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    Die Berufung - Ihr Kampf für Gerechtigkeit
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Die Berufung - Ihr Kampf für Gerechtigkeit

    Kraftvolles Biopic über eine starke Frau

    Von Björn Becher
    Ein einzelnes Bild sagt eigentlich schon alles, was man über Mimi Leders Biopic „Die Berufung – Ihr Kampf für die Gerechtigkeit“ wissen muss: Eine ganze Armada von Männern läuft auf ein Gebäude der Elite-Uni Harvard zu. Alle tragen ähnliche Anzüge, die sich nur farblich minimal unterscheiden. Aber mittendrin sticht eine Person nicht nur deshalb heraus, weil sie sichtlich kleiner ist und eine Geraderobe aus einem helleren Stoff trägt. Sie ist auch die einzige Frau in der Masse. Das Motiv ist kraftvoll, eindringlich, aber zugleich auch alles andere als subtil. Und genau so lässt sich auch das von exzellenten Hauptdarstellern getragene Justiz-Drama über die amerikanische Richterin, Frauenrechtlerin und Popkultur-Ikone Ruth Bader Ginsburg auf den Punkt zusammenfassen.

    Im Jahr 1956 beginnt Ruth Bader Ginsburg (Felicity Jones) ihr Studium in Harvard, wo der Dekan (Sam Waterston) sich von ihr und der Handvoll weiterer Studentinnen schon beim Begrüßungsdinner erklären lässt, warum jede von ihnen einem Mann den Platz wegnimmt. Doch Ruth beißt sich durch – und als bei ihrem Ehemann Martin (Armie Hammer) Krebs diagnostiziert wird, besucht sie kurzerhand seine Vorlesungen noch mit. Doch während Martin nach seiner Genesung zu einem der angesehensten Steueranwälte New Yorks wird, findet sie trotz Abschluss als Jahrgangsbeste keinen Job als Anwältin: Niemand will eine Frau einstellen. Stattdessen wechselt Ruth frustriert in die Lehre, wo sie ihre Studenten vor allem über Gleichberechtigungsfälle aufklärt – bis ihr Martin fast ein Jahrzehnt später einen Fall präsentiert, mit dem sie aus der Theorie in die Praxis wechseln könnte: Ein Junggeselle (Chris Mulkey) kann die Pflege seiner kranken Mutter nicht von der Steuer absetzen, denn das Gesetz geht davon aus, dass nur alleinstehende Frauen und Witwer Angehörige pflegen. Eine Benachteiligung wegen des Geschlechts gegenüber einem Mann? Die Ginsburgs sehen eine Chance, die gesamte amerikanische Rechtsgeschichte zu revolutionieren. Doch sie legen sich mit mächtigen Gegnern an...


    Ausgerechnet durch eine Trauerrede auf der Beerdigung seines Onkels Martin Ginsburg kam Drehbuchautor Daniel Stiepleman 2010 auf die Idee, aus einer prägenden Episode aus dem Leben seiner Tante einen Kinofilm zu machen. Von ihr bekam er zwar schnell das Okay in Form eines flapsigen: „Wenn du so deine Zeit verbringen willst...“. Aber trotzdem dauerte es anschließend noch einige Jahre, bis „Die Berufung“ wirklich realisiert wurde. Dabei erlebte die mittlerweile 85 (!) Jahre alte und immer noch am obersten US-Gericht aktive Richterin gerade in den vergangenen Jahren noch einmal einen unglaublichen Popularitätsschub. Mit ihrem leisen Humor und ihrer trockenen Art wird die liberale Richterin gerade von dem Teil des jungen Amerikas gefeiert, der den aktuellen Präsidenten Donald Trump vehement ablehnt. Und so verwundert es nicht, dass nach der oscarnominierten Erfolgs-Doku „RBG“ sowie einem Cameo-Auftritt in „The LEGO Movie 2“ (!) nun gleich der nächste Film über Ginsburg in die Kinos kommt.

