Kill Bill: The Whole Bloody Affair
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Kill Bill: The Whole Bloody Affair

Endlich das Meisterwerk, das Tarantino schon immer im Kopf hatte

Von Björn Becher

Für Quentin Tarantino waren „Kill Bill: Vol. 1“ und „Kill Bill: Vol. 2“ immer ein einzelner Film – der vierte in seinem berühmten Plan, am Ende seiner Karriere mit genau zehn Titeln in seiner Filmografie in den Ruhestand zu gehen. Ihn wurmte immer, dass er sein Rache-Epos aufgrund des Studiodrucks auf zwei Filme aufteilen musste. Nur wenige Wochen nach dem Kinostart des zweiten Teils präsentierte er deshalb beim Cannes-Filmfestival 2004 eine erste Version von „The Whole Bloody Affair“. Bereits 2005 sollte es eigentlich einen Kinostart geben, doch der wurde genauso abgeblasen wie einige spätere Ankündigungen. Nur in seinem eigenen Kino in Los Angeles zeigte er ab 2011 die mittlerweile noch um später angefertigte Anime-Szenen erweiterte Fassung. Stattdessen entschied sich Tarantino, so lange zu warten, bis er persönlich wieder über die vollen Rechte an seinem Werk verfügte …

… und jetzt ist es endlich soweit: Tarantino ist nämlich einer von wenigen Regisseuren, die sich vertraglich haben zusichern lassen, dass die Rechte an seinen Filmen nach einer gewissen Zeit an ihn persönlich zurückfallen. Jetzt kann er also machen, was er will – und diese Freiheit nutzt er, um das Projekt nun mit einer epischen Laufzeit von 4 Stunden, 35 Minuten und 19 Sekunden erneut in die Kinos zu bringen. Und das Warten hat sich gelohnt. Ja, das mit der Hilfe des Videospiels „Fortnite“ erstellte „Verlorene Kapitel“ nach dem Abspann mag komplett unnötig sein, doch der eigentliche Film ist die perfekte Kombination der beiden gegensätzlichen und dennoch gleichermaßen herausragenden Hälften zu einem allumfassenden Meisterwerk. Dabei ist es weniger der erhöhte Gewaltgrad, sondern ausgerechnet eine Kürzung, welche die große Hommage an Tarantinos Lieblings-Genres noch fesselnder macht, als sie es selbst zweigeteilt ohnehin schon war.

Der legendäre Showdown im Haus der Blauen Blätter ist jetzt sogar noch brutaler! StudioCanal
Der legendäre Showdown im Haus der Blauen Blätter ist jetzt sogar noch brutaler!

Scheinbar tot wurde die hochschwangere Braut (Uma Thurman) nach einem Massaker in einer Kirche zurückgelassen. Früher war sie als Black Mamba selbst eine der gefährlichsten Auftragskillerinnen und Teil eines Elite-Tötungssquads. Ihren Abschied in ein neues Leben hat ihr ehemaliger Boss Bill (David Carradine) allerdings nicht verdaut. Deswegen hat er gemeinsam mit O-Ren Ishi (Lucy Liu), Vernita Green (Vivica A. Fox), Budd (Michael Madsen) und Elle Driver (Daryl Hannah) im Gotteshaus gewütet. Die Braut kennt jetzt nur noch ein Ziel: Rache! Nacheinander will sie ihre Liste abarbeiten und ihre Peiniger töten, wobei sie sich die Konfrontation mit Bill für das Ende aufhebt …

