Darf man das? Ja, unbedingt!
Von Susanne GietlEin Film über Jugendliche, die eine Krebserkrankung (vorerst) überstanden haben, als Feel-Good-Movie? Das muss man sich erst mal trauen. Regisseur George Jaques wagt das Experiment und kreiert mit viel Herz und sommerlichem Indie-Soundtrack eine Tragikomödie ohne Mitleidsfaktor. Zum Drehbuch für „Sunny Dancer“ hat ihn seine eigene Kindheit inspiriert. Seine Mutter litt damals an Brustkrebs und rückblickend beschreibt Jaques ihren Kampf gegen die Krankheit als intensive Zeit, in der trotz allem auch immer wieder Raum für Momente voller Leichtigkeit blieb. Diese lebensbejahende Einstellung übernimmt der gerade einmal 26 Jahre alte Regisseur in „Sunny Dancer“, seinem nach „Black Dog“ bereits zweiten Langfilm.
Das Setting ist dabei ein besonderes Sommercamp in Schottland, auf das ihn seine langjährige Cutterin Caitlin Spiller aufmerksam machte. Und so begleitet Jaques seine 17-jährige Protagonistin Ivy („The Last Of Us“-Star Bella Ramsey) in ein „Chemo Camp“, wo sie auf Gleichaltrige mit ähnlichen Krebsgeschichten trifft. Dass Ivy, die ihre Leukämie-Erkrankung überwunden hat und sich nun in Remission befindet, darauf überhaupt keine Lust hat, ist wenig verwunderlich. Sie möchte einfach eine normale Teenagerin sein. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten fügt sich Ivy dann aber doch noch in die Gruppe ein – und erlebt im Camp den Sommer ihres Lebens.
SUNNY DANCER Distribution Limited
Charakterlich ergänzen sich die Jugendlichen gut. Ivy ist zynisch und impulsiv, Ella (Ruby Stokes) hingegen ein ganzes Stück naiver. Sie träumt davon, ihre Unschuld an den 24-jährigen Camp-Trainer Tristan (Louis Gaunt) zu verlieren. Ralph gibt den Rebellen (Earl Cave), Jake (Daniel Quinn-Toye) ist sensibel und verletzlich. Archie (Conrad Khan) entspricht dem Typ des stillen Außenseiters, wird aber trotzdem von allen gemocht. Mit seinem hochkarätigen jungen Cast, unter anderem aus Erfolgsserien wie „Game Of Thrones“, „Bridgerton“ und „Dune: Prophecy“, folgt „Sunny Dancer“ der Tradition von John Hughes‘ Highschool-Komödien-Klassiker „The Breakfast Club“. Als Aufpasser dabei ist „How I Met Your Mother“-Star Neil Patrick Harris als zwanghaft-gutgelauntem Campleiter, der Ivy in einer Szene auch seine persönliche Seite offenbart. Spätestens da fließen die Tränen.
Sowieso gelingt es George Jaques hervorragend, jugendlich-rebellisches Wohlfühlkino zu liefern, ohne deshalb zu verschweigen, dass eben doch nicht alles in Ordnung ist: Krankenschwester Brenda (Josie Walker, „Kneecap“) verteilt jeden Tag Pillen an die Teilnehmer*innen und Therapeutin Lucy (Shalom Brune-Franklin, „Baby Reindeer“) lädt zu Psychosessions ein. Die Clique ist auch in schlimmen Zeiten immer füreinander da und entwickelt ein untrügliches Gefühl dafür, wann es einem von ihnen mal nicht so gut geht. Die ausgelassenen Campszenen, wie man sie aus unzähligen Hollywood-Sommerkomödien kennt, lenken von schweren Schicksalen ab – aber genau darum geht’s ja auch. „Sunny Dancer“ verzichtet auf rührselige Szenen am Krankenhaustropf, sondern zelebriert das Camp als Wohlfühlort – für die Kids und für das Publikum.
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Bereits vor Beginn der eigentlichen Dreharbeiten verbrachte das Team eine gemeinsame Woche mit typischen Campaktivitäten wie Kanufahren, dem Bau eines Floßes oder Völkerball. Diese positive Energie überträgt sich auch auf den Film. Humorvolle und traurige Momente fließen in „Sunny Dancer“ ineinander. Da der Krebs zum Leben dazugehört, scherzen die Kids selbst darüber – und wenn doch einmal eine Grenze überschritten wird, dann tanzen und trinken sie gegen den Schmerz, um sich die beste Zeit ihres Lebens in dem Camp in der Nähe von Glasgow nicht nehmen zu lassen.
Schon zu Beginn bei der Autofahrt zum Krebscamp führen Ivy und ihre untypisch coolen Eltern (Jessica Gunning, James Norton) eine Gute-Laune-Mini-Choreo vor (in der Familie gibt es die Regel, dass jeder mitmachen muss, egal wie schlecht gelaunt er gerade auch ist). Zu Scissor Sisters‘ „I Don’t Feel Like Dancin‘“ entwickelte das Team gemeinsam mit der Choreografin Polly Bennett einen Thumbs-Down-Thumbs-Up-Tanz, der sich nun als kraftvolles, tragikomisches Element durch den ganzen Film bis hin zur finalen Talentshow zieht. Natürlich ist nicht immer alles eitel Sonnenschein, denn der Krebs hat auch noch etwas zu sagen. Aber Freundschaft und Sommer helfen definitiv, um alles ein wenig leichter zu ertragen.
Fazit: Eine unbedingt lebensbejahende Coming-of-Age-Tragikomödie aus der Sicht von Krebskids. „Sunny Dancer“ liefert Leichtigkeit, wo manch einer womöglich mehr Tiefgang erwartet. Aber es ist eine Entscheidung, die mitten ins Herz des Publikums trifft.
Wir haben „Sunny Dancer“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er in der Sektion „Generation 14plus“ seine Weltpremiere gefeiert hat.