Keeper
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Keeper

Der "Longlegs"-Macher unterläuft alle Erwartungen

Von Michael Bendix

Noch bis vor einem Jahr konnte man Osgood Perkins eher in der zweiten Reihe jener Regisseure verorten, die sich im Fach des sogenannten Elevated Horror bewegen – einer seit rund zehn Jahren tonangebenden Strömung, die durch Merkmale wie ein stark verlangsamtes, gern unverbindlich waberndes Tempo, betonte Symbolhaftigkeit, formalistische Strenge und das Explizit-Machen psychologischer Subtexte ihre Genrehaftigkeit abzustreifen versucht. Doch nach eher angestrengten Stilübungen wie „Gretel & Hansel“ (2020) verlieh Perkins seinem Kino mit dem zum Überraschungserfolg gewordenen Serienkiller-Thriller „Longlegs“ (2024) erstmals Konturen – bevor er sich noch im selben Jahr jeden Funken Restprätention selbst austrieb, indem er die Stephen-King-Kurzgeschichte „The Monkey“ mit makabrem Überschwang als Fun-Splatter interpretierte.

„Keeper“ schließt nun wieder eher an seine früheren Arbeiten an – und fügt sich dabei zumindest auf den ersten Blick etwas zu gut in sein momentanes Genre-Umfeld ein: Zum einen bespielt der Film ein gerade in den letzten Jahren enorm populäres Thema im Horror-Kino – die oft toxischen Dynamiken in primär heterosexuellen Paarbeziehungen, deren immanentes Grauen Filme wie „Men“, „Companion“ oder „Together“ auf ganz unterschiedliche Art und Weise herausgearbeitet haben. Zum anderen kehrt Perkins nach dem enthemmten „The Monkey“ zu einer entschleunigten, vibe-zentrierten Inszenierungsform zurück. Und doch erweist sich der Regisseur auch in seiner jüngsten Regiearbeit – der dritten in gerade mal anderthalb Jahren – als eine der eigensinnigeren Stimmen im zeitgenössischen Genre-Kino. Auch deshalb, weil er sich mittlerweile selbst innerhalb ein und desselben Films nicht festlegen lassen will.

Stadtmensch Liz (Tatiana Maslany) fühlt sich in der Waldhütte ihres Freundes Malcolm alles andere als wohl – und sie hat gute Gründe dafür. DCM
Stadtmensch Liz (Tatiana Maslany) fühlt sich in der Waldhütte ihres Freundes Malcolm alles andere als wohl – und sie hat gute Gründe dafür.

„Keeper“ eröffnet mit einer Reihe unterschiedlicher Frauen aus unterschiedlichen Epochen, die direkt die Kamera anvisieren (und damit uns), wobei sich ihre Blicke im Laufe der Montage von erwartungsvoll zu skeptisch, schließlich von glückerfüllt zu schreckverzerrt ändern – bis sich ihre teils blutbesprenkelten Gesichter im Close-up zu einem gemeinsamen Schrei formieren. Es geht also um eine kollektive, vielleicht sogar universelle Erfahrung. Im Anschluss sitzen wir aber erst einmal mit der Künstlerin Liz (Tatiana Maslany) und Arzt Malcolm (Rossif Sutherland) im Auto. Das Paar irgendwo in seinen 40ern ist seit gut einem Jahr zusammen – zu kurz, um schon in Gewohnheiten zu verharren, aber lange genug, um eine Vertrauensbasis aufzubauen, die einem gemeinsamen Wochenendausflug in Malcolms abgelegene Waldhütte standhält.

Doch kaum in der zumindest für den erklärten Stadtmenschen Liz ungewohnten Umgebung angekommen, machen sich Unsicherheit und wachsende Entfremdung in ihrer Beziehung breit – zumal sich bald eine Merkwürdigkeit an die andere reiht. Gleich am ersten Abend schaut Malcolms nebenan lebender, schmierig-jovialer Cousin Darren (Birkett Turton) mit seiner Model-Freundin Minka (Eden Weiss) vorbei und bittet Malcolm kurzerhand zu einer Vier-Augen-Unterredung vor die Tür. Auf dem Tisch steht derweil ein penibel in Geschenkpapier verpackter Schokoladenkuchen – laut Malcolm ein Geschenk des Hausmeisters –, auf den die Kamera immer wieder verschwörerisch hinweist und der laut Minka „wie Scheiße“ schmeckt. Trotzdem fühlt sich Liz, die nach eigenen Angaben gar keine Schokolade mag, bald auf unerklärliche Art und Weise von dem Gebäck angezogen. Zudem wird sie von allerlei Visionen geplagt – und dann lässt Malcolm sie wegen eines angeblichen ärztlichen Notfalls allein in der Hütte zurück...