Der entscheidende Unterschied zur zweiteiligen Fassung

Der nicht chronologisch, sondern in wild umherspringenden Kapiteln erzählte „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ ist überbordendes Zitatekino. Tarantino vermengt seine liebsten Genres – vom Western bis zum Eastern – und erschafft daraus ein vollkommen originäres Spektakel. Im ersten Teil dominiert die Action. Es werden völlig durchgeknallt Gliedmaßen abgehackt und dabei auch jenseits der Regeln der Schwerkraft und Logik durch die Luft gewirbelt. In der zweiten Hälfte rücken derweil die psychologische Spannung und der charakterliche Unterbau in den Fokus. Aber was schreiben wir hier noch lange drum rum, wahrscheinlich kennt ihr „Kill Bill: Vol. 1“ und „Kill Bill: Vol. 2“ ja ohnehin alle schon. Und wenn nicht, empfehlen wir euch, als Ergänzung zu diesem Text auch noch mal die zwei einzelnen Filmkritiken zu lesen:

Den Ausführungen in diesen mehr als 20 (!) Jahre alten Artikeln kann sich der Autor dieser Zeilen größtenteils anschließen – mit einer Ausnahme: Er fand nie, dass der zweite Teil seine Längen hat. Die erste Hälfte mag die coolere sein, die zweite entwickelt mit ihrem emotionalen Unterbau und der stetigen Anspannung trotzdem den größeren Punch. Und genau diese Stärke wird in „The Whole Bloody Affair“ sogar noch mehr ausgebaut. Speziell eine der Änderungen sorgt dafür, dass eine der wenigen Schwächen der Einzelfilme getilgt wurde und die neue Version definitiv die ultimative ist, die ab sofort alle schauen sollten, die sich erstmals mit „Kill Bill“ beschäftigen.

Die finale Konfrontation ist in „The Whole Bloody Affair“ jetzt sogar noch genialer! StudioCanal
Die finale Konfrontation ist in „The Whole Bloody Affair“ jetzt sogar noch genialer!

Durch die Zweiteilung war Tarantino gezwungen, am Beginn des zweiten Films noch mal eine kurze Zusammenfassung zu liefern, die jetzt natürlich überflüssig ist und entfernt wurde. Vor allem musste aber „Kill Bill: Vol. 1“ mit einem Cliffhanger enden, um uns für den zweiten Teil anzufixen – und so gab es plötzlich eine Vorschau auf einen Twist, dessen Enthüllung erst im Finale eigentlich viel besser zündet. So erhielt das Publikum einen immensen Wissensvorsprung gegenüber der Braut, was überhaupt nicht dazu passt, dass man sonst in ihrer Perspektive bleibt.

Weite Strecken von „Kill Bill: Vol. 2“ wurden deswegen von der Frage dominiert, wann die Braut dieses Geheimnis auch erfährt, was aber nur unnötig von der Spannung ihres Überlebenskampfs ablenkte. „The Whole Bloody Affair“ ist nicht nur kohärenter, weil uns die Informationen erst gemeinsam mit der Braut erreichen. Der emotional eine massive Wirkung entfaltende Wendung ist jetzt auch für ein neues Publikum ein echter Twist , weil er eben nicht schon vor mehr als einer Stunde als Cliffhanger voreilig enthüllt wurde.

Noch weitere kleinere Verbesserungen

Es ist die beste und wirksamste Änderung zu den Einzelfilmen. Daneben markiert den Übergang zwischen den zwei Filmhälften jetzt eine – wie auch schon bei „The Hateful Eight“ – mit zur Laufzeit zählende, 15-minütige Intermission, die einem nach knapp einer Stunde und 51 Minuten Action-Inferno eine Verschnaufpause bietet. Dem Film vorangestellt ist zudem kein Zitat mehr über am besten kalt servierte Rache, sondern eine Widmung an den 2003 verstorbenen „Regiemeister“ Kinji Fukasaku („Battle Royale“), der Tarantino stark geprägt hat.

