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    "Ballon" - Mehr als bloß heiße Luft: Das FILMSTARTS-Interview mit Michael Bully Herbig
    Von Daniel Fabian — 28.09.2018 um 19:00
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    Schluss mit lustig: In seinem neuen Film schlägt Michael Bully Herbig ungewohnt ernste Töne an. Wir haben den Allround-Entertainer getroffen und mit ihm u. a. über seinen Sinneswandel als Filmemacher und die Geschichte hinter „Ballon“ gesprochen.

    2016 Warner Bros. Ent. Alle Rechte vorbehalten.

    Erst vor wenigen Tagen erreichte uns die Nachricht, dass Michael Bully Herbig, seines Zeichens Comedy-Ikone und Macher von Kassenschlagern wie „Der Schuh des Manitu“ und „(T)Raumschiff Surprise“, in Zukunft keine Komödien mehr drehen würde. Und dass diese Nachricht ausgerechnet jetzt kommt, wo sein neuer Film „Ballon“, der eben keine Komödie ist, ins Kino kommt, ist wohl auch kein Zufall. Hat man seinen Thriller zur Ballonflucht zweier Familien, die 1979 die wohl spektakulärste Grenzüberquerung vom Osten in den Westen Deutschlands hinlegten, aber erst einmal gesehen, wünscht man sich fast schon, der 50-Jährige hätte der Komödie schon früher den Rücken gekehrt. Der Blick in die Zukunft des nun Ex-Comedians stimmt uns jedenfalls freudig erwartungsvoll!

    Die FILMSTARTS-Kritik zu „Ballon“

    Der kürzliche Tapetenwechsel ist Herbigs Thriller-Erstling zu keiner Sekunde anzumerken, ganz im Gegenteil. Denn obwohl der Ausgang der Geschichte hinlänglich bekannt ist, lebt „Ballon“ von einer ungemeinen Spannung, die mal steigen und mal sinken mag, dabei aber nie gänzlich verloren geht. Wie hat er das nur gemacht?

    Wir haben den Schauspieler, Regisseur, Autor und Produzent, der für „Ballon“ ganz bewusst ausschließlich hinter der Kamera Platz nahm, zum Kinostart seines neuen Films getroffen und nachgefragt: Wie kam es eigentlich zu diesem Sinneswandel, weg von der Komödie? Wie viel Wahrheit steckt denn nun tatsächlich in „Ballon“? Und war’s das nun endgültig mit der „Bullyparade“?

    STUDIOCANAL / Marco Nagel

    FILMSTARTS: Der Trailer zu „Ballon“ beginnt relativ ernst, dann erscheint dein Name und man wartet eigentlich nur auf die erste Pointe – die dann aber nicht kommt. Bully kann also auch anders. Woher kam der Wandel, der Komödie den Rücken zu kehren und einen Thriller zu drehen?

    Michael Bully Herbig: Ich kann durchaus nachvollziehen, dass das erst einmal für Verwunderung sorgt. Es gab sogar Leute, die mir geraten haben, das „Bully“ in meinem Namen wegzulassen. Das kam für mich aber nicht in Frage. Ich bin halt immer relativ selbstverständlich mit dem Namen und auch mit verschiedenen Genres umgegangen. Natürlich kann man über die Filme, die ich davor gemacht habe, sagen, das war alles Komödie - am Ende war es aber auch Genrekino. Eine Parodie funktioniert ja auch nur, wenn du das Original ernst nimmst, da muss man auch die Regeln des Genres befolgen. Und am Thriller hatte ich persönlich immer schon große Freude, Hitchcock-Filme habe ich schon im Alter von 13 Jahren genossen. Ich denke, dass das bei mir damit angefangen hat, dass ich nicht auf der Filmhochschule aufgenommen wurde und ich dadurch zwangsläufig diese Abzweigung in Richtung Komödie gemacht habe. Ich habe das auch nie bereut, hatte immer eine Riesenfreude daran und konnte mich da richtig austoben. Aber die Idee, eines Tages mal einen Thriller zu drehen, hat mich nie losgelassen. Und dann tauchte da die Geschichte dieser Ballonflucht auf.

