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    Hüter der Erinnerung - The Giver
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Hüter der Erinnerung - The Giver
    Von Andreas Staben
    Schon kurz nach der Veröffentlichung von Lois Lowrys Kinderbuch „Hüter der Erinnerung“ im Jahr 1993 sicherte sich Schauspieler Jeff Bridges eine Option auf die Filmrechte an dem dystopischen Roman, den er mit seinem inzwischen verstorbenen Vater Lloyd Bridges auf die Leinwand bringen wollte. Doch trotz des großen Erfolgs von Lowrys allegorischer Zukunftsvision (ihr Buch wurde mittlerweile über zehn Millionen Mal verkauft), fanden sich zunächst keine Geldgeber für eine Verfilmung. Erst nach dem Kinoerfolg von „Die Tribute von Panem“, der ebenso wie „Die Bestimmung - Divergent“ thematisch deutliche Ähnlichkeiten zu „Hüter der Erinnerung“ aufweist, war der Weg für die Realisierung von Bridges‘ Herzensprojekt endlich frei. Um wie „Panem“ & Co. die Zielgruppe der jungen Erwachsenen anzusprechen, wurden die im Buch 12-jährigen Protagonisten für den Film allerdings vier Jahre älter gemacht. Diese Veränderung erweist sich erzählerisch als nicht unproblematisch und außerdem fehlt der ansprechend ausgestatteten und vom Australier Phillip Noyce („Salt“) solide inszenierten Science-Fiction-Fabel gerade gegen Ende die Substanz – allzu vieles bleibt in dem nur 97-minütigen Film im Ansatz stecken.

    Nach einer Katastrophe leben die Menschen in einer unbestimmten, aber nicht allzu fernen Zukunft friedlich und in absoluter Gleichheit vor sich hin. Jede Emotion wird durch eine tägliche Injektion und Individualität durch strenge Regeln unterdrückt. Ein Ältestenrat bestimmt über alle Aspekte des Zusammenlebens und weist jedem in der Gemeinschaft seine Aufgaben zu. Die 16-jährigen Freunde Jonas (Brenton Thwaites), Fiona (Odeya Rush) und Asher (Cameron Monaghan) erfahren während einer feierlichen Zeremonie ihre Bestimmung. Dabei erlebt Jonas eine Überraschung, denn er bekommt von der Vorsitzenden des Ältestenrats (Meryl Streep) eine ganz besondere Rolle zugewiesen: Er wird der „Hüter der Erinnerung“. Das bedeutet, dass er das Wissen um die gesamte Vergangenheit, die Erinnerungen und die Gefühle, die den anderen Bürgern verboten sind, stellvertretend für die Gemeinschaft bewahren soll. In seine Aufgabe eingeführt wird er von seinem Vorgänger als Hüter (Jeff Bridges). Jonas ist überwältigt von den Eindrücken, die ihm sein Mentor vermittelt. Er entdeckt Gefühle wie Freude und Liebe, aber auch Schmerz und Verzweiflung, die er aber mit niemandem teilen kann. Je mehr er über die alte Welt erfährt, desto schaler und unmenschlicher erscheint ihm die neue Ordnung, bis er schließlich beschließt, den Umsturz zu wagen...


    Düstere Zukunftsgeschichten für ältere Teens und jüngere Twens sind im Moment „in“. Deshalb wurden aus den noch kindlichen Helden des Buches hier Fast-Erwachsene gemacht, die von teils noch einmal deutlich älteren Darstellern verkörpert werden (Brenton Thwaites etwa war zum Zeitpunkt des Drehs 24). Dazu gibt es anders als im Buch nun eine im Genre offenbar unvermeidliche Romanze. Dieser nachträglich hinzugefügten Liebesgeschichte fehlt allerdings jeder Funken Spannung und die für das Thema des Films so wichtigen Gefühle bleiben auf der Strecke. Odeya Rush („Das wundersame Leben von Timothy Green“) hat dabei ähnlich wie Cameron Monaghan („Klick“), der als Asher einen herbeigezwungen wirkenden und in der Logik des Films kaum glaubwürdigen Loyalitätskonflikt durchleben soll, damit zu kämpfen, dass sich das Autorenduo Michael Mitnick und Robert B. Weide keine Zeit für die Figur nimmt, obwohl deren ganze Existenz auf den Kopf gestellt wird. Da muss es dann reichen, wenn heimlich die tägliche Injektion verweigert wird, mit der die Bürger ruhiggestellt werden. Und letztlich hat auch Jungstar Brenton Thwaites („Maleficent“, „Oculus“) als Jonas zwischen den Bilderfluten, die ihm der alte Hüter offenbart, und dem actionlastigen Schluss kaum eine Chance, mehr zu zeigen als die verständliche Verwirrung des Protagonisten.

