Der wohl aktuellste Film des Jahres spielt im 14. Jahrhundert!
Von Christoph PetersenBei Verfilmungen historischer Ereignisse fragt man sich gern, was sie über das Heute erzählen – und so ist auch mancher Filmkritik die Anstrengung anzumerken, unbedingt eine Verbindung zur Gegenwart herstellen zu wollen. Aber im Fall des Bauernaufstand-Blockbusters „The Uprising – Für die Freiheit“ liegen die Bezüge offen da. Nachdem das Projekt bereits jahrelang als „The Hood“ mit Benedict Cumberbatch und „The Rage“ mit Matthew McConaughey durch Hollywood gegeistert ist, kommt es jetzt genau zur rechten Zeit in die Kinos. Gleich eine Reihe der am meisten gelikten Kommentare unter dem Trailer, der auf YouTube allein im ersten Monat 100.000 gehobene Daumen sammeln konnte, zielen auf die unleugbare Aktualität des Stoffes ab.
So folgt kurz nach der toppositionierten Dad-Joke-Feststellung, dass Andrew Garfield („The Amazing Spider-Man“) endlich in einem echten „Field“ zu sehen ist, bereits die Erkenntnis: „Das Timing dieses Films hätte perfekter nicht sein können!“ Und tatsächlich: Gerade weil man gar nicht anders kann, als ständig an die weltweiten Protestaufstände der vergangenen Jahre sowie das in fast allen Gesellschaften immer bedrohlicher anmutende Brodeln zu denken, zieht einen der zu großen Teilen in Deutschland gedrehte und mit 5.000 (bayerischen) Statist*innen aufwartende „The Uprising“ sofort in seinen Bann – selbst wenn „Die Bourne Verschwörung“-Regisseur Paul Greengrass es sich mit seiner längst legendären Handkamera-Immersion an manchen Stellen bedenklich einfach macht.
Leonine
Nachdem seine Frau und Kinder von der Pest dahingerafft wurden, hat der von allen nur „Ploughman“ genannte Bauer (Andrew Garfield) eh nichts mehr zu verlieren. Als die königlichen Steuereintreiber die schon wieder erhöhte Kopfsteuer kassieren wollen – und zwar auch für den Rest seiner Familie, deren Tod er nicht schriftlich nachweisen kann –, platzt Ploughman der Kragen. Normalerweise würde so ein Ausraster ihn den Kopf kosten, doch diesmal stellt sich das ganze Dorf hinter ihn – und auch die bald folgenden Soldaten werden direkt getötet oder in die Flucht geschlagen. Damit gibt es endgültig kein Zurück mehr …
… und so schließt sich Ploughman dem vom charismatischen Handwerker Wat Tyler (Cosmo Jarvis) und dem radikalen Priester John Ball (Jamie Bell) angeführten Bauernaufstand an. Immer größer wird die revolutionäre Gruppe auf ihrem Marsch nach London, wobei längst nicht alle Untergruppierungen dieselben Ziele verfolgen. Ihr Plan: Sie wollen ihre Vorschläge für gerechtere Gesetze dem erst 14 Jahre alten König Richard II. (Woody Norman) persönlich vortragen, denn in den Augen der immer noch an die Monarchie glaubenden Aufständischen wird dieser von seinem eigenen, machthungrigen Beraterstab quasi gefangen gehalten und von den wahren Vorgängen draußen in seinem Land abgeschirmt …
Als Erinnerung an seine tote Familie hat sich Ploughman Strohpuppen gebastelt – eine größere sowie zwei kleinere. Und als die Steuereintreiber nicht nur die letzten Essensvorräte des Dorfes einsacken, sondern dazu noch allen jungen Frauen zwischen die Beine greifen, um zu checken, ob auch sie schon reif genug für die straff angezogene Kopfsteuer sind, ist bereits nach den ersten zehn Minuten klar, warum nur noch ein letzter kleiner Funke gefehlt hat, um das Volk zur Explosion zu bringen. Paul Greengrass hält sich nicht lange mit der Herleitung auf, sondern stürzt sich direkt hinein ins mittelalterliche Massengetümmel. Immer mit dabei: seine Authentizität ausdrückende Wackelkamera!
