The Love That Remains
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
The Love That Remains

Distanziere Szenen (k)einer Ehe

Von Sidney Schering

Obwohl die Filmfestspiele von Cannes das wohl prestigeträchtigste Filmfestival der Welt darstellen, ist sich die dort versammelte Filmpresse nicht zu fein für flache Wortspiele. So wurde 2001 der Palm Dog Award etabliert, um die beste Hundeperformance des Festivals zu küren – all das in Anlehnung an den Cannes-Hauptpreis, die Palm d'Or. Die Riege an Filmen, die bisher mit dem Palm Dog gekürt wurden, kann sich sehen lassen – zählen doch Quentin Tarantinos Meisterstreiche „Inglourious Basterds“ und „Once Upon A Time... In Hollywood“, der Oscar-Abräumer „The Artist“ und der herausragende Justizfilm „Anatomie eines Falls“ dazu.

2025 wurde wiederum die sich mehr oder minder selbst spielende Hündin Panda aus der Trennungsdramödie „The Love That Remains“ mit dem Palm Dog prämiert. Die macht darin zwar nicht viel, außer sich in einer Szene niedlich-wild herumzuwälzen, trotzdem gehört sie zu den Höhepunkten des neusten Werks des isländischen Filmschaffenden Hlynur Pálmason. Denn der Regisseur, der im sehenswerten „Godland“ noch aus historischen Fotografien einen Kniefall vor seiner Heimat schuf, tut sich in „The Love That Remains“ arg schwer, seinen bekannten Sil mit einem neuen Sinn für Humor zu vereinen.

Der zerteilte Fisch ist nur eine von vielen mal mehr, mal weniger gelungenen Bildmetaphern für die im Mittelpunkt des Films stehende Trennung. PLAION PICTURES
Der zerteilte Fisch ist nur eine von vielen mal mehr, mal weniger gelungenen Bildmetaphern für die im Mittelpunkt des Films stehende Trennung.

Nicht nur der Lack ist ab, sondern sogar das Wellblechdach: Zu Beginn von „The Love That Remains“ trägt ein zumeist außerhalb des 4:3-Bilds versteckter Kran das Dach eines kleinen Hauses ab und lässt es quasi über dem nunmehr versehrten Rückzugsort schweben. Beide Teile sind noch da, aber keine Einheit mehr. Selbiges trifft auch auf die Eheleute Anna (Saga Garðarsdóttir) und Magnús (Sverrir Guðnason) zu:

Die Künstlerin, die sich hauptsächlich um Tochter Ída (Ída Mekkín Hlynsdóttir) und die Söhne Grímur (Grímur Hlynsson) und Þorgils (Þorgils Hlynsson) kümmert, lässt sich vom wochenlang auf hoher See beschäftigten Fischer trennen. Zwischen der Errichtung von Annas neuem Atelier und ihren gesteigerten Versuchen, in der Kunstszene Fuß zu fassen, kommt es zu sporadischem Wiederaufflammen der einstigen Zuneigung zwischen den Eltern, gelegentlichen Frustrationen und skurrilen Unfällen...

Sehr persönlich – und trotzdem distanziert

Es steckt ein sehr persönliches Element in „The Love That Remains“. Nicht nur, dass Annas und Magnús' Kinder von Pálmasons eigenem Nachwuchs gespielt werden (und ihre tatsächlichen Namen tragen) – Annas Kunst ist der Art von Werken entlehnt, die der Regisseur abseits von Filmkunst kreiert. Dessen ungeachtet ist diese trockene Trennungs-Tragikomödie sehr distanziert und unterkühlt. Und das nicht ausschließlich, weil Autor, Regisseur und Kameramann Pálmason seine 35mm-Kamera zumeist in deutlichem Abstand zum handelnden Personal aufbaut (es sei denn, er zeigt in super nahen Zwischenbildern Flora und Fauna) und die meisten Szenen mit natürlichem Licht einfängt – wovon das kalte Island nicht allzu viel aufzuweisen hat.

