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    Black Widow
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Black Widow

    Mehr ein Anfang als ein Abschied

    Von Christoph Petersen
    Vor einigen Jahren machte der Vorwurf die Runde, dass sich einige Showdowns der Comic-Blockbuster aus dem Marvel Cinematic Universe (MCU) zu sehr ähneln würden – und wenn man sich die Zusammenschnitte auf YouTube & Co. ansah, erschien die Kritik auch durchaus angebracht: Egal ob die Raumschiffe in „Marvel’s The Avengers“ und „Guardians Of The Galaxy“, der Helicarrier in „The Return Of The First Avenger“ oder gar eine ganze Stadt in „Avengers 2: Age Of Ultron“ – immer wieder crasht irgendetwas Gewaltiges vom Himmel auf die Erde. („Captain America: The First Avenger“ und „Thor 2“ ließen sich mit Abstrichen wohl auch noch in diese Liste aufnehmen.)

    Nach einer gewissen Crash-Pause endet „Black Widow“ nun ebenfalls mit diesem Archetyp eines MCU-Showdowns – und auch sonst liefert Regisseurin Cate Shortland („Berlin Syndrom“) in Sachen Action handwerklich zwar gewohnt starke, aber nicht sonderlich überraschende Standard-Setpieces. Trotzdem ist der finale Auftritt von Fan-Favoritin Natasha Romanoff alias Black Widow extrem unterhaltsam geraten – und das liegt neben der wunderbar abgefuckten (Fake-)Familie im Zentrum vor allem an der Großzügigkeit von Scarlett Johansson. Die nutzt ihren Abschied nämlich weniger für eine persönliche Farewell-Tour und stellt ihn stattdessen als Startrampe für neue vielversprechende MCU-Held*innen zur Verfügung.

    Obwohl sich Scarlett Johnasson mit "Black Widow" vom MCU verabschiedet, lässt sie ihrem Co-Star Florence Pugh extrem viel Raum zum Strahlen...


    Natasha Romanoff (Scarlett Johansson) ist nach den Geschehnissen in „The First Avenger: Civil War“, in dem sie sich gemeinsam mit Captain America und einigen anderen Superhelden von den Avengers abgespalten hat, eine international gesuchte Verbrecherin. In einem Wohnwagen im Wald versteckt sie sich vor den Behörden, als sie von ihrer Vergangenheit als KGB-Profikillerin eingeholt wird: Dreykov (Ray Winstone), der sadistische Leiter des „Black Widow“-Programms, hat sich über die Jahre eine ganze Armee von willenlosen Profikillerinnen herangezüchtet, die er nun nach Belieben einsetzen und ausbeuten kann.

    Aber um Dreykov aufzuhalten, muss sich Natasha mit der „Black Widow“-Aussteigerin Yelena Belova (Florence Pugh), der Bio-Wissenschaftlerin Melina Vostokoff (Rachel Weisz) sowie Alexei Shostakov (David Harbour), der einst als Red Guardian einst den sowjetischen Gegenpol zu Captain America gebildet hat, zusammenschließen. Das streitlustige Quartett kennt sich noch von früher: Mitte der Neunziger, als Natasha und Yelena noch kleine Mädchen waren, haben sie gemeinsam einige Jahre lang undercover als Schläfer-Familie in Ohio gelebt…

    "Sowjet Beauty": Der kommende Oscar-Hit?


    Wenn die (Fake-)Familie zu Beginn Hals über Kopf aus Ohio flieht und die beiden „Schwestern“ damit das einzige Leben, das sie jemals kennengelernt haben, hinter sich lassen müssen, feuert „Black Widow“ bei der Verfolgungsjagd Richtung Flughafen direkt ein grandios-augenzwinkerndes Hurra-Amerika-Feuerwerk ab: Es geht vorbei an einem College-Footballspiel mit Blaskapelle und einer Brücke, die in den Farben des Star-Spangled-Banners erstrahlt – und aus dem Autoradio schallt Don McLeans „American Pie“ mit dem vielsagenden Refrain-Schlusssatz „This'll Be The Day That I Die“.

