Extrawurst
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Extrawurst

Nukleare Vereinsmeierei

Von Christoph Petersen

Nach ihrer Premiere am Hamburger Ohnsorg-Theater im Oktober 2019 legte die Bühnenkomödie „Extrawurst“ einen kometenhaften Aufstieg hin: In der Spielzeit 2021/22 avancierte sie sogar zum meistgespielten Stück Deutschlands! Ganz überraschend kommt dieser beispiellose Erfolg allerdings nicht: Nicht nur sorgen die Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob – wie zuvor der französische Theater-Superhit „Der Vorname“ – mit einer im ersten Moment absurd klingenden Prämisse für eine stetig eskalierende Streitspirale. Sie siedeln ihr Stück zudem in einem Tennisverein an – und ein explosiverer Ort für gesellschaftliche Debatten ist wohl kaum vorstellbar (abgesehen vielleicht von einem Kleingartenverein).

Kein Wunder also, dass „Extrawurst“ jetzt auch verfilmt wurde – und Regisseur Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt ist länger tot“) hat dafür sogar einen absoluten All-Star-Cast zusammengetrommelt. Besonders sticht natürlich das Kino-Comeback von Hape Kerkeling hervor, der hier – wenn man seinen Mini-Auftritt in „Der Junge muss an die frische Luft“ mal beiseitelässt – erstmals seit 16 (!) Jahren („Horst Schlämmer - Isch kandidiere!“) wieder auf der großen Leinwand zu sehen ist. Klingt also alles nach einer absolut sicheren Nummer – und vielleicht liegt gerade darin das Problem: In den sechs Jahren seit der Premiere des Stücks gab es nun mal etliche Filme, die in eine ganz ähnliche Kerbe geschlagen haben – zuletzt etwa „Alter weißer Mann“. Deshalb hätten einige Gags sehr gut ein anspitzendes Update vertragen können. Auch von den Möglichkeiten, die das Kino im Vergleich zur Bühne bietet, wird nur selten Gebrauch gemacht.

Eine „simple“ Diskussion um einen neuen Grill für Erol (Fahri Jardim) läuft in „Extrawurst“ völlig aus dem Ruder! StudioCanal
Eine „simple“ Diskussion um einen neuen Grill für Erol (Fahri Jardim) läuft in „Extrawurst“ völlig aus dem Ruder!

Vereinssitzung beim Tennisclub Langenheide: Die Wiederwahl des bereits seit 25 Jahren amtierenden Präsidenten Heribert Bräsemann (Hape Kerkeling) geschieht erwartungsgemäß einstimmig. Auch der Neubau des Vereinsheims wird schnell durchgewunken, obwohl die Vergabe des Auftrags ausgerechnet an den Schwager des Präsidenten sicherlich ein Geschmäckle hat. Aber dann kommt Punkt 7: „Sonstiges“. Normalerweise gibt es da nie was, doch dieses Mal schlägt der stellvertretende Vereinspräsident Matthias Scholz (Friedrich Mücke) vor, einen neuen Gasgrill des Models XQ3010 anzuschaffen – mit vier separaten Heizflächen, die einen Ausstoß von bis zu 50 Würsten (statt bisher nur 20) erlauben.

Auch dieser Punkt scheint zunächst problemlos durchzugehen. Aber dann schlägt die mit ihrem Ehemann Torsten (Christoph Maria Herbst) aus Berlin zugezogene Melanie (Anja Knauer) vor, für ihren Doppelpartner Erol (Fahri Yardim) noch einen zweiten Grill anzuschaffen. Schließlich dürfe er als Muslim kein Fleisch essen, das zusammen mit Schweinewürsten gegrillt wurde. Erol winkt zwar direkt ab und sagt, dass man sich nur für ihn nicht extra eine solche Mühe machen müsse. Aber da hat die Diskussion bereits eine Dynamik entwickelt, die nicht mal mehr mit dem präsidialen Lieblingsspruch „Punkt. Aus. Streusand drauf!“ aufzuhalten ist…

Tschechows Tennisschläger

Das literarische Prinzip von „Tschechows Waffe“ besagt: Wenn im ersten Akt selbst beiläufig eine Pistole auftaucht, dann muss sie im dritten Akt auch abgefeuert werden. Dasselbe gilt natürlich auch für einen überdimensionierten Tennisschläger, der als Skulptur in der Einfahrt zum TC Langenheide e.V. aufgestellt ist. Abgesehen davon lockert nur Milan Peschel („Der Nanny“) als Hausmeister, der sich mit einer defekten Ballmaschine herumschlägt, die durchgehende Diskussion mit kurzen Einsprengseln von körperlichem Slapstick auf. Zwar verlagert sich der Zwist vom Vereinsrestaurant über die Tennishalle und die Werkhalle bis in die Einfahrt – aber großartig Abwechslung bietet die Inszenierung nicht gerade.

Stattdessen ist es an den Schauspieler*innen und den Debattendialogen, die Eskalationsspirale voranzutreiben. Natürlich geht es von vornherein nie wirklich um den Grill – sondern stattdessen um all die bislang verborgenen Animositäten, Vorurteile, Eifersüchteleien und Ressentiments, die jetzt alle auf einmal an die Oberfläche durchbrechen. Dabei macht es sich „Extrawurst“ zum Glück nicht so leicht, sich einfach nur auf den offensichtlichsten Sündenbock – nämlich den rechtslehnenden, autoritätsgeilen Grillidentitäts-Bewahrer Matthias – einzuschießen. Stattdessen bekommt im Verlauf der knapp 100 Minuten jeder sein Fett weg, während sich die Koalitionen bei jedem angeschnittenen Thema neu zusammenwürfeln (Jean-Paul Sartre und sein Stück „Geschlossene Gesellschaft“ lassen grüßen).

Man mag von „Extrawurst“ halten, was man will. Aber es ist auf jeden Fall eine große Freude, Hape Kerkeling nach all der Zeit endlich wieder im Kino zu sehen! StudioCanal
Man mag von „Extrawurst“ halten, was man will. Aber es ist auf jeden Fall eine große Freude, Hape Kerkeling nach all der Zeit endlich wieder im Kino zu sehen!

„Sogar“ Erol haut irgendwann Quasi-AfD-Parolen raus – und legt damit zugleich wieder die Vorurteile seiner Vereinskamerad*innen offen, die ihm das „als Immigrant“ beziehungsweise „als Türke“ (obwohl er seit seiner Geburt als Deutscher in Deutschland lebt) gar nicht zugetraut haben. So wandelt die Komödie auf einem schmalen Grat, denn es fällt gar nicht so leicht, für die Figuren irgendwann überhaupt noch Sympathien zu empfinden – mit Ausnahme des Präsidenten, den Hape Kerkeling trotz seines hemdsärmeligen Vorgehens mit einer entwaffnenden Melancholie und einer offensichtlich sehnsüchtigen Liebe für seinen Verein verkörpert.

Dank seiner Wurzeln als Boulevardstück entlässt „Extrawurst“ sein Publikum natürlich mit einem versöhnlichen Gefühl aus dem Kino. Aber wenn man genauer hinsieht, steckt in der satirischen Komödie eine ganz ähnliche Gesellschaftssicht wie im italienischen „Das perfekte Geheimnis“-Original (an die sich das deutsche Remake mit seinem abgeänderten Ende leider nicht herangetraut hat): Nachdem dort die Alle-legen-ihr-Handy-offen-auf-den-Tisch-Mutprobe alles zerstört hat, springt der Film einfach am Ende zum Beginn des Abends zurück. Das Spiel wird nie gespielt, alle sind happy, aber das Publikum weiß, dass diese Freundschaften nur deshalb funktionieren (können), weil alle voreinander Geheimnisse bewahren. Und ebenso ist nach „Extrawurst“ klar: Vereine oder Gesellschaften können wahrscheinlich nur existieren, wenn wir möglichst nicht alles über die Weltsichten unserer Mitmenschen wissen. Ganz schön schmerzhaft, aber gut, wenn man noch darüber lachen kann.

Fazit: Wer wissen will, wie Deutschland wirklich tickt, sollte einmal an einer Vereinssitzung teilnehmen – oder sich eben alternativ „Extrawurst“ ansehen! Allerdings versucht Regisseur Marcus H. Rosenmüller dabei erst gar nicht, seiner Leinwandadaption des Bühnen-Megahits eine großartig „filmische“ Dimension hinzuzufügen. Stattdessen verlässt er sich ganz auf den Stoff und die Stars – und auch, wenn ihn beides keinesfalls im Stich lässt, wäre da mit mehr Mut zum Kino sicherlich mehr drin gewesen.

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