Die Passion des Nicolas Cage
Von Oliver KubeNicolas Cage in einem Bibelepos? Warum nicht? Nach viel zu vielen Jahren in der durch Steuerschulden erzwungenen B-Movie-Hölle, wo er schon aus finanziellen Gründen quasi jede angebotene Rolle annehmen musste, kann der Oscargewinner (für „Leaving Las Vegas“) inzwischen wieder drehen, was er will. Die allermeisten seiner Fans dürften dabei dankbar für den neugewonnenen Mut bei seiner Rollenauswahl sein – immerhin sind dabei solch herausragende Filme wie „Mandy“, „Pig“ oder „Dream Scenario“ entstanden. Außerdem ist „The Carpenter’s Son“ weder eine müde Neuauflage von klassischen Monumentalwerken wie „Die Zehn Gebote“ noch eines jener lahmen Erbauungsdramen, wie sie die christlichen US-Studios aktuell wieder in Reihe produzieren.
Aber was ist „The Carpenter’s Son“ dann? Ist es ein Vater-Sohn-Psychothriller, ein exzentrisches Coming-of-Age-Drama, eine wilde Historien-Fantasy oder ein düsterer Supernatural-Horror? Das ist fast so schwierig zu beantworten, wie ein Urteil darüber zu fällen, ob das Ganze nun gelungen ist oder von Regisseur und Drehbuchautor Lotfy Nathan („Harka“) überambitioniert vergurkt wurde. Der Film hat definitiv reichlich Schwächen, ist dabei aber auch sympathisch eigenwillig. Sagen wir es mal so: Wer Martin Scorseses nicht gerade leicht verdaulichen „Die letzte Versuchung Christi“ mochte und die heftigeren Sequenzen in Mel Gibsons „Die Passion Christi“ gefeiert hat, sollte wohl auch „The Carpenter’s Son“ einfach mal eine Chance geben.
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Als die Soldaten des von Rom eingesetzten Königs Herodes auf dessen Befehl hin ausnahmslos alle männlichen Kinder der Region töten, fliehen ein Zimmermann (Nicolas Cage) und seine Frau (FKA Twigs) mit ihrem neugeborenen Sohn aus Bethlehem. Dank einer List und etwas Glück kann die Familie tatsächlich dem Gemetzel entkommen und mit ihrem Esel unversehrt in die Wüste gelangen. 15 Jahre später sind die drei in Ägypten unterwegs – immer noch darauf bedacht, unentdeckt zu bleiben. Weil die Vorräte aufgebraucht und ihre finanziellen Mittel knapp sind, beziehen sie in einem Dorf eine bescheidene Hütte.
Der von der Sicherheit seiner Familie besessene Vater findet schnell Arbeit und versucht zudem, seinem Sohn (Noah Jupe) nebenbei die Gefahren der Welt um ihn herum zu erklären. Dabei ist der pubertierende Teenager mit seinem Begehren für das Nachbarmädchen Lilith (Souheila Yacoub) schon genug beschäftigt. Dennoch beginnt er, sich der bösartigen spirituellen Kräfte um sich herum ebenso bewusst zu werden wie seiner eigenen außergewöhnlichen Fähigkeiten …
Eingangs haben wir „The Carpenter’s Son“ als mögliches Bibelepos beschrieben. Aber das ist natürlich nicht ganz korrekt. Denn selbst wenn das namenlos bleibende Familien-Trio problemlos als Josef, Maria und Jesus zu identifizieren ist, wird man die konkrete Geschichte von „The Carpenter’s Son“ sicherlich nicht in der Heiligen Schrift finden. Das Drehbuch ist stattdessen vom sogenannten „Thomasevangelium“ inspiriert – einer Sammlung von Zitaten und kurzen Dialogen, die Jesus Christus zugeschrieben werden. Sie zählt zu den Apokryphen, einer Reihe religiöser Schriften aus der Frühzeit der Glaubensbewegung, die aus verschiedenen Gründen jedoch nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurden.
Zunächst sehen wir Herodes' Soldaten, wie sie ebenso brutal wie nonchalant kleine Kinder ermorden. Nach den atmosphärisch und intensiv inszenierten Eröffnungsszenen rund um die Geburt und die ersten Tage des späteren Heilands gibt es einen krassen Zeitsprung. Vorbereitet wird dieser von einem kryptisch anmutenden Voiceover von Nicolas Cage. Was genau der bedeuten soll, bleibt zunächst ebenso mysteriös wie ein Charakter, der in der Folge immer wieder auftaucht. Dieser wird, je nachdem, aus welchen Augen wir ihn gerade sehen, von gleich zwei verschiedenen Schauspielerinnen dargestellt: mal von der jungen Britin Isla Johnston („Das Damengambit“), mal von der 30 Jahre älteren griechischen Profitänzerin Elena Topalidou.
