Nihilistische Netflix-Action mit Matt Damon & Ben Affleck!
Von Lutz GranertSie wuchsen Tür an Tür in der Universitätsstadt Cambridge in der Nähe von Boston, Massachusetts auf – und interessierten sich bereits in ihrer Jugend für Filme. So verschlug es die befreundeten Teenager zu einer Casting-Agentur, die sie als zwei von insgesamt 3.000 Statist*innen für ein Baseballspiels im Bostoner Fenway Park für den Kevin-Costner-Kultfilm „Feld der Träume“ (1989) besetzt. Es war der Beginn der Hollywood-Karriere von Matt Damon und Ben Affleck, die nicht nur für ihr gemeinsam geschriebenes Original-Drehbuch zu „Good Will Hunting“ (1997) auf Anhieb einen Oscar gewannen, sondern anschließend auch noch mehr als ein Dutzend Mal gemeinsam vor der Kamera standen. Darunter etwa auch in „Air: Der große Wurf“, dem ersten Film ihrer im November 2022 gegründeten Produktionsfirma Artists Equity.
Ihre Firma war nun auch an einem gemeinsam mit Netflix realisierten Cop-Thriller beteiligt, der – laut Regisseur und Drehbuchautor Joe Carnahan („Shadow Force“) – auf den persönlichen Erfahrungen eines Drogenfahnders aus dem Bezirk Miami Dade County beruht. Der düstere Look und die grimmige Inszenierung sorgen dabei zwar für eine starke Atmosphäre sowie ein – zumindest in der ersten Hälfte – hohes Spannungslevel, doch gerade die Actionszenen fallen bei „The Rip“ (bezeichnet im Polizei-Jargon die Beschlagnahmung von Bargeld, Drogen oder Waffen von Kriminellen) erstaunlich einfallslos aus.
Netflix
Korruption ist im Polizeidezernat von Miami und speziell bei der Drogenfahndung an der Tagesordnung. Nach dem Mord an Captain Jackie Velez (Lina Esco) laufen die Ermittlungen in den eigenen Reihen auf Hochtouren. Dabei werden auch Lieutenant Dane Dumars (Matt Damon) und der mit dem Opfer liierte Detective Sergeant J.D. Byrne (Ben Affleck) verdächtigt. Auf Basis eines Tipps rücken Dane, J.D. und drei weitere Kolleg*innen am Freitag nach Feierabend zu einem Haus in einer Wohnsiedlung vor den Toren Miamis aus, in dem ein niedriger sechsstelliger Geldbetrag eines Kartells liegen und beschlagnahmt werden soll.
Vor Ort öffnet die ahnungslose Desi (Sasha Calle) die Tür und die Ermittler stellen die gigantische Summe von etwa 20 Millionen US-Dollar sicher, die noch vor Ort genauestens gezählt werden muss. Das besagen zumindest die Vorschriften. Doch schnell bekommen auch weitere Cops Wind von dem Überraschungsfund – und die haben womöglich andere Interessen, als die Summe möglichst sicher und vollständig in die Asservatenkammer zu schaffen.
Die Polizei als ein von Korruption zerfressener, sich selbst zerfleischender Haufen – diese düstere Weltsicht unterstreicht Joe Carnahan von Beginn an auch visuell. Kameramann Juanmi Azpiroz, der mit dem Regisseur auch schon bei „Boss Level“ zusammenarbeitete, liefert stark abgedunkelte Bilder: Es sind virtuos zwischen den verschiedenen Verdächtigen hin und her geschnittene Verhöre, die fließend in körperliche Auseinandersetzungen übergehen. Auch während des Einsatzes im schummrig ausgeleuchteten Stash-House bestimmen Aggression, Misstrauen und die Versuchung großer Scheine die Dialoge. So wollen Dane und J.D. die Handys ihrer Kollegen einsammeln, um die Kommunikation nach außen zu unterbinden.
Nur eine reine Vorsichtsmaßnahme? Oder wollen sie sich das Geld womöglich selbst unter den Nagel reißen? „The Rip“ bleibt die Beantwortung der Frage, wer hier korrupt ist und wer nicht, lange schuldig – was als Spannungstreiber in der ersten Filmhälfte hervorragend funktioniert. Im weiteren Verlauf verlagern sich die Geschehnisse jedoch bald auf die Straße – und verlieren damit schnell ihre bedrückende Atmosphäre und Intensität. Mittels diverser Rückblenden erfolgt die Auflösung des zuvor clever zurückgehaltenen Geheimnisses – und dazu nehmen zwei parallele Verfolgungsjagden ihren Lauf, die fast schon pflichtschuldig wirken und denen es deshalb auch an echter Spannung mangelt.
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Selbst wenn Carnahan nach eigenen Angaben einen Cop-Thriller im Geiste von „Serpico“ oder „Heat“ im Sinn hatte: Druckvoll wummernde Beats und schnelle Schnitte suggerieren zwar Dynamik, aber unterm Strich fällt dieser recht einfallslos heruntergekurbelte Action-Showdown ohne wirkliche Raffinesse doch reichlich mau aus. Bezeichnend dafür steht, dass Martial-Arts-Ikone Scott Adkins („John Wick: Kapitel 4“) zwar einen der involvierten FBI-Ermittler (und den unterkühlten Bruder von J.D.) verkörpert, aber trotzdem keine einzige wirklich ausgearbeitete Actionszene bestreiten darf – und so körperlich unterfordert bleibt.
Immerhin: Der als J.D. eher clever agierende Matt Damon und Ben Affleck als sein aufbrausender Hitzkopf-Partner liefern eine solide Vorstellung als ungleiches Kollegen-Paar ab. Auch wenn sie immer wieder verbal und körperlich ihre Differenzen ausfechten: Zwischen den beiden Hollywood-Kumpels stimmt auch nach mehr als 35 Jahren oft gemeinsam verbrachter Leinwandkarriere noch immer die Chemie.
Fazit: In düstere Bilder getaucht, überzeugt die erste Filmhälfte von „The Rip“ als clever verdichteter und knallharter Thriller rund um Verrat, Misstrauen und Korruption in den Reihen der Ordnungshüter. Obwohl Matt Damon und Ben Affleck sichtlich Spaß an ihren ungewohnt zwielichtigen Rollen haben, fehlt es der actionreicheren und in Sachen Spannung abfallenden zweiten Hälfte jedoch an Klasse und Ideen.