Der neue MCU-Spider-Man kann den starken Eindruck seines Kurzauftritts in „The First Avenger: Civil War“ auch in seinem ersten Solo-Abenteuer voll bestätigen. Tom Holland bringt eine ganz andere Art von Energie in die Rolle ein als vor ihm Tobey Maguire oder Andrew Garfield – und das ist auch gut so. Dass der britische Nachwuchsstar nach „Avengers 4“ und dem dann anstehenden Ausstieg vieler etablierter Avengers-Darsteller DIE zentrale Rolle im MCU einnehmen soll, muss einem nach „Homecoming“ jedenfalls definitiv keine Sorgen mehr machen.
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    Kommentare

    • Rehsalcelibom
      Ich könnte sowas von weinen wenn ich dran denke was aus meinem Lieblingssuperhelden geworden ist. Viel zu schwach dargestellt... Keine Hintergrund Geschichte... Der Anzug pur Technik, obwohl man ihn anders kennt und er die Fähigkeit einer Spinne hat, wozu die Technik? Der Flash in dem Film sieht viel zu harmlos aus... Wo ist der eig. Freund Harry?Ich hoffe dass der nächste Film/Triologie über Spiderman wieder so classic wir wie Tobey oder Andrew.
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