    FILMSTARTS: Wie hast du diese spektakuläre Flucht damals eigentlich wahrgenommen? War das groß in den Medien? Du warst ja selbst auch noch ein Kind…

    Michael Bully Herbig: Ich kann mich erinnern, dass ich als Elfjähriger diese Stern-Ausgabe mit dem Ballonbild gesehen habe, das hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Die erste richtige Berührung mit der Geschichte hatte ich dann aber Mitte der 80er, als die Verfilmung „Mit dem Wind nach Westen“ im Fernsehen kam. Und weil ich damals genauso alt war wie Frank, der ältere Sohn der Strelzyks, konnte ich das gut nachempfinden. Ich konnte mich mit dem identifizieren und habe mir nur gedacht, was ich doch für ein Glück hatte, auf der anderen Seite geboren zu sein.

    FILMSTARTS: Wie gefiel dir die erste Verfilmung?

    Michael Bully Herbig: Ich habe den Film mit 14 oder 15 zum ersten Mal gesehen. Der hat mich damals schon beschäftigt, auch wenn ich ihn noch nicht so richtig zuordnen konnte. Ich bin ja im Westen aufgewachsen und hatte keinerlei Bezug zur DDR. Was ich damals aber schon verstanden habe, ist, dass da zwei Familien ihr Leben und das ihrer Kinder riskieren, um in Freiheit zu leben - und das fand ich beängstigend. Heute empfinde ich den Film, der doch eher aus einer amerikanischen Sicht produziert wurde, als relativ oberflächlich. Auch Günter Wetzel, mit dem ich ja lange gesprochen habe, war sehr unglücklich über diese Verfilmung. Deswegen war er auch zu Beginn ein wenig skeptisch, was meinen Film betrifft, stand uns aber dennoch als Berater zur Verfügung. Und das hat letzten Endes auch sehr dazu beigetragen, dass wir so nahe an der Originalgeschichte dran waren.

    Studiocanal GmbH / Marco Nagel

    FILMSTARTS: Wahre Geschichten im Kino sind ja immer so eine Sache. Wie nah ist „Ballon“ denn nun wirklich an der Wahrheit? Inwiefern hast du zu Gunsten der Spannung ein wenig nachgeholfen?

    Michael Bully Herbig: Im Grunde mussten wir ja zwei Jahre auf einen zweistündigen Film komprimieren. Ich habe mich gemeinsam mit den Autoren relativ früh dafür entschieden, gleich mit der ersten Flucht einzusteigen, weil ich es für plump empfunden hätte, erst einmal eine Viertelstunde damit zuzubringen, diese Welt zu erklären. Ich fand es viel interessanter, den Leuten erst einmal eine Welt zu zeigen, bei der man sich fragt, warum die überhaupt von dort wegwollen. Die haben doch eigentlich alles: ein Haus, ein Auto. Was stimmt denn nicht? Die Gründe dafür werden erst subtil während des Films nachgeliefert. Nach dem ersten Absturz ist klar, das wird ein Wettlauf gegen die Zeit, ein Katz-und-Maus-Spiel - und das ist für das Thriller-Genre natürlich ideal.

    FILMSTARTS: Vor allem am Ende geht es ja unglaublich spannend und knapp zur Sache…

    Michael Bully Herbig: Ja, natürlich haben wir die Geschichte hinten ein wenig zugespitzt. Aber mal ein Beispiel: Nachdem sie Einsicht in die Stasi-Akten hatten, war Günter Wetzel davon überzeugt, dass sie maximal noch eine Woche gehabt hätten - und das ist richtig arschknapp. Zumal sie ja auch noch auf den richtigen Wind warten mussten. Diese Situation konnte ich auch bei den Dreharbeiten sehr gut nachempfinden. Natürlich ging es bei uns nicht um Leben und Tod, aber wir hatten einen sehr eng gestrickten Drehplan mit vielen Außendrehs und wenig Alternativen, beispielsweise bei Regen auf ein Ersatzset auszuweichen. Wir haben auch alle Szenen mit dem Ballon nach vorne gezogen, weil mir auch wichtig war, diese unter realen Bedingungen zu drehen.