    Bis hinein in die wacklige, oft ganz nah an die Figuren herangehende Kameraführung verpasst Cate Shortland ihrem Film einen abseits der Action-Momente stets spürbaren „Indie“-Vibe, den man so aus dem MCU bisher noch gar nicht kannte – und der sich speziell für die satirischen Untertöne von „Black Widow“ als großer Vorteil erweist: Gerade in der mit Abstand lustigsten und besten Szene des Films, wenn sich die „Familie“ nach vielen Jahren das erste Mal wieder um einen Esstisch versammelt und sich der MCU-Blockbuster kurzzeitig in eine Sowjet-Parodie von „American Beauty“ verwandelt, schlagen die Stärken von Shortland und ihrem spiellaunigen Cast voll durch.

    Der Taskmaster ist eher einer der weniger spannenden Bösewichte im MCU.


    Da brechen dann – wie in quasi jeder Familien-Tragikomödie – all die Probleme hervor, die sich über die Jahrzehnte angestaut haben. Nur gehen die bei sowjetischen Agent*innen, Auftragsmörder*innen und Superheld*innen eben weit über das Maß hinaus, das man sonst so gewohnt ist. Das – über weite Strecken improvisierte – Ergebnis ist köstlich-entlarvend und schlichtweg urkomisch. Möglich ist das allerdings nur, weil Scarlett Johansson in ihrem achten und letzten MCU-Film ihren Mitstreiter*innen extrem viel Raum lässt, um anständig vom Leder zu ziehen. Wer die Reihe verfolgt, der weiß natürlich längst, dass ihre Figur wenige Wochen nach der „Black Widow“-Handlung während der Geschehnisse in „Avengers 3: Infinity War“ das Zeitliche segnen wird …

    … und trotzdem gibt es hier nur wenig Pathos und Melodrama. Stattdessen dominieren der staubtrockene Humor und eine unbändige Energie, die vor allem von „Stranger Things“-Sheriff David Harbour und Shooting-Star Florence Pugh („Midsommar“) ausgeht: Als von seinen Glanzzeiten träumender Ex-Superheld, der sich nur noch mit Mühe in seinen Anzug von damals hineinpressen kann, erinnert Harbour weniger an die sowjetische Antwort auf Captain America als vielmehr an einen fleischgewordenen Mr. Incredible aus „Die Unglaublichen“ (aber mit einer sehr viel abgründigeren und gewalttätigeren Vergangenheit). Florence Pugh stiehlt wiederum auf Anhieb fast den ganzen Film – und empfiehlt sich damit nachdrücklich für kommende Leading-Lady-Aufgaben, egal ob im MCU oder sonst wo. Wenn das nicht die Geburtsstunde eines Superstars ist, dann wissen wir auch nicht…

    In einem Punkt dann plötzlich doch ganz ernst


    In einem Punkt, der Scarlett Johansson offensichtlich sehr wichtig ist, was man auch immer wieder an ihren Aussagen in Interviews ablesen kann, steckt sie bei ihrem Abschied hingegen absolut nicht zurück: Die Art, wie die „Ausbildung“ und der konstante Missbrauch der Black Widows hier geschildert wird, kommt gerade in einem Comic-Blockbuster doch ziemlich überraschend – und trifft einen deshalb nur umso wirkungsvoller in die Magengrube. Wenn Florence Pugh als Yelena an einer Stelle sehr grafisch beschreibt, wie ihr und den anderen damals ihre Reproduktionsorgane einfach herausgerissen wurden, bleibt das definitiv im Gedächtnis hängen.

    Das Gegenteil ist bei den Actionsequenzen der Fall – auch wenn diese ganz sicher nicht schlecht sind. Vor allem das erste Wiedersehen von Natasha und Yelena, die sich in einer Wohnung auf engstem Raum duellieren, entwickelt sogar einen saftigen Punch. Und der Ausbruch aus einem Hochsicherheitsknast im verschneiten Sibirien würde durchaus auch in einem 007-Abenteuer nicht negativ auffallen. Aber mit dem Taskmaster, der die Bewegungen aller Kontrahenten beherrscht, gegen die er jemals gekämpft hat, wartet „Black Widow“ mit einem ziemlich blassen Bösewicht-Handlanger auf – und sowieso lagen die Prioritäten hier offensichtlich einfach woanders. Und ganz ehrlich: Nach 23 Filmen tut das dem MCU nur gut – selbst wenn am Ende dann doch wieder etwas Großes vom Himmel auf die Erde crasht…

    Fazit: Ein weiterer sehr kurzweiliger MCU-Blockbuster, bei dem der doppelbödige, staubtrockene Humor und der grandios aufgelegte Cast definitiv mehr zum immensen Unterhaltungswert beitragen als die zwar gut gemachten, aber wenig Neues bietenden Action-Sequenzen.

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