Forbidden Fruits
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Forbidden Fruits

Das "Girls Club" der Gen Z?

Von Selina Sondermann

Wenn es ein Nanogenre gibt, das im Kino bisher unterrepräsentiert ist, dann sind es Hexenfilme. Kaum eine andere archetypische Figur bietet eine derartig vielseitige Projektionsfläche: Die Hexe verbindet mühelos Horror, Fantasy und Coming-of-Age mit Geschichten über (weibliche) Selbstermächtigung, gesellschaftliche Kontrolle und Fragen nach der Deutungshoheit über ein Narrativ. Mit dem Erfolg von „Wicked” rückten Hexen zuletzt wieder ins kulturelle Bewusstsein – eine Entwicklung, die nun offensichtlich Früchte trägt.

Bevor „Zauberhafte Schwestern 2” im September die Rückkehr des Owens-Matriarchats feiert, bekommen wir mit „Forbidden Fruits“ nun eine zuckerfreie Hexen-Alternative, in der Lili Reinhart mit roter Perücke in die Fußstapfen von Nicole Kidman tritt. Trotz Premiere beim renommierten South by Southwest Festival in den USA startet Meredith Alloways Regiedebüt aber ohne nennenswertes Marketing heimlich, still und leise in den deutschen Kinos.

Angestellte in einer Mall bei Tag, Hexenzirkel bei Nacht: Fig (Alexandra Shipp), Cherry (Victoria Pedretti), Apple (Lili Reinhart) und Neuzugang Pumpkin (Lola Tung). Universal Pictures
Angestellte in einer Mall bei Tag, Hexenzirkel bei Nacht: Fig (Alexandra Shipp), Cherry (Victoria Pedretti), Apple (Lili Reinhart) und Neuzugang Pumpkin (Lola Tung).

„Forbidden Fruits” spielt im Mikrokosmos einer texanischen Mall. Während Angestellte des Food Court das untere Ende der sozialen Nahrungskette ausmachen, stehen die Mitarbeiterinnen der Modeboutique Free Eden an der Spitze der kaufhausinternen Hierarchie. Tagsüber taxiert das Trio um Apple (Reinhart), Cherry (Victoria Pedretti) und Fig (Alexandra Shipp) wohlhabende Bobo-Mütter und Möchtegern-Influencer*innen und verpasst den Decor-Artikeln kurzerhand ein höheres Preisschild. Nach Feierabend bilden die jungen Frauen einen Hexenzirkel und beten zur „ultimativen Märtyrerin”: Marilyn Monroe. Nachdem Brezelverkäuferin Pumpkin (Lola Tung) versucht, Teil des begehrten Free Eden-Teams zu werden, beginnt deren sorgsam gepflegte Fassade von weiblichem Zusammenhalt und „Sisterhood” zu bröckeln.

Attraktiven Menschen in extravaganten Kostüm zuzusehen, hat natürlich immer seinen Reiz – aber bietet „Forbidden Fruits“ noch mehr als das? Universal Pictures
Attraktiven Menschen in extravaganten Kostüm zuzusehen, hat natürlich immer seinen Reiz – aber bietet „Forbidden Fruits“ noch mehr als das?

Die Besetzungsliste liest sich wie ein Schaulaufen der Stars aus sämtlichen Teenie-Serien der letzten Jahre: „Der Sommer, als ich schön wurde” trifft hier auf „Riverdale” und „You” sowie die britische Version von „Das Haus Anubis”. Die Zielgruppe des Films ist damit unmissverständlich gesetzt: jene Generation, die bissige Young-Adult-Komödien wie „Der Hexenclub”, „Heathers” und „Der zuckersüße Tod” (wenn überhaupt) nur aus zweiter Hand kennt und nun selbst ein ähnliches popkulturelles Phänomen bekommen soll. Schließlich sind sämtliche Versuche, die Originale in Form von Remakes oder Serien-Ablegern wiederzubeleben gescheitert.

Dass „Forbidden Fruits” in derselben Mall gedreht wurde wie der Highschool-Komödien-Klassiker „Girls Club”, wirkt beinahe wie ein direkter Verweis, um sich in die Tradition dieser bekannten schwarzhumorigen Sezierungen weiblicher Gruppendynamiken einzureihen. Wohl nicht umsonst gelten in der fruchtigen Clique zudem spezielle Regeln für Mittwoch, was unweigerlich Erinnerungen an das zum Kultzitat gewordene „Mittwochs tragen wir pink” hervorruft. Die mitunter scharfzüngigen Dialoge lassen wiederum an Diablo Codys Drehbucharbeiten zu „Jennifer’s Body” oder „Juno” denken, obwohl die Autorin hier lediglich als Produzentin fungierte. Tatsächlich basiert „Forbidden Fruits” auf dem Off-Off-Broadway-Theaterstück „Of The Woman Came The Beginning Of Sin, And Through Her We All Die” von Lily Houghton, die gemeinsam mit Regisseurin Meredith Alloway auch das Drehbuch schrieb.