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Im Anschluss an den Zeitsprung mäandert der Film allerdings eine ziemlich lange Weile vor sich hin. Während wir der Familie bei der Verrichtung trivialer Tätigkeiten zusehen, passiert dabei auf den ersten Blick nicht wirklich viel. Der eine oder andere Kinofan dürfte sicher schon hier die Geduld mit Lotfy Nathan und seinem Werk verlieren. Zumindest teilweise zahlt es sich dann aber doch aus, dranzubleiben. Denn einige der späteren, deutlich abgefahreneren Ereignisse werden durch diese Szenen erst nachvollziehbar. Außerdem werden hier die Spannungen innerhalb der Familie langsam und glaubhaft aufgebaut. Nicolas Cage und Noah Jupe („A Quiet Place“) machen dabei einen guten Job – und auch die Anfang 2026 mit einem Grammy ausgezeichnete Popsängerin FKA Twigs kann hier, im Gegensatz zu ihren vorhergehenden Auftritten in „Honey Boy“ und „The Crow“, durchaus überzeugen.
Die Performances passen sich der selbst in Momenten mit übernatürlichen Vorkommnissen auf Authentizität bedachten Inszenierung an. Cage ist zwar gewohnt intensiv in seiner Mimik, nimmt sich ansonsten aber über weite Strecken erstaunlich zurück – bis er dann natürlich doch noch einen seiner längst typischen Ausraster hinlegen darf. Der Auftritt von Johnston und speziell Topalidou ist hingegen fast durchgehend expressiv. Die Figur wird im Abspann als „The Stranger“ bezeichnet, aber es wird schnell klar, wen sie tatsächlich verkörpern soll. Wird sie doch zum ultimativen schlechten Einfluss auf den zukünftigen Messias. Die durch diese Begegnungen gefütterte Rebellion des Teenagers und die Akzeptanz seiner Andersartigkeit durch den Mann, der schon immer ahnte, dass er nicht wirklich sein Vater ist, führen die Story zu ihrem unvermeidlich düsteren und doch irgendwie versöhnlichen Ende.
Dieses Finale selbst mag in gewisser Weise vorhersehbar sein, der Weg dorthin ist aber mit einigen Überraschungen gespickt. Leider schafft es der Regisseur dabei nicht, einen homogenen Storyfluss zu präsentieren, stattdessen wirkt vieles arg episodenhaft. So kommt etwa der Besuch des Jungen in einem römischen Straflager, in dem das Mädchen, nach dem er sich eben noch so verzehrt hat, gefoltert wird, wie ein womöglich sogar nachträglich eingefügter Fremdkörper. Das ist schade, denn die an die Schilderungen einer Vorhölle von Dante Alighieri erinnernde Szene ist visuell und atmosphärisch durchaus sehenswert. Auch weitere Horrorpassagen sind nicht immer schlüssig integriert. Zudem sind sie zwar grausam und blutig, aber nicht mit einer solchen Konsequenz durchgezogen, dass „The Carpenter’s Son“ zumindest Genre-Freaks wirklich begeistern dürfte.
Die aus der Bibel herausgelassenen Teenagerjahre Jesu in Form eines oft ganz schön krassen, dabei aber niemals plump effekthaschend oder gar blasphemisch anmutenden Films zu präsentieren, ist auf dem Papier eine reizvolle Idee. Das Experiment, denn so fühlt sich das Ganze streckenweise an, geht jedoch nicht vollumfänglich auf – primär wegen Pacing-Problemen sowie Stolpersteinen im Handlungsablauf. Dennoch können sich zumindest Fans der beteiligten Stars gern mal darauf einlassen.
Fazit: Nicolas Cage als Josef von Nazareth ist eine inspirierte Casting-Entscheidung. Es liegt dann auch nicht am Oscargewinner, dass der oft experimentell anmutende Streifen nur streckenweise funktioniert. Mutig und provokant sowie trotz augenscheinlich nicht gerade opulentem Budget attraktiv umgesetzt, ist er aber durchgehend.