    Die formalästhetische Ausgestaltung der Konflikte fällt überzeugender aus als die erzählerische. Den Kontrast zwischen der emotionslosen Welt von Gleichheit und Gleichgültigkeit auf der einen Seite und der Sphäre der Vergangenheit mit den großen Gefühlen, dem Überschwang und der Unordnung andererseits stellen Regisseur Phillip Noyce und Kameramann Ross Emery („I, Frankenstein“) auf ebenso naheliegende wie sinnfällige Weise dar: Das graue Einerlei filmen sie in Schwarzweiß (dem gesamten Filmbeginn fehlt somit auch die Wärme), später gibt es erste Farbkleckse aus Jonas‘ Perspektive und wenn wir schließlich mit seinen Augen die ersten Reisen in die vom alten Hüter an ihn weitergegebene Vergangenheit unternehmen, dann wird aus anfangs noch gedämpften Farben bald ein wahrer Rausch satt leuchtender Rots, Blaus und Grüns. Geschickt werden Helligkeit und Kontraste über das Normalmaß hinaus gesteigert, sodass eine sinnlich-intensive Hyperrealität entsteht, in der Jonas‘ Schock und seine Verzauberung zugleich bildlichen Ausdruck finden. Anders als in „Pleasantville“, wo die Farbe auch das Leben in eine in Regeln erstarrte Schwarz-Weiß-Welt zurückbringt, ist ihre Wahrnehmung hier an das aufgeklärte oder befreite Individuum gebunden, was gut zu der Erzählung von Unterdrückung und Umsturz passt.

    Die Grundkonflikte zwischen Freiheit und Zwang, Individualität und Konformität bekommen über die kühl-funktionalen Inneneinrichtungen, die stromlinienförmige Baukasten-Architektur und die geometrische Anlage von öffentlichen Plätzen (das metallisch-sterile Produktionsdesign stammt von Ed Verreaux, „Looper“) weitere Resonanz. Hier wird einem die schmerzliche Abwesenheit von Gefühlen schon rein äußerlich bewusst, verstärkt wird der Eindruck durch die fast roboterhaften Auftritte von Katie Holmes („The Gift“) und Alexander Skarsgard („The East“) als Jonas‘ gruselig distanzierte „Eltern“ sowie von Meryl Streep, die passenderweise meist als Hologramm in Erscheinung tritt. Jeff Bridges („True Grit“) wiederum fällt in der einst für seinen Vater gedachten Rolle die Aufgabe zu, ganz allein die emotionale Tragweite der Geschichte zum Ausdruck zu bringen: In seinen Worten und Blicken liegt die Sehnsucht nach einem freien Leben. Diese Freiheit bekommt hier im Übrigen eine recht konservative Prägung. So wird indirekt das Ideal der biologischen Familie vertreten und wenn skrupellos Säuglinge oder Senioren „befreit“ (=getötet und entsorgt) werden, dann kommt man kaum umhin, das auch als Seitenhieb auf Abtreibung, Sterbehilfe, künstliche Befruchtung und ähnliches zu verstehen. Die christlichen Untertöne des Finales sind dann wiederum eher kurios und sorgen für einen weiteren Widerhaken in einem thematisch durchaus reichhaltigen Film.

    Fazit: Ansprechend gefilmte und ausgestattete, aber erzählerisch überaus holprige Zukunftsvision mit spannenden Themen.
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