    Studiocanal GmbH / Marco Nagel

    FILMSTARTS: Und für deinen Genrewechsel hast du dir gedacht, machst du es dir gleich besonders schwer und erzählst in einem Thriller, der naturgemäß von Spannung lebt, eine Geschichte, deren Ausgang schon bekannt ist…

    Michael Bully Herbig: Ich habe kürzlich erst festgestellt, dass es durchaus eine jüngere Generation gibt, die die Geschichte erstaunlicherweise nicht so kennt. Das freut mich natürlich, weil es für diese Zuschauer noch einmal eine Bonus-Spannung gibt. Aber wir haben uns beim Schreiben des Drehbuchs natürlich überlegt, wie wir Leute, die glauben zu wissen, wie der Film ausgeht, dennoch überraschen können. Komischerweise musste ich da immer an „Titanic“ denken. Da bin ich damals ganz selbstgefällig mit meiner Popcorntüte ins Kino gegangen und habe mir gedacht, „So, jetzt will ich den Kutter mal untergehen sehen.“ Und trotzdem hat es der Film geschafft, dass ich nach zwei Stunden tatsächlich gehofft habe, dass sie an dem Eisberg vorbeifahren.

    FILMTARTS: Apropos Zuschauerreaktion: Wie haben eigentlich die Beteiligten der echten Ballonfahrt auf den Film reagiert? Haben sie ihn schon gesehen?

    Michael Bully Herbig: Ja, das war irre. Ich saß mit Petra und Günter Wetzel allein im Vorführraum und es war zwei Stunden lang mucksmäuschenstill. Ein bisschen nervös war ich da schon, aber als der Film zu Ende war, hat Petra Wetzel angefangen, zu klatschen, ihr liefen die Tränen runter. Sie fiel mir um den Hals und meinte nur: „Also, wenn jemand weiß, wie die Geschichte ausgeht, dann bin das ja ich. Aber ich hatte so Herzklopfen. Ich habe wirklich gedacht, wir schaffen’s nicht.“

    FILMSTARTS: Wenn man sich jahrelang mit einem solchen Stoff beschäftigt und selbst eine Familie zu Hause hat, stellt man sich da nicht auch die Frage, ob man das Risiko einer solchen Ballonflucht auch selbst auf sich nehmen würde?

    Michael Bully Herbig: Total. Das ging 2011 los, als ich den Entschluss gefasst habe, den Film zu machen. Natürlich fragst du dich dann immer wieder, ob du das selbst tun würdest. Das ist natürlich eine sehr theoretische Frage, weil ich das Leben von damals nicht kenne und nicht weiß, wie sich das angefühlt haben muss. Ich kann nur von dem ausgehen, wie ich heute ticke und empfinde und unter diesen Gesichtspunkten kann ich sagen: Ja, ich hätte versucht, da wegzukommen. Ob ich mit meinem Kind in einen Ballon gestiegen wäre, wage ich aber zu bezweifeln. Ich hätte wohl einen anderen Weg gefunden… oder zumindest gesucht.

    Studiocanal GmbH / Marco Nagel

    FILMSTARTS: Der Ballon im Film ist natürlich nicht der echte. Wie habt ihr den nachgebaut? Auf dieselbe Art, wie der Ballon 1979 entstanden ist?

    Michael Bully Herbig: Ja. Wir hatten natürlich professionelle Ballonbauer, weil wir auch sichergehen wollten, dass der Ballon funktioniert. Wir hatten ja auch alle Baupläne und Zeichnungen von Günter Wetzel - selbst die Stoffbahnen wurden in den gleichen Verhältnissen und Farben angefertigt. Das waren zwei flugtaugliche Ballons, die habe ich jetzt im Keller. Also, falls ihr mal für eine Betriebsfeier einen Ballon braucht, könnt ihr mich gerne anrufen. Ihr müsst nur eine andere Gondel dran bauen, unsere ist nicht ganz so sicher. [lacht]

    FILMSTARTS: Das ist immer gut zu wissen. Ist notiert.