    Aber auch jenseits des Hypes ist die Lebensgeschichte von Ginsburg einfach unglaublich stark, interessant und dabei auch noch so umfangreich, dass es Stiepleman und Regisseurin Mimi Leder („Deep Impact“) anfangs sichtlich schwerfällt, sie in den Griff zu bekommen. Was muss man alles zur Vorbereitung erzählen, um sich dann auf das zentrale Gerichtsverfahren konzentrieren zu können? Sie entscheiden sich für ziemlich viel und so geht es fast schon im Sauseschritt durch Ginsburgs Studienzeit. Die schwere Erkrankung von Martin, die Prognose der Ärzte, dass er nicht mehr lange zu leben hat, die Aussicht für Ginsburg, die Tochter als Witwe allein aufziehen zu müssen - all das bietet großes Drama, dass sich aber nie wirklich entfalten darf, weil hier am Ende eben einfach eine andere Geschichte erzählt werden soll. Ein verzweifelter Moment im Krankenhaus, Ruth in den Vorlesungen ihres Mannes, wie sie zu Hause seine Arbeit schreibt, während er kraftlos auf dem Sofa einschläft und dann bald die überraschende Genesung. Weiter geht’s ohne Verschnaufpause...

    Schon in diesem arg hastig erzählten Abschnitt findet Leder aber immer wieder auch prägnante und starke Bilder. Darunter den schon eingangs beschriebenen Einmarsch nach Harvard oder das legendäre, mittlerweile fest zur Erzählung Ginsburgs gehörende Dinner, bei dem die heutige Richterin keck der unverschämten Frage des Dekans begegnet. Wobei die Szenen hier selten mit der subtil-trockenen Schlagfertigkeit à la Ginsburg, sondern immer mit einem dicken, fetten Ausrufezeichen enden – vom Dinner bis zur Schilderung einer Vorlesung, in der sie vom Professor (Stephen Root) erst einmal konsequent ignoriert wird. Subtil ist Leder nur in einem einzigen Moment, der dafür aber auch wirklich herausragend ist: Wenn sie in einem Bewerbungsgespräch dem Leiter einer maximal mittelklassigen Kanzlei gegenübersitzt, der endlich jemand zu sein scheint, der sie anheuern könnte, reicht nur ein kurzer, fast zu übersehender Moment, in dem seine Augen etwas tiefer auf ihrem Körper nach unten gleiten, um die anschließende Wendung schon vorwegzunehmen.

    Ein wenig auf die Bremse wird erst getreten, wenn das erzählerische Zentrum der Geschichte erreicht ist: dem gemeinsam mit dem Bürgerrechtsanwalt Mel Wulf (großartig überdreht: Justin Theroux) ausgetragenen Kampf der Eheleute Ginsburg gegen die US-Steuerbehörde. Hier avanciert „Die Berufung“ zum phasenweise hochklassigen David-gegen-Goliath-Gerichtsdrama, selbst wenn Leder das Genre nicht neu erfindet. In unterschiedlichsten Klassikern von „Philadelphia“ bis „Mein Vetter Winnie“ haben wir solche Underdog-Szenarien vor Gericht mit ähnlichem Ablauf schon gesehen. Doch obwohl der Ausgang bekannt ist und die Kniffe vertraut sind, gelingt es Leder, den Zuschauer mitfiebern zu lassen. Da hilft auch, dass die Gegenseite nur noch mächtiger erscheint, weil sie die Computer des US-Verteidigungsministeriums einsetzt, um die Ginsburgs mit zusätzlicher Maschinenintelligenz in die Knie zu zwingen. Der mächtigste Militärapparat gegen eine Frau beim ersten Fall ihrer beruflichen Karriere, bei dem sie zunächst aus lauter Nervosität nur herumstammelt.

    Dass ist übrigens eine von mehreren Dramatisierungen, die Stiepleman und Leder vornehmen. Die echte Ginsburg stammelte vor Gericht nicht. Aber so funktioniert das eben bei Spielfilmen. Eigentlich hatte sogar ein parallel ablaufender und hier nur am Rande kurz erwähnter Fall noch eine viel größere Wirkung im Kampf gegen die Ungleichberechtigung: Dieser wurde nämlich vor dem obersten US-Gericht entschieden, allerdings schrieb Ginsburg dafür nur im stillen Kämmerlein die Argumentation, trat selbst aber nicht auf der großen Bühne vor Gericht auf. Das ist eben deutlich weniger kinotauglich als das emotionale Plädoyer, das sie in dem nun hier behandelten Verfahren hält. Trotzdem macht die Konzentration auf speziell diesen Fall nicht nur aus dramaturgischen Gründen Sinn, sondern auch bei der Annäherung an die Person Ruth Bader Ginsburg. Schließlich ist dieser der Fall, mit dem sie ihre „Berufung“ fand, worauf auch der stimmige deutsche Titel (im Original heißt der Film „On The Basis Of Sex“) anspielt.

    Die Britin Felicity Jones („Inferno“) spricht zwar kein bisschen wie die echte Ruth Bader Ginsburg, aber sie wird trotzdem zur kompletten Verkörperung der Ikone. Besonders ihr Minenspiel ist hervorragend. Immer wieder ist im Gesicht des „Rogue One“-Star zu erkennen, wie ihre Figur aufgrund der gesamten Ungerechtigkeiten gegen sie persönlich und ihr Geschlecht kurz davorsteht, buchstäblich zu explodieren... und ihre Wut dann meist doch herunterschluckt, weil sie versteht, dass ein emotionaler Ausbruch ihrer Sache nur schaden würde.

    Call Me By Your Name“-Star Armie Hammer gibt als charmanter, sofort jede Party für sich einnehmender Martin den Gegenpol zu seiner verbissenen Frau. Diesen Gegensatz unterstreicht auch der mehr als 30 Zentimeter umfassende Größenunterschied der beiden Schauspieler (ganz so deutlich lagen die echten Ginsburgs übrigens nicht auseinander), der nicht nur in einer kurzen Liebesszene auch für komische Momente genutzt wird. Vor allem den Schauspielern ist es zu verdanken, dass die privaten Szenen der Eheleute mit ihren Kindern nie kitschig werden und sich gut in das Geschehen einfügen – auch wenn der Streit von Ruth mit ihrer rebellischen, für die Frauenrechte auf die Straße gehenden Tochter Jane (Cailee Spaeny) mitunter etwas zu offensichtlich gezielt eingesetzt wird, um weitere Aussagen mit Ausrufezeichen zu versehen.

    Daneben sorgt Hammer im Zusammenspiel mit dem ausgewogenen Drehbuch dafür, dass „Die Berufung“ nicht zur bloßen RGB-Show wird. Eine solche Gefahr liegt allein schon aufgrund der Popularität der teilweise abgöttisch verehrten, schon längst fest zur US-Popkultur gehörenden Richterin nah. Doch Autor Stiepleman stellt auch die Rolle seines 2010 verstorbenen Onkels heraus. Der riskierte schließlich seinen Job und seinen Ruf als einer der besten Steueranwälte der Stadt, als er einen Fall anschleppt, an dem in seiner Firma niemand Interesse hat und sich dafür sogar mit der Regierung anlegt. Daneben gibt es auch viele Anspielungen darauf, wie die Ginsburgs auch in ihrem eigenen Zusammenleben die klassischen Rollenbilder aufbrachen. Wenn Hammer mit knapper Schürze in der Küche steht, während sie über den Akten brütet, ist das auch ein Verweis auf die vielen öffentlichen Frotzeleien von Marty, für den es ganz selbstverständlich war, dass er zu Hause den Kochlöffeln schwenkt.

    Fazit: Mit viel Nachdruck erzählt „Die Berufung“ von einer Ikone der Frauenrechtsbewegung und von ihrem Kampf gegen aus heutiger Sicht unvorstellbare Gesetze. Das ist zwar oft wenig subtil und mit bekannten Biopic-Kniffen erzählt, entfaltet aber nichtsdestotrotz seine Wirkung.
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