Besonders offensichtlich ist zudem noch, dass der Kampf der Braut gegen die Yakuza-Leibgarde Crazy 88 komplett in Farbe ist. Weil das Blutvergießen so brutal ist, wechselte Tarantino bei „Kill Bill: Vol. 1“ in Schwarz-Weiß, um eine härtere Altersfreigabe zu vermeiden. Hier haben beide Versionen ihre Vorteile. Der klug gesetzte Schwarz-Weiß-Wechsel war eine schöne Hommage, Tarantinos präferierte Farbversion macht auch dank einiger in „The Whole Bloody Affair“ noch etwas stärker und länger ausgekosteter Gewaltspitzen das Geschehen noch mal eine gehörige Spur intensiver. Auch ein witziger Moment fand hier jetzt neu ins Geschehen.

Neue Anime-Action, die Tarantino immer schon zeigen wollte

Eine Bereicherung ist auch die ausgebaute Anime-Sequenz. Bekanntlich erzählt die Braut in einer animierten Rückblende, wie O-Ren Ishii Rache für die Ermordung ihrer Eltern nimmt. In „Kill Bill Vol. 1“ sieht man nur, wie sie den dafür verantwortlichen Yakuza-Boss tötet, obwohl auch dessen rechte Hand Pretty Riki an dem Mord beteiligt war und sogar persönlich ihren Vater metzelte. Wie Tarantino in Interviews verriet, war es der unter anderem für „Ghost In The Shell“ bekannten Firma Production I.G einfach nicht möglich, die komplette von Tarantino im Drehbuch entworfene Sequenz rechtzeitig zu animieren. Erst später produzierte die Firma auf eigene Faust und ohne Tarantinos Wissen auch noch den Rest – und stellte das Material dem „Jackie Brown“-Regisseur für „The Whole Bloody Affair“ zur Verfügung.

Der hat rund acht neue Minuten nahtlos in die bestehende Sequenz integriert und erweitert damit die Backstory der furchteinflößenden Mafia-Patin O-Ren Ishii gekonnt: Nachdem sie im Alter von elf Jahren alles andere als schmerzlos Rache an Boss Matsumoto nimmt, gibt es jetzt noch eine sehr wilde, stark stilisierte Action-Sequenz, in welcher sie sich im Alter von 13 Jahren mit Pretty Riki misst. Es ist eine inszenatorisch stark überhöhte und bewusst überbordende Bereicherung, die sich auch gut in das Topos der feministischen Rache von „Kill Bill“ einfügt.

Neue Anime-Action: O-Ren Ishii kämpft jetzt nicht nur gegen Matsumoto, sondern auch gegen Pretty Riki! StudioCanal
Neue Anime-Action: O-Ren Ishii kämpft jetzt nicht nur gegen Matsumoto, sondern auch gegen Pretty Riki!

Ob man das auch über die „Fortnite“-Sequenz am Ende des Abspanns sagen kann? Daran scheiden sich die Geister: Wie bereits an anderer Stelle ausgeführt, liefert „Yukis Rache“ noch einmal starke Action in „Kill Bill“-Manier. Der Videospiel-Look ist allerdings eher gewöhnungsbedürftig. Tarantino persönlich macht zudem als neue Stimme von Bill (Originalstar David Carradine ist bereits 2009 verstorben) einen schlechten Job.

Hätte der Filmemacher das „verlorene Kapitel“, welches zwar im originalen Drehbuch steht, damals aber nie gedreht wurde, in der jetzigen „Fortnite“-Variante mitten in „The Whole Bloody Affair“ hineingeschnitten, wäre es definitiv ein Störfaktor gewesen. Am Ende des Abspanns funktioniert es aber als nette Spielerei, die Puristen auch einfach ignorieren können, indem sie vorzeitig das Kino verlassen. So oder so ist „Kill Bill“ jetzt endlich das epische Meisterwerk, wie es sich Tarantino immer vorgestellt hat.

Fazit: „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ ist weit mehr als nur ein zusammengeschnittener Director’s Cut. Die Ergänzungen sind stimmig, aber es ist ausgerechnet eine Kürzung, die den größten Unterschied macht. Durch das Entfernen des künstlichen Cliffhangers und die neue dramaturgische Geschlossenheit gewinnt Tarantinos Rache-Epos spürbar an emotionaler Wucht.

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