    Michael Bully Herbig: Mir war auch sehr wichtig, dass das alles glaubwürdig aussieht. Vor 20 Jahren konnte man die Leute mit digitalen Dinosauriern noch zum Staunen bringen, heute beeindruckst du die Leute aber fast mehr, wenn du Dinge real drehst. Man kann von Tom Cruise beispielsweise halten, was man will, aber ich sitze bei diesen „Mission: Impossible“-Filmen mit offenem Mund davor und denke mir, der Typ ist doch irre. Der hängt sich an ein Flugzeug dran, macht den Helikopterschein, um seine Stunts selbst machen zu können. Ich glaube schon, dass die Leute das honorieren. Ich denke, dass das etwas mit den Schauspielern macht, wenn sie selbst vor diesen Ballons stehen, die Hitze der Flamme spüren und mit den Kindern einsteigen.

    FILMSTARTS: 40 Jahre später wird heute wieder eine große Mauer gebaut, im Alltag sind wir zudem immer öfter mit Menschen konfrontiert, die zur Flucht getrieben wurden. Kommt „Ballon“ genau zur richtigen Zeit?

    Michael Bully Herbig: Als wir vor sieben Jahren mit der Arbeit an dem Film begonnen haben, war das Thema noch nicht so groß. Ich wollte auch kein DDR-Drama machen, sondern einfach nur einen spannenden Film erzählen. Natürlich sind in der Zwischenzeit viele Dinge passiert, die man davor nicht erahnen konnte, wodurch sich tatsächlich gruselige Parallelen ergeben. So fühlt sich die Geschichte fast schon wieder aktuell an. Das war eigentlich nicht meine Absicht. Ich stehe da auch nicht mit dem erhobenen Zeigefinger und spiele den Moralapostel, aber ich glaube, wenn die Leute aus dem Film rausgehen und vielleicht mal ins Grübeln kommen, dann habe ich da nichts dagegen.

    Studiocanal GmbH / Marco Nagel

    FILMSTARTS: Ist für Bully wirklich „Schluss mit lustig“? Oder werden wir Herbig, Tramitz und Kavanian vielleicht doch noch einmal gemeinsam vor der Kamera erleben?

    Michael Bully Herbig: Nein. Ich glaube, wir sind durch. [lacht] Was „Bullyparade - Der Film“ betrifft, war uns klar, dass das ein Special-Interest-Ding war. Wir haben uns gesagt: Wir gehen noch einmal zurück zu unseren Wurzeln und machen denselben Quatsch wie vor 20 Jahren, mit jeder Konsequenz - auch wenn wir dafür Prügel beziehen. Wir haben das sehr genossen, aber irgendwann muss man den Mut haben, Dinge loszulassen.

    FILMSTARTS: Science-Fiction, Western, Abenteuerfilm - Du hast dich schon in sehr verschiedenen Genres versucht, wenn auch zumeist im Kontext der Comedy. Kommt als nächstes vielleicht ein Horrorfilm? Der würde in Bullys Lebenslauf noch fehlen…

    Michael Bully Herbig: Nein, das kann ich auf jeden Fall ausschließen. Ich mag so gut wie jedes Genre, aber mit Horror habe ich so meine Probleme. Ich habe zum Beispiel „Der Exorzist“ bis heute nicht gesehen, ich weiß für einen Filmschaffenden ist das fast eine Sünde. Wenn man „Alien“ von Ridley Scott als Horrorfilm bezeichnen möchte, der gefällt mir. Aber diese ganz klassischen Horrorfilme wie „Freitag der 13.“, „Halloween“, „Saw“ und dieser ganze Wahnsinn - das ist nichts für mich. [lacht]

    FILMSTARTS: Zum Abschluss: Hast du einen Film-Geheimtipp – also einen Film, der deiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit verdient als er bekommt?

    Michael Bully Herbig:I, Tonya“ von Craig Gillespie.

    „Ballon“ läuft seit dem 27. September 2018 deutschlandweit im Kino! 

     

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