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    Another Year
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Another Year
    Von Christoph Petersen
    Als Mike LeighsHappy-Go-Lucky" 2008 im Wettbewerb der Berlinale seine Weltpremiere feierte, sorgte der Film für Begeisterungsstürme und große Verwunderung zugleich. Zuvor eher für graue Sozialdramen wie „Lügen und Geheimnisse" oder „All Or Nothing" berüchtigt, kredenzte der Chefchronist des britischen Arbeitermilieus seinem Publikum hier mit der stets überdreht-gutgelaunten Polly plötzlich eine Protagonistin, die alles von der positiven Seite betrachtet und damit auch noch durchkommt. Bei Mike Leighs „Another Year", der im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes 2010 uraufgeführt wurde, stellte sich deshalb nun die Frage, ob der Regisseur seine optimistische Ader weiter ausleben oder doch zu seinen pessimistischen Wurzeln zurückkehren würde. Die erfrischend uneindeutige Antwort lautet: von beidem ein bisschen.

    „Another Year" begleitet das Ehepaar Tom (Jim Broadbent) und Gerri (Ruth Sheen) über den Verlauf eines Jahres. Im Frühling lädt Gerri ihre Arbeitskollegin Mary (Lesley Manville) zu einem gemeinsamen Abendessen ein. Mary betrinkt sich und jammert über ihr desaströses Liebesleben. Im Sommer kommt Toms alter Freund Ken (Peter Wight) für einige Wochen aus London. Tom trinkt zu viel, hat ein Gewichtsproblem und erwartet seine Pensionierung, obwohl er gar nicht weiß, was er dann mit seiner Zeit noch anfangen soll. Im Herbst stellt Joe (Oliver Maltman) seinen Eltern Katie (Karina Fernandez) vor. Während Tom und Gerri von der Freundin ihres Sohnes ganz begeistert sind, ist die Bekanntgabe für Mary eine Katastrophe, weil sie sich immer eingebildet hatte, dass trotz des Altersunterschieds aus ihr und Joe einmal etwas werden könnte. Im Winter bringt die Beerdigung von Toms Schwägerin alle noch einmal zusammen...

    „Another Year" ist keine Friede-Freude-Eierkuchen-Veranstaltung wie „Happy-Go-Lucky", aber auch kein dunkelgrauer Downer wie „All Or Nothing". Es scheint vielmehr so, als hätte Mike Leigh endlich ein gesundes Mittelmaß gefunden. Tom und Gerri selbst haben den Jackpot des Lebens getroffen: mit einem gesicherten Einkommen, einem wohlgeratenen Sohn und noch immer tief füreinander empfundener Zuneigung. Allein das Leigh die Existenz eines solchen perfekten Paares anerkennt, macht ihn schon zu einem Optimisten (und bei der augenzwinkernden Namensgebung außerdem zu einem Witzbold). Aber da gibt es auch noch die anderen wie Mary oder Ken, die irgendwie feststecken und nicht recht wissen, wo es im Leben noch hingehen soll. Zwar fühlen sie sich für kurze Zeit besser, wenn sie mit Tom und Gerri zusammen sind, aber am Ende kehren sie stets in ihre Isolation zurück. In dieser Hinsicht ist Leigh also doch der Alte geblieben. Womöglich ließe sich dieser optimistische Pessimist oder pessimistische Optimist, ganz wie man will, aber auch ganz einfach als Realist beschreiben. Das Leben hat Sonnen- und Schattenseiten, so ist das nun mal.

    So weit, so neu! Was sich hingegen nicht geändert hat, ist Mike Leighs seltenes Talent, wirklich immer das Maximum aus seinen Darstellern herauszukitzeln. Es fällt schwer, sich an ein Paar zu erinnern, das sich auf der Leinwand ähnlich blind verstanden hat wie Oscarpreisträger Jim Broadbent („Iris") und Mike-Leigh-Stammkraft Ruth Sheen („Vera Drake"). Es macht schon glücklich, diesem Paar auch nur beim Abwaschen zuzuschauen. Mit ihrer liebevollen Art, die bei allem zum Tragen kommt, ob sie sich nun um angeschlagene Freunde kümmern oder ihren kleinen Garten beackern, geben sie ihren Gegenübern die Gewissheit, dass irgendwann alles gut wird in der Welt. Gerade auf Mary wirkt diese trügerische, weil immer nur für die Dauer des Besuchs anhaltende Sicherheit wie eine Droge.

    Trotz der durchweg brillanten Schauspielleistungen ist es am Ende Lesley Manville, die allen anderen die Show stiehlt. Nichts gegen Juliette Binoche, die in Abbas KiarostamisCertified Copy" in gleich drei Sprachen überzeugt, aber der Darstellerinnenpreis in Cannes hätte trotzdem an Manville gehen müssen. Und wenn sich der US-Verleih von „Another Year" nicht allzu ungeschickt anstellt, sollte auch eine Nominierung für die Oscars 2011 in greifbarer Nähe sein. Mary ist eine zutiefst tragische Figur, die sich selbst belügt, um nicht einsehen zu müssen, dass ihr Leben wohl gelaufen ist. Im Sommer kauft sie sich von ihrem letzten Ersparten ein kleines rotes Auto, das aber immer wieder liegen bleibt. Und ihre unsinnige Schwärmerei für Tom ist kaum mehr als ein dünner Strohhalm, an den sie sich mit letzter verzweifelter Kraft zu klammern versucht. Wenn Mary im Winter zusammengesunken am Esstisch von Tom und Gerry hockt, nachdem sie eingesehen hat, dass sie nur als Gast in diesem Idyll geduldet und nie wirklich dazugehören wird, zählt diese schmerzliche Selbsterkenntnis sicherlich zu den tragisch-schönsten Leinwandmomenten des Kinojahres.

    Fazit: Ein bittersüßes Drama, das voller Weisheit und ohne falsche Sentimentalität die simple, aber eindringliche Wahrheit ausdrückt, dass manche Menschen ihr Glück finden und andere am Leben scheitern. Da ist es schon schade, dass der große Kritikerfavorit und Publikumsliebling bei der Preisvergabe des Wettbewerbs der Filmfestspiele von Cannes vollkommen übergangen wurde.
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