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    Ein verlockendes Spiel
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Ein verlockendes Spiel
    Von Andreas Staben
    Das Magazin „Time“ bezeichnete George Clooney in einer Titelgeschichte als den letzten Filmstar. In der Tat gehört er zu der immer seltener werdenden Spezies von Darstellern, die vor der Kamera eine durch Aussehen und Stil alleine nicht erklärbare, unverwechselbare Präsenz ausstrahlen. Diese Aura des klassischen Hollywood-Stars verschaffte Clooney eine Ausnahmestellung in der Traumfabrik, die er mittlerweile nutzt, um als Produzent und Regisseur auch weniger kommerziell ausgerichtete Projekte nach seinen eigenen Vorstellungen umsetzen zu können. Nach dem in Schwarzweiß gedrehten Journalisten-Drama Good Night, And Good Luck, für das er mehrere Oscar-Nominierungen erhielt, setzt Clooney für seine dritte Kinoregiearbeit „Ein verlockendes Spiel“ auf eine leichtere Note. Mit der nostalgisch angehauchten Komödie über die Anfänge des professionellen American Footballs um 1925 herum knüpft Clooney ganz bewusst an Stil und Motive des Screwball-Genres der 30er- und 40er Jahre an. Dabei setzt er nicht zuletzt auf die eigenen Starqualitäten und übernimmt erstmals die Hauptrolle in einer seiner Inszenierungen. In „Ein verlockendes Spiel“ verbinden sich so der Charme und die Nonchalance des Schauspielers mit den bevorzugten Themen und der Experimentierfreude des engagierten Filmemachers.

    Dodge Connelly (George Clooney) ist Spieler und Strippenzieher beim American-Football-Team „Duluth Bulldogs“, das kurz vor der Auflösung steht. Der schlecht organisierte Profi-Sport fristet in den 20er-Jahren ein Schattendasein, nur wenige Zuschauer interessieren sich für die regelmäßig in Raufereien ausartenden Spiele. Das öffentliche Interesse richtet sich ganz auf den College-Football und seine Stars. Der größte unter diesen ist Kriegsheld und Werbeikone Carter „Bullet“ Rutherford (John Krasinski), mit dessen Verpflichtung Dodge die „Bulldogs“ vorerst rettet. Die Reporterin Lexie Littleton (Renée Zellweger) erhält unterdessen den Auftrag, Carters Heldentaten im Ersten Weltkrieg als Schwindel zu entlarven und begleitet das Team zu den Spielen. Es ergeben sich romantische und berufliche Verwicklungen, denn sowohl Carter als auch Dodge finden Gefallen an der forschen Lexie…

    Nach Clooneys eigener Aussage ist „Ein verlockendes Spiel“ fast vollständig von den Cary-Grant-Klassikern „Sein Mädchen für besondere Fälle“ und Die Nacht vor der Hochzeit abgekupfert. Das trifft natürlich so nicht zu, aber es verdeutlicht doch, welcher Tradition der Star zu folgen versucht. Besonders die Figurenkonstellation und die scharfzüngigen Wortgefechte zwischen Dodge und Lexie erinnern tatsächlich an die genannten Vorbilder von Howard Hawks und George Cukor. Aber Clooney bewährt sich nicht nur einmal mehr als Erbe Cary Grants, sondern greift neben der Screwball-Komödie noch viele weitere Einflüsse auf: Renée Zellweger (Chicago, Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück) wandelt zwar auf den Spuren von Rosalind Russell und Katharine Hepburn, ihr extravagantes Outfit erinnert dagegen eher an die Diven des Stummfilms, und ihr Mienenspiel ist sowieso ganz ihr eigenes. Die Kneipenschlägereien und eine Verfolgungsjagd sind oft purer Slapstick im Stile der Handlungszeit und auch die Footballszenen sind handfest-humorvoll umgesetzt. Die Atmosphäre oder vielmehr ein Traumbild der „Wilden Zwanziger“ wird liebevoll beschworen, unterstützt von der Filmmusik im „Americana“-Stil von Randy Newman, der als Pianist in der Flüsterkneipe einen amüsanten Gastauftritt hat. Nicht nur durch den Komponisten erinnert Clooneys Film in Sachen Stimmung manchmal an Barry Levinsons Baseball-Märchen „Der Unbeugsame“ mit Robert Redford. Aber neben der durch seine Ausstattung und der von Sepia-Tönen dominierten Farbgebung unübersehbaren nostalgischen Note, hat „Ein verlockendes Spiel“ auch etwas vom ironischen Retro-Stil der Coen-Brüder, den diese in Werke wie „Hudsucker - Der große Sprung“ oder „O Brother, Where Art Thou?“ einfließen ließen.