Eine Hütte zum Unwohl-Fühlen

Das Holzhaus, das bald zum alleinigen Schauplatz von „Keeper“ wird, hat wenig gemein mit der abgerockten Rustikalität etwa der Hütte im Horror-Klassiker „Tanz der Teufel“ – die minimalistisch-moderne, skandinavisch inspirierte Architektur mit offenen Räumen und breiten Fensterfronten soll vermutlich hell, offen und einladend wirken. Doch Perkins ringt dem auffallend ungemütlich eingerichteten Gebäude durch suggestive, desorientierende Kamerawinkel von Anfang an eine beunruhigende, klaustrophobische Wirkung ab.

Da mutet das viele Glas, das den Blick auf den Wald freigibt, weniger wie eine lichtspendende, die Räume mit der sie umgebenden Natur verbindende Baumaßnahme an, vielmehr verstärkt es das ständige Gefühl des Ausgeliefertseins und des drohenden Kontrollverlustes. Durch jede Ritze kriechen Geräusche, und dass es in dem Domizil kaum Türen und noch weniger Schlüssel gibt, macht Liz aus guten Gründen zu schaffen. „Ich bin eine Gefangene“, sagt sie einmal, als sie, ohne Auto mitten im Wald zurückgeblieben, mit einer Freundin aus der Großstadt telefoniert – wobei sie im englischen Original doppeldeutig den Begriff „kept woman“ benutzt, der sich auch mit „Mätresse“ oder „ausgehaltene Frau“ übersetzen lässt.

Geisterfilm, Folk-Horror oder etwas ganz anderes?

Ja, in „Keeper“ geht es – wie in vielen inhaltlich verwandten Filmen der vergangenen Jahre – auch um kontrollierende Männlichkeit, patriarchale Ausbeutung, generationsübergreifende Verheerungen. Auch in der Frage, ob man einander in einer Partnerschaft jemals ganz und gar kennen kann – und mit welchem Grad an Unsicherheit man in einer Beziehung schlichtweg leben muss –, lauert monströses Potenzial. Obwohl es aber sogar eine Art Auflösung gibt, weigert sich Perkins – anders als beispielsweise der bereits erwähnte „Men“ – beharrlich, sein gesamtes Handlungskonstrukt auf eine einzige Metapher hin zu verdichten. Stattdessen lässt er lange, sogar außergewöhnlich lange offen, in was für einer Art Horrorfilm wir uns überhaupt befinden. Immer wieder legt er neue Fährten aus, lässt manche davon ins Leere laufen und stapelt mehr Rätsel aufeinander, als er lösen kann.

Sind übersinnliche Phänomene im Spiel? Geht es um eine kreatürliche Gefahr oder inneren Wahn? Ist „Keeper“ ein Folk-Horrorfilm oder läuft es gar auf ein Home-Invasion-Szenario hinaus? Zwischendurch gibt es auch David-Lynch-artige Kippbilder zu sehen, gerade lange genug, um nachhaltig zu verwirren. Perkins treibt ein durchaus gewitztes Spiel mit situativen Archetypen, verschiedenen Genre-Modi und den damit verbundenen Erwartungen – und statt am Ende auf die Bedeutsamkeit seiner eigenen Ideen zu verweisen, hat er lieber seine Freude an grotesker (und teilweise auch grotesk niedlicher) Maskenarbeit, die bisweilen sogar Erinnerungen an die Zenobiten aus „Hellraiser“ wachruft.

Was hat Malcolm (Rossif Sutherland) zu verbergen? DCM
Was hat Malcolm (Rossif Sutherland) zu verbergen?

Wenn Liz mit Malcolm über ihre Erlebnisse in seiner Abwesenheit spricht und die ihr erschienene „Frau mit einer Tüte auf dem Kopf“ nicht etwa als Halluzination beschreibt, sondern mit irritierender Selbstverständlichkeit nachhakt, ob das eventuell die Hausmeisterin gewesen sein könnte, offenbart sich ein weiterer Unterschied zwischen Perkins und vielen seiner Kollegen: ein Hang zu verschrobenem Humor, den er etwa auch in seltsam unbeholfenen Luftküssen oder einer perfekt gesetzten Kunstpause vor einem die Zuschauerreaktion spiegelnden „What the fuck?“ findet. So diffus „Keeper“ manchmal auch dräuen, schlingern und mäandern mag, kann man in diesem einnehmend entscheidungsunfreudigen Kammerspiel auch durchaus Spaß haben.

Fazit: Auch mit seinem neuen Film unterläuft „Longlegs“-Macher Osgood Perkins wieder die selbst aufgebauten Erwartungen. Dass er lange in der Schwebe lässt, worum es in „Keeper“ überhaupt geht, könnte Teile des Publikums frustrieren – doch wer sich auf den in viele verschiedene Richtung weisenden Modus des Beziehungshorror-Kammerspiels einlässt, wird mit einem der eigenwilligeren Genre-Beiträge der jüngeren Zeit belohnt.

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