Diese Trennungsgeschichte wirkt auch deshalb so entrückt, weil Pálmason konkrete Details außer Acht lässt. Er zeigt den expliziten Grund für das Beziehungsaus nicht, da die Handlung erst mit beschlossener Trennung einsetzt, und die Unstimmigkeiten zwischen Anna und Magnús werden auch rückwirkend nicht besprochen. Universeller wirkt dieses Nicht-mehr-Paar dadurch allerdings nicht: Für zwei Personen, die nur in ganz wenigen Momenten der sexuellen Erregung kurz an ihrem Entschluss zweifeln, kommen der Fischer und die Künstlerin verflixt gut miteinander klar. Es gibt keine gegenseitigen Ausspionier- und Sabotageversuche, wie sie im Scheidungskino allgegenwärtig sind, keine verbalisierten Ressentiments – nur die im Titel suggerierte, unterkühlte Restzuneigung.

Unten im Bild ist Hündin Panda zu sehen, die für ihre reine Präsenz den Palm Dog Award des Cannes Filmfestivals gewonnen hat – und tatsächlich manchmal Leben in den Film bringt. PLAION PICTURES
Unten im Bild ist Hündin Panda zu sehen, die für ihre reine Präsenz den Palm Dog Award des Cannes Filmfestivals gewonnen hat – und tatsächlich manchmal Leben in den Film bringt.

Die vermag Pálmason mit seinen minutiös eingefädelten, im Regelfall statischen Einstellungen der unberührten, kühlen Natur allerdings kaum auszudrücken: Inszenatorisch kommuniziert „The Love That Remains“ entgegen der Narrative eher einen Ehe-Totalausfall – vor allem, weil sich mit steigernder Häufigkeit unter die naturalistischen Vignetten allegorische oder surreale Trennungs-Brechstangenmetaphern wie das den Film eröffnende, auseinandergerissene Haus oder ein (gut getrickster) Albtraum rund um einen attackierenden Riesengockel mischen.

Weit mehr als diese zwar schön gefilmten, jedoch sehr bemühten Traumlogik-Einschübe überzeugt die Konsequenz, mit der Pálmason das Element der Zeit einsetzt: Anna kreiert im Trennungsjahr Bilder aus Rostabdrücken, Magnús verliert auf hoher See jegliches Zeitgefühl, und anhand Zeitrafferaufnahmen einer zugleich als Zielscheibe dienenden Ritter-Vogelscheuche werden Licht- und Wetterwandel an Islands Küste deutlich. Bodenständige Filmpoesie, die gegen banalere Momente der Komik ankämpfen muss – etwa, wenn die Kinder brutale True-Crime-Podcasts hören, in Til-Schweiger-Komödienmanier über das Sexleben ihrer Eltern spekulieren oder Ída ihrem Vater gegenüber kein gutes Haar an Anna lässt.

Wenigstens der Hund enttäuscht nicht

Pálmasons Balance aus trocken-skurrilem Humor und kunstvoll-entrückter Nachdenklichkeit geht am ehesten in einer knappen Episode über einen Schießübung-Unfall auf: Die Kinder dürfen eigentlich nur im Beisein von Magnús mit Pfeil und Bogen schießen, doch weil er fast nie da ist, fallen die Hemmungen. Das führt letztlich dazu, dass sich eine überforderte Anna um einen ihrer Jungs kümmern muss, der nach einem Schießunfall unter unwirklichem Totalschock steht – was mit spröd-komischem Effekt inszeniert ist. Und, ja: Wenn Panda in einem kurzen Herumwuselanfall mehr Vitalität unter Beweis stellt als der restliche Film zusammengenommen, brennt sich das dank hohem Flauschfaktor auch ins Gedächtnis ein. Eine tierische Enttäuschung bleibt diese beliebige Bestandsaufnahme einer Trennung dennoch.

Fazit: So komisch wollte „Godland“-Regisseur Hlynur Pálmason noch nie sein – aber sein trocken-skurriler Witz und seine nachdenklich-entrückte Ästhetik finden nicht zusammen. In einem anderen Trennungsfilm wäre dies vielleicht ein Kommentar auf die sich entzweienden Hauptfiguren, doch in „The Love That Remains“ schippert diese Diskrepanz am unaufgeregten Scheidungspaar vorbei.

Wir haben „The Love That Remains“ auf dem Filmfestival Cologne gesehen.

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