Wie schon in „Bloody Sunday“ über den nordirischen Blutsonntag vom 30. Januar 1972 oder „Flug 93“ über die Terroranschläge vom 11. September 2001 behandelt der britische Regisseur auch den Bauernaufstand als zeitgeschichtliches Ereignis, dem er mit seinem dokumentarähnlichen Gestus so nah wie nur möglich zu kommen versucht. „Mittendrin statt nur dabei“, würde die Marketingabteilung eines deutschen Sportsenders den Stil womöglich beschreiben. Und selbst wenn die Geschehnisse in diesem Fall nicht ein paar Jahre, sondern mehr als sechs Jahrhunderte zurückliegen, passt diese unmittelbare Herangehensweise eben auch deshalb so gut, weil sich die allgegenwärtige Wut ebenfalls so heutig anfühlt.
Im Gegensatz etwa zur Stürmung des Kapitols lässt Greengrass von Beginn an nicht den geringsten Zweifel daran, dass der Sturm auf London vollumfänglich berechtigt ist. Selbst die massenhafte Ermordung flämischer Kaufleute und ihrer Familien, die fremdenfeindlich motiviert war, wird zwar kurz erwähnt, dann aber schnell als scheinbar notwendiges Übel abgetan. Trotzdem drückt man den Aufständischen alle Daumen – gerade wenn man nicht sofort den realen Ausgang der historischen Geschehnisse parat hat. „Come On, Come On“-Entdeckung Woody Norman verkörpert den kindlichen Herrscher zudem als Mischung aus traumatisiertem Alliierten und machtgeilem Psycho, so dass man sich allein anhand der Geschehnisse auf der Leinwand nie sicher sein kann, wie er am Ende wohl handeln wird.
Eine ähnliche Ambivalenz sucht man beim Ploughman hingegen vergebens: Als fiktive Identifikationsfigur fürs Publikum tut er immer nur genau das moralisch Gebotene. Zudem erweist sich der vom Marsch ausgezehrte einfache Bauer später in den Kämpfen mit austrainierten und schwer gerüsteten Soldaten als so ausgebuffter wie körperlich überlegener Filmheld. Und weil Greengrass sein Publikum nicht schlechter gelaunt als nötig aus dem Kinosaal entlassen will, schlägt er mit Ploughman schließlich sogar noch den wagemutigen Bogen zu einer ganz anderen englischen Volkslegende. Dafür, wie matschig, blutig und rundherum chaotisch die ganze Sache war, ist das buchstäblich zu viel des Guten.
Fazit: „Die Bourne Verschwörung“-Mastermind Paul Greengrass stürzt sich mit seiner dokumentarisch anmutenden Handkamera in das Getümmel des Bauernaufstandes im England des 14. Jahrhunderts – ein stilistischer Volltreffer, der direkt faszinierende Parallelen zu heutigen Aufständen vom Arabischen Frühling bis zum Sturm auf das Kapitol heraufbeschwört. Nur die allzu saubere Heldenzeichnung des von Andrew Garfield verkörperten Protagonisten passt nicht so recht in dieses allumfassende, blutig-matschige Chaos.
P.S.: Nach der Fertigstellung dieser Kritik hat der US-Verleih die finale Wendung des Films selbst enthüllt – durch einen neuen Untertitel sowie Social-Media-Clips, die die letzten drei Minuten vorwegnehmen. Offenbar erhofft man sich davon ein größeres Publikumsinteresse. Der Film selbst ist jedoch offensichtlich darauf angelegt, dass man diesen Teil eben nicht vorab kennt. Wir verzichten daher weiterhin darauf, auf den Twist einzugehen – selbst wenn es inzwischen eh fast jeder mitbekommen haben dürfte.