Gazas Antwort auf Quentin Tarantino
Von Thorsten HanischEs ist nach dem Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 sowie dem anschließenden Angriff von Israel auf Gaza kaum möglich, sich einem Film mit dem Titel „Once Upon A Time in Gaza“ unbefangen zu nähern. Zu sehr hängen die zahlreichen medial verbreiteten Schreckensbilder und dementsprechend hitzigen Diskussionen nach. Die Regie-Zwillinge Tarazan Nasser und Arab Nasser provozieren solche Assoziationen weiter, wenn sie ihrem Film die Ankündigung von Donald Trump voranstellen, aus dem völlig zerstörten Kriegsgebiet unter Führung der USA eine „Riviera des Mittleren Ostens“ formen zu wollen. Im Gegensatz zu diesem Prolog aus dem Februar 2025 spielt die eigentliche Handlung zwar in der Vergangenheit, aber in einer nicht minder schicksalhaften Zeit: 2007 übernahm die Hamas nach einem kurzen Bürgerkrieg die Kontrolle über Gaza und Israel verschärfte daraufhin seine Blockade drastisch.
Angesichts der politischen Aufgeladenheit, mit der „Once Upon A Time In Gaza“ daherkommt, wirkt es irritierend bis ernüchternd, dass das Drehbuch nie wirklich politisch wird und sich am Ende mit der banalen Feststellung begnügt, dass auch das Kino eine Art politischer Widerstand sein kann. Die großen Ereignisse köcheln zwar – unter anderem in Form von Zeitungspapier, in dem Falafel-Sandwiches eingewickelt werden – im Hintergrund leise weiter. Im Vordergrund hingegen entspinnt sich ein immerhin leidlich unterhaltsamer, aber insgesamt unterentwickelter Genremix aus Krimi, Italo-Western und Comedy, dem man anmerkt, dass die beiden Filmemacher große Fans von Quentin Tarantino sind.
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Die Handlung spielt in einer komplett heruntergekommenen Stadt: Der bullige, stoische Osama (Majd Eid) verkauft in seinem Shop nicht nur Falafel, auf Wunsch gibt es auch illegale Schmerzmittel als Extra beigelegt. Unterstützt wird er dabei vom schlaksigen, oft nervös wirkenden Yahya (Nader Abd Alhay). So könnte alles seinen ruhigen Gang gehen, gäbe es da nicht den korrupten Cop Abou Sami (Ramzi Maqdisi). Der will, dass Osama für ihn als Informant arbeitet und setzt ihn dementsprechend unter Druck. Doch der Kleindealer will nicht und besiegelt damit sein Schicksal.
Zwei Jahre später wird Yahya, der den brutalen Mord an seinem Freund nicht überwunden hat, gefragt, ob er nicht in einem von Gazas Kulturministerium finanzierten Actionfilm mitspielen will. Dass er keinerlei schauspielerischen Qualifikationen mitbringt, ist egal, es reicht, dass er einem getöteten Widerstandskämpfer zum Verwechseln ähnlich sieht. Yaha akzeptiert die Rolle zögerlich, wobei das Budget so niedrig ist, dass beim Dreh echte Waffen zum Einsatz kommen – davon gibt es schließlich genug. Hier rutscht der Film erst einmal in Comedy-Gefilde, bis eines Tages ausgerechnet Sami am Set auftaucht...
In einer Szene relativ zu Beginn starrt Osama in seinem Falafel-Laden sehnsüchtig in Richtung Fernseher, in dem Aufnahmen der Riviera zu sehen sind. Diese stehen in einem völligen Kontrast zur dunklen, schummrigen Alltagswelt der beiden Freunde. „Once Upon A Time In Gaza“ schildert das Leben von zwei Verlorenen, die in einer Art Limbo festsitzen. Ein besseres Morgen existiert nur in Form von bewegten Flimmerbildern, die Realität wirkt heruntergekommen und düster. Dieser offen politische Aspekt wird allerdings nicht vertieft, stattdessen gibt es zunächst ein (Klein-)Gangsterdrama, das allenfalls an der Oberfläche kratzt.
So gut und charismatisch Majd Eid und Nader Abd Alhay in ihren Rollen auch agieren, sie bleiben einem fremd, ihre offenbar tiefe Freundschaft wird nie so richtig greifbar. Auch die Entwicklung des schüchternen Yahya zum selbstbewussten Schauspieler bleibt weitestgehend bloße Behauptung – und die finale Konfrontation mit Bösewicht Sami verliert durch den eher plötzlichen Tonwechsel in Richtung einer absurd-satirischen Filmset-Komödie stark an Momentum.
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Nicht nur der an die Sergio-Leone-Meisterwerke „Once Upon A Time In The West“ (also „Spiel mir das Lied vom Tod“) und „Once Upon A Time In America“ („Es war einmal in Amerika“) gemahnende Titel des gerade einmal 84 Minuten langen „Once Upon A Time In Gaza“ deutet eine gewisse Epik an. Dafür spricht auch die Tonspur, die ebenfalls an Ennio Morricones Western-Kompositionen oder Nino Rotas Musik zu „Der Pate“ angelehnt ist. Aber um tatsächlich episch zu wirken, ist „Once Upon A Time In Gaza“ viel zu gedrängt und sprunghaft. Entweder hätte man einen deutlicheren Fokus setzen oder aber noch viel mehr in die Breite gehen sollen. So aber ist das alles nichts Halbes und nichts Ganzes.
Fazit: Der Titel weckt Erwartungen, denen der Film nicht gerecht werden kann. Das neuste Werk der für „Gaza Mon Amour“ vielfach preisgekrönten Nasser-Zwillingsbrüder Tarazan und Arab ist nur verhalten politisch, überzeugt aber auch als Meta-Unterhaltungsfilm nicht wirklich. Die Figuren bleiben einem fremd, der satirisch bis dramatisch angehauchte Inhalt wirkt uneben. Dank der starken Schauspieler, den faszinierenden Sets sowie dem Umstand, dass stets irgendwas los ist, bleibt man zwar dran. Aber beim Rollen des Abspanns sitzt man dennoch frustriert da, weil hier zweifelsohne eine Menge Potenzial ungenutzt geblieben ist.