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Was uns nicht umbringt
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Was uns nicht umbringt
Von
Die sympathische Tragikomödie „Bella Martha“ über eine perfektionistische Köchin und unfreiwillige Ziehmutter legte 2001 den Grundstein für Sandra Nettelbecks Karriere als Kinoregisseurin. Ihr Drehbuch wurde später sogar in Hollywood unter dem Titel „Rezept zum Verlieben“ mit Catherine Zeta-Jones neu aufgelegt. Und auch Nettelbeck selbst verschlug es 2013 in internationale Gefilde, als sie für ihren auf Englisch gedrehten „Mr. Morgan's Last Love“ sogar den Schauspiel-Grandseigneur Michael Caine gewinnen konnte. Ihr bislang größter Publikumserfolg gelang ihr hingegen nicht als Regisseurin, sondern als Drehbuchautorin: Die Verfilmung von Hape Kerkelings Pilger-Biographie „Ich bin dann mal weg“ konnte hierzulande fast zwei Millionen Besucher in die Kinosäle locken.

Es wäre schön und verdient, wenn nun auch Nettelbecks episodischem Großstadt-Portrait „Was uns nicht umbringt“ ein ähnlicher Erfolg beschert wäre. Die lose Fortsetzung von „Bella Martha“, in der die von Martina Gedeck verkörperte Martha zwar nicht mehr dabei ist, dafür nun aber ihr Therapeut Maximilian im Zentrum steht, ist eine zutiefst melancholische, bisweilen aber auch unfassbar komische Charakterstudie, die mit August Zirner („Wackersdorf“), Christian Berkel („Elle“), Deborah Kaufmann („Dark“), Barbara Auer („Transit“), Bjarne Mädel („25 km/h“) und vielen weiteren bekannten Namen zudem herausragend besetzt ist.

Als Psychotherapeut versucht Max (August Zirner) täglich, verzweifelten Menschen zu helfen. Doch von den Problemen seiner Patienten ist er mittlerweile selbst heillos überfordert. Im Privatleben sieht es nicht besser aus: Die Teenie-Töchter stecken mitten in der Pubertät und wollen nichts von ihm wissen, seine Ex-Frau Loretta (Barbara Auer) plant ein neues Leben mit einem deutlich jüngeren Mann (David Rott) und sein neuer Hund ist noch schwermütiger als er selbst. Eines Tages lernt er in seiner Praxis die unglücklich verheiratete Sophie (Johanna ter Steege) kennen, die ihm von ihrer Spielsucht berichtet. Mit der Zeit verliebt er sich in sie. Doch dass sich ein Therapeut in seine Patientin verguckt, ist eigentlich nicht vorgesehen. Und um ihn herum versinkt derweil das Leben vieler anderer Menschen im Chaos, deren Wege sich früher oder später mit denen von Max kreuzen…



Wie fast bei allen Episodenfilmen laufen auch in „Was uns nicht umbringt“ sämtliche Handlungsstränge bei einer Person zusammen. Und da Sandra Nettelbeck hier vor allem die emotionalen Wehwehchen ihrer Hauptfiguren seziert, liegt nichts näher, als einen Therapeuten zum Mittelpunkt zu machen, der sich schon von Berufswegen her mit den seelischen Gebrechen seiner Mitmenschen auseinandersetzt. Aber um die ganze Situation noch unberechenbar zu machen, ist Max längst nicht mehr der kompetente Zuhörer, als der er in „Bella Martha“ etabliert wurde. Stattdessen offenbart sich in den Momenten, in denen seine Patienten die Praxis verlassen, dass er genauso viele Probleme hat wie die Menschen, denen er tagtäglich zuhören muss.

So erhält „Was uns nicht umbringt“ von Anfang an einen melancholischen, wenn nicht sogar traurigen Unterton. Und dass Nettelbeck einmal mehr in ihrer graubewölkten Heimatstadt Hamburg gedreht hat, unterstreicht diese Schwermut auch visuell. Doch zum Glück ergeht sich „Was uns nicht umbringt“ nicht darin. Im Gegenteil: Nettelbeck hat ein Skript geschrieben, in dem sie die gedrückte Stimmung immer wieder mit treffender Situationskomik aufbricht, wobei der Humor vor allem aus den komplexen Charakteren und ihre mitunter skurrilen Sorgen erwächst.