    „Ein verlockendes Spiel“ ist mehr als eine Hommage an eine Zeit und an klassische Genres. Clooney blickt wie durch ein Prisma auf die (Film-)Geschichte und ist dabei auch den in ihr wirkenden Mythen und Legendenbildungen auf der Spur. Die bereits angesprochenen Anknüpfungen erhalten durch die Intrigen und Instrumentalisierungen um den vermeintlichen Helden Carter Rutherford, den John Krasinski (Lizenz zum Heiraten, „The Office“) mit Charme und Unbekümmertheit ausstattet, eine zusätzliche Dimension. Für dessen Erlebnisse im Weltkrieg gibt es nicht nur ein historisches Vorbild – jenen Sergeant York, dem wiederum Howard Hawks und Gary Cooper ein filmisches Denkmal setzten –, das hier ins Absurde abgewandelt wird. Vor allem folgt Clooney mit dieser Variation der Handlung von „Heil dem siegreichen Helden“, in dem Preston Sturges 1944 aus einer Notlüge eine ausgewachsene Heldenlegende entstehen lässt. Auch bei Clooney ist am Ende nicht die Faktenlage alleine wichtig, es geht auch um den Gegensatz von Image und Charakter, die Rolle der Medien und die Frage nach der tieferen Wahrheit kollektiver und individueller Bedürfnisse.

    In John Fords Der Mann, der Liberty Valance erschoss heißt es: „Wenn die Legende zur Wahrheit wird, dann druck' die Legende.“ An diesem Satz arbeitet sich das Kino von jeher ab und für den Regisseur Clooney hat er sogar eine ganz besondere Bedeutung. Schon bei seinem Kinodebüt Geständnisse - Confessions Of A Dangerous Mind sind Realität und Fiktion in der Biographie des TV-Stars und CIA-Agenten nicht mehr unterscheidbar. In Good Night, And Good Luck stellt der überzeugte Demokrat Clooney den unter erheblichem Widerstand geführten, aufklärerischen Kampf eines Fernsehjournalisten gegen McCarthy und seine Kommunistenhatz dar, wobei die eingesetzten Methoden besonderes Augenmerk erhalten. Die Rhetorik der Medien, ihr Missbrauch und ihre Macht, aber auch ihre Faszination beschäftigen Clooney, der selbst Sohn eines TV-Moderators ist. Dies zeigt sich auch in „Ein verlockendes Spiel“ wieder, der sich so trotz des leichteren Tonfalls nahtlos in sein Werk einfügt. Im Finale mit dem großen Duell auf dem Football-Feld macht sich Clooney die Legende mit einem selbstreflexiven Dreh auf besondere Art zu eigen: Das erzählerische Manöver ist Entlarvung und Affirmation zugleich, der Filmstar und die Regiepersönlichkeit reichen sich die Hand.

    „Ein verlockendes Spiel“ weist nicht die erzählerische Einheitlichkeit von „Annies Männer“ oder „Tin Cup“ auf, in denen Ron Shelton ebenfalls Sportfilm und romantische Komödie verbindet, aber dafür wartet George Clooneys Film mit lebhaften Football-Szenen, präzise choreographierten Schlägereien, einem denkwürdigen Zweikampf zwischen Gentlemen und allerlei Schauwerten auf, die kleine Längen und einige nicht zünden wollende Gags wettmachen. Bemerkenswert ist, dass sich Clooney, der seine Starqualitäten in der Hauptrolle voll zur Geltung bringt, auch als Regisseur erneut beweisen kann.

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