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    Tatort: Taxi nach Leipzig
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Tatort: Taxi nach Leipzig
    Von Lars-Christian Daniels
    Stolze 46 Jahre hält sich der „Tatort“ mittlerweile im deutschen Fernsehprogramm: Die populäre Krimireihe, die erstmals im November 1970 auf Sendung ging, gilt spätestens seit dem Aus von „Wetten, dass...?“ als letztes Lagerfeuer der TV-Nation und lockt Sonntag für Sonntag viele Millionen Zuschauer vor die Mattscheibe. Nun feiert sie ihre mit Spannung erwartete 1000. Ausgabe: Alexander Adolphs „Tatort: Taxi nach Leipzig“ trägt den gleichen Titel wie die erste Folge mit Hauptkommissar Paul Trimmel (Walter Richter) und bringt zwei Ermittler zusammen, die wie ihr Vorgänger für den NDR auf Täterfang gehen – Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Klaus Borowski (Axel Milberg). Doch eigentlich ist der 1000. „Tatort“ gar nicht der 1000. „Tatort“: In den 80er Jahren produzierte der ORF dreizehn „Tatort“-Folgen außerhalb der Gemeinschaftsproduktion mit dem Senderverbund ARD, die damals allerdings nur in Österreich ausgestrahlt und in Deutschland bisher nur vereinzelt wiederholt wurden. Die zahlreichen Fans wird das kaum stören: „Taxi nach Leipzig“ ist ein würdiger, weil spannender Jubiläumskrimi, der mit einigen Cameo-Auftritten früherer „Tatort“-Köpfe gespickt ist.

    Die niedersächsische LKA-Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und der Kieler Hauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) besuchen in der Nähe von Braunschweig eine Fortbildung. Nach Ende des zähen Tagesprogramms steigen sie zufälligerweise in dasselbe Taxi – gemeinsam mit ihrem älteren Kollegen Sören Affeld (Hans Uwe Bauer), der sich bei Fahrer Rainald Klapproth (Florian Bartholomäi) darüber beschwert, dass der seinen Sicherheitsgurt nicht anlegt. Als Affeld ihn zum Anlegen des Gurtes zwingen will, dreht Klapproth durch: Mit einem gezielten Griff bricht der traumatisiert aus Afghanistan zurückgekehrte Ex-Elitesoldat seinem Beifahrer das Genick. Lindholm und Borowski müssen die Tat machtlos vom Rücksitz aus mitansehen und sind ab sofort Klapproths Geiseln. Während die Leiche im Kofferraum verstaut und Borowski gefesselt wird, wagt Lindholm einen Fluchtversuch, scheitert aber nach wenigen Metern. Der bewaffnete Kidnapper hat nur noch eins im Kopf: Nach Leipzig fahren und seiner Ex-Freundin Nicki Lowkow (Luise Heyer) sagen, dass deren Verlobter Erik Tillmann (Trystan W. Pütter) bei einem Einsatz in Afghanistan einen Befehl gegeben hat, bei dem Klapproth unschuldige Zivilisten töten musste...

    Für die 1000. Ausgabe der erfolgreichsten deutschen Krimireihe, die von „Tatort“-Erfinder Gunther Witte einst als Antwort auf die populäre ZDF-Serie „Der Kommissar“ konzipiert wurde, fährt die ARD einiges an Feierlichkeiten auf: In Hamburg findet zwei Tage vor der TV-Ausstrahlung eine große Gala-Premiere statt, auf den Internetseiten der ARD geben sich die Gratulanten die Klinke in die Hand, in der Deutschen Kinemathek in Berlin läuft noch bis Januar die Sonderausstellung „1000 Tatorte“ und in den Dritten Programmen und dem Spartensender ONE (früher: EinsFestival) laufen zahlreiche Wiederholungen älterer „Tatort“-Klassiker. Darunter natürlich auch der „Tatort: Taxi nach Leipzig“ von 1970, der vor allem zweierlei mit seinem Namensvetter von 2016 gemeinsam hat: eine ausgedehnte Autofahrt quer durch die Republik und (bundes-)länderübergreifende Ermittlungsarbeit. Tingelte der knorrige Hauptkommissar Trimmel seinerzeit von Hamburg nach Frankfurt sowie über die ehemalige innerdeutsche Grenze nach West-Berlin und Leipzig, fahren die in Kiel und Hannover beheimateten NDR-Kommissare Klaus Borowski und Charlotte Lindholm von Braunschweig gen Sachsen. Besser gesagt: Sie werden gefahren – von einem kaltblütigen Mörder.