Viel Stil, wenig Substanz

Da der gesamte Film in diesem Einkaufszentrum spielt, hat die Inszenierung einen bewusst künstlichen Charakter, der durch die sterile Umgebung und artifizielle Beleuchtung zusätzlich verstärkt wird. Tageslicht bekommen die Figuren nur zu sehen, wenn sie ihren Store verlassen, und selbst dann fällt es in schwacher, gefilterter Form durch die Deckenfenster des Gebäudes. Die einzigen Außenaufnahmen beschränken sich auf den Parkplatz. So entsteht ein Gefühl von zeitlicher Orientierungslosigkeit – nicht nur für die Charaktere, sondern auch die Zuschauer*innen. Dadurch ergibt sich weniger Faszination als eine emotionale Distanz zum Geschehen.

Die geradezu willkürliche Ausrichtung der Magie der Clique spiegelt den echten Trend zur Vermarktung esoterischer Praktiken wider, bei dem individuelle Spiritualität zunehmend konsumierbar gemacht wird (Urban Outfitters und deren Ableger führen tatsächlich Tarotkarten, Altarkerzen und Heilsteine neben ihrem klassischen Kleidersortiment). Die Konsumkultur des Shops ist im Endeffekt jedoch nicht mehr als ein dekorativer Hintergrund und dient als Bühne für extravagante Kostüme und stilisierte Inszenierung. Wie bei einer Laufstegschau in Paris liegt ein gewisser Reiz darin, attraktive Menschen in spektakulären Outfits zu sehen, doch hinter der Zelebrierung von Pailletten und Glitzer-Miniröcken bleibt wenig Substanz zurück.

Lili Reinhart versteht genau, in was für einem Film sie mitspielt – trotzdem bleibt Apple eine eher blasse Anführerin. Universal Pictures
Lili Reinhart versteht genau, in was für einem Film sie mitspielt – trotzdem bleibt Apple eine eher blasse Anführerin.

Trotz der deutlich düsteren Ausrichtung bleibt Apple eher eine blasse Variante der für dieses Genre typischen Wortführerinnen. Lili Reinhart gelingt es zwar, durch ihr Verständnis für den campigen, überzeichneten Ton des Films einige narrative Schwächen auszugleichen, doch die behauptete Dominanz ihrer Figur kommt vorrangig in den Szenen mit Cherry zum Vorschein, die bewusst als Gegenpol gezeichnet ist. Victoria Pedretti ist dennoch das darstellerische Highlight des Films, indem sie ihrer Rolle der naiven Waisen, die Anerkennung an den falschen Stellen sucht, eine spürbare Verletzlichkeit verleiht, statt sie auf die Schablone des blonden Dummchens zu reduzieren.

Die Ausgangslage ist charmant eigenwillig, doch die Figuren bleiben in ihren Beweggründen zu schematisch, um wirklich zu überraschen oder nachhaltig zu fesseln. Der Versuch, die Schattenseiten und problematischen Begleiterscheinungen von Frauenfreundschaften zu beleuchten, ist als Ansatz immens spannend, allerdings bleibt der Film ausgerechnet dort frustrierend oberflächlich. Statt sich aktiv mit den unbequemen Aspekten dieser Beziehungen auseinanderzusetzen, scheut der Film den Mut zur Ambivalenz und flüchtet sich letztlich in altbackene Klischees. Angesichts der bewusst eingesetzten provozierenden Elemente von schwarzer Magie und Mordbereitschaft wirkt diese Zurückhaltung umso unverständlicher.

Zu zahm, um ein zukünftiger Kultfilm zu werden

Dass Konsequenz in diesem Film Mangelware ist, zeigt bereits dessen erste Einstellung. Frei nach dem „If you know, you know”-Prinzip sehen wir Apples Fingernägel in der Nahaufnahme: Zeige- und Mittelfinger einer Hand sind deutlich kürzer und flacher gefeilt als der Rest der Maniküre. Diese praktische Anpassung für intime Praktiken gilt als diskreter Hinweis auf lesbische Sexualität. Die angedeutete Queerness ihrer Figur verbleibt jedoch im Subtext des Films.

So entsteht letztlich der Eindruck, dass „Forbidden Fruits” zwar mit queeren und feministischen Perspektiven flirtet, aber vor der Komplexität der eigenen Themen zurückschreckt. Was bleibt, ist ein halbwegs unterhaltsamer Film, der Tabubrüche allerdings nur als stilistisches Accessoire nutzt. Seine junge Zielgruppe dürfte er weitgehend ansprechen, doch trotz reizvoller Ästhetik und pointierten Dialogzeilen fehlt „Forbidden Fruits” der entscheidende Punch, um in die Riege jener Kultfilme aufzusteigen, an denen er sich so offensichtlich orientiert.

Fazit: „Forbidden Fruits” ist mehr klebriges Fruchtbonbon als frisches Obst: grell, verführerisch und voller synthetischer Reize. Der morbide Heißhunger nach künstlichen Aromen wird zwar bedient, doch unter der knalligen Oberfläche verbirgt sich wenig erzählerische Substanz.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren