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    Orphan - Das Waisenkind
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Orphan - Das Waisenkind
    Von Alex Todorov
    Das Subgenre des Evil-Child-Horrorfilms erfreut sich höchster Beliebtheit und fast möchte man von einem kleinen Revival sprechen. Bedienten sich in den vergangenen beiden Jahre eher kleinere Videoproduktionen wie „Whisper” oder Dorothy Mills des Themas der mörderischen Brut, trumpft der Killernachwuchs nun auch wieder in größeren Produktion auf. Während The Children und das 1970er-Remake It‘s Alive noch als Aufwärmprogramm durchgehen, schaltet Jaume Collet-Serra (House Of Wax, Goal II) mit „Orphan“ nun einen Gang höher, bevor einem dann auch noch Christian Alvart mit Fall 39 den Angstschweiß vor den eigenen kleinen Geschwistern oder wahlweise Sprösslingen auf die Stirn treiben sollen. Abgrundtief böse Knirpse sind eine recht eigene Spezies und blicken auf eine umfassende Filmographie zurück. Sie treten einzeln als Teufelsspross (Das Omen), Monsterfetus (The Unborn) oder schlicht als verdorbenes Balg („Das zweite Gesicht“) auf. Wahlweise unterjochen sie in Rotten auch ganze Kleinstädte („Das Dorf der Verdammten“, „Angst“, „Kinder des Zorns“). Die mit allen dreckigen Wassern gewaschene „Orphan“-Protagonistin Esther ergänzt mit ihrer durchaus innovativen Hintergrundgeschichte auf gelungene Weise ihre metzelnde Ahnenreihe. Indes erfindet Collet-Serra das Genre nicht neu, bedient sich bei der Inszenierung der gängigen Standards und schafft doch einen eindringlichen Spannungsbogen, der von Esthers Manipulationen und den daraus resultierenden innerfamiliären Konfrontation lebt.

    Geld, Haus, zwei wohlgeratene Kinder: Auf den ersten Blick sind die Colemans eine Vorzeigefamilie. Doch die Alkoholprobleme der Mutter Kate (Vera Farmiga) haben zum Verlust ihres Jobs sowie eines ungeborenen Kindes geführt und mündeten beinahe in den Unfalltod der Tochter Max (Aryana Engineer). Die Ehe kriselt gehörig. Als Zeichen des Neuanfangs entschließen sich Kate und ihr Mann John (Peter Sarsgaard) zur Adoption. In der für ihr Alter außergewöhnlich intelligenten und kreativen Esther (Isabelle Fuhrman) glauben sie, ihr Wunschkind und die perfekte Ergänzung zu Max und Daniel (Jimmy Bennett) gefunden zu haben. Schnell lebt sich die Neunjährige in der neuen Familie ein, freundet sich eng mit Max an, baut rasch eine enge Bindung zu John auf und offenbart immer wieder ungeahnte Talente. Lediglich Daniel ist die neue Schwester nicht ganz geheuer. Als sich nebulöse Vor- und Unfälle häufen, regt sich auch Kates Argwohn. Ihr Misstrauen gegenüber Esther bricht in einen offenen Kleinkrieg zwischen den beiden aus, der sie zunehmend von ihrem Mann isoliert. Doch auch sie kann nicht ahnen, welch dunkles Geheimnis die Kleine hütet...

    Der Trailer zu „Orphan“ lehnt sich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn darin mit der Tagline „You’ll never guess her secret“ geworben wird. Genau diese Geheimnisse sind es, die überhaupt den Reiz aller Evil-Child-Filme ausmachen. Was macht aus dem schnuckligen laufenden Meter – dem Kind als Urbild von Unschuld – ein garstig-hintertriebenes Balg? Nachdem „Böse Saat“ aus dem Jahr 1956 als eines der ersten Werke das maliziöse Kind konsequent in den Vordergrund rückte, nutzte „Schloss des Schreckens“ (1961) als psychoanalytischer Horror die mediale Begabung zweier verwaister Geschwister als Motor des Terrors, während Rosemaries Baby weniger die aktive Boshaftigkeit des Kindes, sondern die Angst vor dem Kind an sich illuminierte. Ob muttermordende Sprösslinge („Diabolisch“), besessene Halbwüchsige (Der Exorzist, „Die Höllenfahrt eines Besessenen“), Eltern suchende und meuchelnde Waisen („Im Netz der Spinne“) oder gleich der Sohn des Leibhaftigen Das Omen: Die 1970er erwiesen sich in den USA als warme Brutstätte des Topos und einige der Streifen deuteten auf eine über den Film hinausgehende soziale Relevanz in Zeiten des Umbruchs hin. „Boshafte Kinder“ waren einerseits Sinnbild einer bedrohten Zukunft, andererseits erblickte in den 1970ern das Thema Kindesmissbrauch das Licht der breiten öffentlichen Auseinandersetzung. Des Weiteren begriffen feministische Strömungen ein Kind als „Erzeugnis“ des Mannes als eine Fremdbestimmung. In diesem Spannungsfeld feministischer Theorien, mit der Kirche ausgefochtener Abtreibungsdiskussionen, der Neukonstituierung der Verhältnisse zwischen Kindern und Eltern, tiefgreifender gesellschaftlicher Umwälzungen und existenzieller Zukunftsängste boten einige Filme über den bloßen Horror hinausgehende Subtexte, die sich in den Machwerken der Folgedekaden beinahe restlos verloren. Auch „Orphan“ ist „nur“ ein Horror ohne bedeutsamen, über den Film hinausweisenden doppelten Boden. Doch zum Glück des Zuschauers greift die Spannungsschraube trotzdem.