So betet Zoowärter Hannes (Bjarne Mädel) zum Beispiel seine autistisch veranlagte Arbeitskollegin Sunny (Jenny Schily) an. Als sie gefeuert werden soll, springt er kurzerhand für sie in die Bresche und gibt seinen Job zu ihren Gunsten auf. So lässt er Sunny aber auch von einem Tag auf den anderen auf der Arbeit allein. Dabei hat sie doch gerade erst erfahren, dass sie von ihm schwanger ist. Wie eng Freud und Leid doch beieinander liegen. Fritz (Oliver Broumis) dagegen muss sich nicht mit der Geburt, sondern mit dem Tod eines Menschen auseinandersetzen. Sein langjähriger Partner Robert liegt im Sterben, doch bis heute weiß seine Familie nichts davon, dass er die letzten Jahre glücklich in einer schwulen Beziehung gelebt hat. Als Fritz im Krankenhaus Roberts Schwester kennenlernt, ahnt diese nichts davon, wem sie da gerade gegenübersitzt, zumal sich beide näherkommen. Und dann sind da noch die beiden Geschwister Mark (Christian Berkel) und Henriette (Victoria Mayer), ebenfalls Patienten von Max. Beide leiten ein Bestattungsunternehmen, was nicht unbedingt die beste Umgebung für jemanden ist, der unter schlimmer Hypochondrie leidet…

All diese Geschichten, von denen es noch viele weitere gibt und die alle mal loser, mal fester mit Max‘ Alltag verwoben sind, vereint die Tragik der Umstände und die Ironie des Schicksals. Das zeigt sich auch bei Max, der sich einen Hund kauft, um Freude in sein Leben zu bringen. Doch Max erwischt ausgerechnet den depressivsten Hund der Welt. Dabei rückt Nettelbeck immer auch die Kommunikation zwischen den Menschen in den Mittelpunkt. Oder besser, wie sie eben nicht kommunizieren. So hört Max in der Regel nur zu, aber darauf, ob seine Ratschläge angenommen werden oder nicht, hat er keinen Einfluss. Und als er sich schließlich in seine Patientin verliebt, darf er darüber nicht sprechen, denn so etwas gehört sich nun mal nicht. Jede einzelne Episode in „Was uns nicht umbringt“ ist von mangelnder Kommunikation geprägt. Und wann immer doch miteinander gesprochen wird, sind es die auf den Punkt formulierten Dialoge, die uns noch tiefer in die Seele der Figuren blicken lassen.

Aus dem gesamten Ensemble von bekannten und weniger bekannten Darstellerinnen und Darstellern holt Nettelbeck fantastische Leistungen heraus. Dabei sind vor allem vier zu erwähnen: Bjarne Mädel als unbeholfener Tierpfleger – von dem wir gern noch ein wenig mehr gesehen hätten – erweist sich als absoluter Szenendieb, wenn er die Tragik seiner Figur treffend hervorkehrt. Christian Berkel und Victoria Mayer erreichen als symbiotisches Geschwisterpaar zwar schon fast die Grenze zur Karikatur, fügen sich aber stimmig ins Gesamtbild ein. Und August Zirner als zentraler Charakter hält das Beziehungsgeflecht aller Figuren zwar zusammen, doch seine ebenfalls angeknackste Psyche verleiht dem Ganzen eine Instabilität, die den Erzählsträngen zusätzliche Würze verleiht. Am Ende steht nur noch die Frage im Raum, ob und wann das wankende Gebilde endgültig zusammenbricht, oder ob es diesen gepeinigten Seelen doch noch gelingt, sich aus ihrer desolaten Lage herauszumanövrieren.

Fazit: Regisseurin Sandra Nettelbeck präsentiert in ihrem Episodenfilm „Was uns nicht umbringt“ die emotionalen Höhen und Tiefen von Großstädtern als unendlich melancholisches Kaleidoskop aus Trauer, Wut, Hoffnung und Zuversicht, das von herausragenden Darstellern zum Leben erweckt wird.
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