    Die Parallelen zum Hollywood-Klassiker „Taxi Driver“ sind dabei nicht zu übersehen: Ähnlich wie der unter Schlafstörungen leidende Ex-Marine Travis Bickle (Robert DeNiro) aus Martin Scorseses Meisterwerk lässt der traumatisierte Afghanistan-Rückkehrer Klapproth den Zuschauer in Gedanken an seiner Wut teilhaben und sich selbst zu einer Bluttat hinreißen. In bester „Cosmopolis“-Manier findet der größte Teil des Geschehens zunächst im Inneren des Wagens statt: Borowski und Lindholm versuchen sich an verschiedenen Psychotricks, um ihren Kidnapper zur Aufgabe zu bringen, scheitern aber kläglich, was einige gekonnt platzierte Lacher generiert. Und just in dem Moment, in dem sich erste Längen einzuschleichen drohen, setzt der vielfach krimierprobte Regisseur und Drehbuchautor Alexander Adolph, der unterem die Münchner „Tatort“-Meisterwerke „Der oide Depp“ und „Der tiefe Schlaf“ konzipierte, den ersten großen Wendepunkt der Geschichte. Und auch bei der Besetzung der Hauptrollen griff der NDR auf bewährtes Personal zurück: Während Maria Furtwängler im „Tatort“ für Quote und Axel Milberg für Qualität steht, mimte der erneut glänzend aufgelegte Florian Bartholomäi („Smaragdgrün“) in den letzten Jahren schon häufiger den Bösewicht – unter anderem den Mörder der Familie von Hauptkommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) im Dortmunder „Tatort: Auf ewig Dein“.

    Dass der „Tatort: Taxi nach Leipzig“ nicht nur dem Stammpublikum großen Spaß machen dürfte, liegt neben den überzeugenden Schauspielern und dem Verzicht auf das erzählerisch oft einengende Whodunit-Prinzip auch an der steilen Spannungskurve: Insbesondere im Mittelteil, in dem es die Ermittler sogar mit einem Wolfsrudel zu tun bekommen, jagt ein Gänsehautmoment den nächsten. Verfeinert mit einigen Italo-Western-Zitaten, Horror-Anleihen und einem starken Soundtrack darf der Zuschauer abwechselnd am Seelenleben der Figuren teilhaben: Es wird konsequent auf ein dramatisches Finale zugesteuert, in dem die Filmemacher keine Kompromisse eingehen. Etwas enttäuschend sind allerdings die Gastauftritte von Karin Anselm (verkörperte in den 80er Jahren die bis dahin erst zweite weibliche „Tatort“-Kommissarin Hanne Wiegand), Hans Peter Hallwachs (spielte im ersten „Tatort“ den DDR-Oberleutnant Klaus) und Friedhelm Werremeier (Erfinder der „Tatort“-Folgen mit Hauptkommissar Trimmel), denen bei ihren Cameos nicht einmal Text zugestanden wird. Ganz anders Günter Lamprecht, der ebenfalls im ersten „Tatort“ zu sehen war und in den 90er Jahren als Hauptkommissar Franz Markowitz in Berlin ermittelte: Lamprecht darf im 1000. „Tatort“ die letzten Worte sprechen und bringt die tolle Jubiläumsfolge damit zu einem außerordentlich gelungenen, fast rührenden Abschluss.

    Fazit: Alexander Adolphs starker „Tatort: Taxi nach Leipzig“ ist eine würdige Jubiläumsausgabe für die erfolgreichste deutsche Krimireihe aller Zeiten.

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