    Schon das erste Treffen der Colemans mit Esther ist insgeheim ein Wegweiser ins Inferno. „I guess I’m different“, meint Esther, worauf Kate „There’s nothing wrong with being different“ entgegnet. Dass dieser Satz gerade von Kate kommt, deren „Anderssein“ ihr den Job, ein Kind und fast die Ehe kostete, wird zum Antrieb. Ihr Charakter ist es, der den Film in steter Konfrontation mit sich selbst und mit Esther trägt. Vera Farmiga (Departed: Unter Feinden, Der Junge im gestreiften Pyjama) hat als Kate zu Anfang einige berührende Szenen, in denen ihr Charakter fassbar eingeführt wird. Einmal sitzt sie am Bett ihrer stummen Tochter, erzählt ihr eine Gute-Nacht-Geschichte und der Zuschauer begreift, dass ihr Beisammensein mit den Kindern in ihr jederzeit die untilgbare Trauer ob des Verlustes des dritten Kindes zu wecken vermag. Isabelle Fuhrman als Esther ist eine kleine Attraktion. Die zwölfjährige Amerikanerin spricht Esther mit einem fiesen russischen/estnischen Akzent und in ihrer manierierten Haltung wird sie selbst in ihren liebreizenden Passagen von einer Aura klandestiner Monstrosität umgeben, wobei Maske, Kostüme und einige deftige Oneliner zusätzlich zur Schärfe beitragen. Fuhrman hat mit dieser Vorstellung wohl definitiv ihre Chancen verwirkt, je als niedliches Mädchen gecastet zu werden. Peter Sarsgaard (Jarhead, Garden State) hat als Vater lediglich sein Pensum inklusive Schlafzimmerblick runterzuspulen.

    Ein Plus ist, dass das Drehbuch die Boshaftigkeit Esthers von Beginn an offensiv angeht und folglich den Konflikt zwischen Kate und Esther mit offenem Visier vorantreibt. Der Zuschauer bleibt nicht im Trüben, ob Esther wirklich böse ist. Der Mittelteil nimmt sich in aller Ausführlichkeit Zeit, die von ihr ausgehende, sich stetig potenzierende Gefahr zu zeigen. Genauso wenig wird man im Unklaren gelassen, ab wann Kate das Mädchen definitiv nicht mehr um sich haben möchte. Diese offene Eskalation zwischen beiden tut dem Film gut. Auch wenn „Orphan“ den bekannten Bebilderungen des bösen Kindes keine neuen Ideen beisteuert, ist die Inszenierung mehr als griffig. Collet-Serra durchläuft sämtliche Pflichtübungen des Subgenres. Vom in Bosheit gefrorenen Kind über zahlreiche Close-Ups hin zum absoluten Muss: dem in der Nacht am Bett eines anderen stehenden, bedrohlich dreinblickenden Balg. Es darf Schlimmes befürchtet werden.

    „Orphan“ offenbart einige unlogische Plotlücken und uneingebundene Inhalte, die man getrost als genrebedingte Kollateralschäden abtun kann. Welche Funktion hat bitte die den Film über auf der Couch sitzende Schwiegermutter? Was hat es mit Esthers Dunkelbildern auf sich, außer dass sie ihre Taten fixieren? Was hält Max davon ab, sich ihren Eltern mitzuteilen? Geschenkt. Auffällig und teils störend sind jedoch die oftmals nach normaler Sehgewohnheit zu frühen Schnitte, so dass Szenen mehrfach sehr abrupt enden. Demgegenüber sind die spärlichen Wechsel zur Handkamera in ihrer Bedrohlichkeit wirksam. Die Inszenierung der schlussendlichen Auflösung des Mysteriums um Esther ist zwar gelungen, hätte aber in der Parallelmontage von sprachlicher Ausführung und entsprechender Bebilderung ohne weiteres mehr subtile Bilder vertragen. Der Showdown ist wie so oft mindestens einen Scheintod zu lang geraten, dafür ist der ästhetische an Sieben orientierte Abspann sehenswert.

    „Orphan“ fügt sich nahtlos in die lange Galerie der Metzelkinder ein. Dafür Sorge tragen ein guter Spannungsbogen, eine packende Zuspitzung, und eine einprägsame Esther-Darstellerin. Bezeichnenderweise ist Isabelle Fuhrmans Folgeprojekt ein TV-Remake von „Kinder des Zorns“.
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