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    Bergman Island
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Bergman Island

    Das Bett, das Millionen Ehen zerstört hat

    Von Michael Meyns
    „Filme machen über das, was man kennt.“ Diesem oft gebrauchten und ähnlich oft missverstandenen Motto folgt Mia Hansen-Løve immer wieder: „Der Vater meiner Kinder“ war inspiriert vom frühen Tod eines befreundeten Produzenten, der Party-Trip „Eden“ von ihrem DJ-Bruder, „Alles was kommt“ von ihrer Mutter. Nun ist die französische Regisseurin zum ersten Mal im Wettbewerb von Cannes zu Gast, mit „Bergman Island“, einem Film über ein Paar, das Filme macht – also genau wie Mia Hansen-Løve und Regisseur Olivier Assayas („Personal Shopper“), mit dem sie eine gemeinsame Tochter hat. Dabei sind die möglichen autobiographischen Spuren aber nur der Ausgangspunkt für eine Reflexion über das Filmemachen, die Rolle der Frau und natürlich den legendären schwedischen Regisseur Ingmar Bergman. Ein wunderbarer Film, nicht nur, aber auch für Cinephile.

    Chris (Vicky Krieps) und Tony (Tim Roth) sind Filmemacher, sie Mitte 30, er deutlich älter und auch erfolgreicher. Gemeinsam, aber ohne die Tochter June, wollen sie ein paar Wochen auf Fårö verbringen, einer winzigen Insel vor der schwedischen Küste, auf der auch schon Ingmar Bergman etliche Filme gedreht und die letzten Jahre seines Lebens verbracht hat. Während Tony das Schreiben leicht fällt, hadert Chris mit sich und ihren Ideen. Sie beginnt, Tony von ihrem geplanten Film zu erzählen. Er handelt von der Filmemacherin Amy (Mia Wasikowska), die für eine Hochzeit nach Fårö kommt und dort ihre Jugendliebe Joseph (Anders Danielsen Lie) wiedertrifft. Sie verbringen die Nacht miteinander, doch es gibt keine Zukunft für das Paar. Nicht zuletzt, weil Amy inzwischen ein Kind mit einem anderen Mann hat…

    Chris (Vicki Krieps) und Tony (Tim Roth) wollen sich von Bergman inspirieren lassen - aber damit setzen sie die Latte natürlich von Beginn an verdammt hoch.


    Ingmar Bergman wählte Fårö vermutlich auch deshalb als Wohnort, weil er so schwer zu erreichen ist. Einen direkten Zugang zu der winzigen Insel, die kaum 20 Kilometer lang und 5 Kilometer breit ist, gibt es nicht. Mit der Fähre oder einem kleinen Flugzeug muss man zunächst das weit größere Gotland ansteuern. Dann geht es weiter an die Nordspitze Gotlands, wo der Fårösund mit einer Fähre überquert wird und man endlich auf Fårö angekommen ist. Ein paar hundert Einwohner gibt es, zu denen bis zu seinem Tod im Jahre 2007 auch Ingmar Bergman gehörte.

    Für seinen 1961 entstandenen Film „Wie in einem Spiegel“ fand Bergman hier die passenden Kulissen und kam seitdem immer wieder: „Die Stunde des Wolfs“ und „Schande“ wurden hier gedreht, vor allem aber „Persona“ und natürlich „Szenen einer Ehe“. Das Ehebett aus dem letztgenannten Film, der Millionen Scheidungen nach sich zog, wie die Haushälterin in „Bergman Island“ geradezu stolz mitteilt, befindet sich noch immer auf der Insel, in einem der Häuser der Bergman Foundation, die nach Ruhe und Inspiration suchende Künstler beherbergt.

    Ein Genie, das die Erziehung der 9 Kinder den 6 Müttern überlässt


    Ob sie es wagen sollen, tatsächlich in diesem Bett zu schlafen, fragt Chris ihren Partner Tony nur halb im Scherz – und auf dieser Ebene zwischen leichter Ironie und bitterem Ernst begegnet Mia Hansen-Løve dem Bergman-Kult. Sie und Olivier Assayas sind bekennende Bergman-Fans und haben früher viele Sommer auf Fårö verbracht, ganz ohne Frage dort auch geschrieben, vermutlich auch einmal gestritten. Vielleicht hat Hansen-Løve tatsächlich wie Chris über den Druck geklagt, angesichts der atemberaubend schönen Landschaft kreativ sein zu müssen. Und vielleicht hat dann Assayas wie Tony geantwortet: „Nun, es muss ja nicht gleich ‚Persona‘ werden!“

    Kein Druck also, aber natürlich ist dieser Druck doch da. Chris macht ihn sich selber, aber sie spürt ihn auch unterschwellig durch die Gesellschaft, die ihr, einer Frau, vielleicht doch weniger zutraut als einem Mann. Und die es ihr schwierig macht, Familie und Karriere zu verbinden, ganz im Gegensatz zu einem Mann wie Bergman, der neun Kinder von sechs Frauen hatte, um die er sich viele Jahre lang kaum kümmerte. Nur dank dieser Konstellation war es ihm möglich, allein in den 1950ern und 1960ern mehr als 20 Kinofilme und etliche Fernsehproduktionen zu drehen – und nebenbei auch noch am Theater zu arbeiten.

    Mia Wasikowska spielt das Alter Ego von Vicky Krieps und damit das Alter Ego von Regisseurin Mia Hansen-Løve.


    Spielerisch leicht wirkt „Bergman Island“ meist, zeigt mit neugierigem, fast touristischem Blick die Insel und ihre Einwohner, karikiert leicht ironisch den Kult, der um den berühmtesten Einwohner auch nach dessen Tod noch gemacht wird – das Bergman auf dem kleinen Kirchhof Fårös beerdigt ist, muss man kaum erwähnen. Zugleich sind da aber immer auch auch dunkle Schwingungen zu spüren. Immer mehr verschwimmt der Film-im-Film mit der Realität, taucht eine Figur, der Chris bei der Ankunft auf der Insel begegnet war, plötzlich auch in der Fiktion auf, so dreht sich die Meta-Ebene immer weiter. Schon die Titel zu Beginn von „Bergman Island“ wurden auf die weiße Leinwand wie auf ein weißen Blatt getippt – ganz so, als würde das Folgende direkt dem Geist der Autorin entspringen …

    … was es natürlich auch tut, schließlich ist „Bergman Island“ dem Geist von Mia Hansen-Løve entsprungen. In Mia Wasikowska und vor allem Vicki Krieps hat sie zwei Surrogate gefunden, die Varianten ihrer selbst spielen, Varianten der Frau als Filmemacherin oder doch der Filmemacherin als Frau? Wenn in der letzten Szene Chris ihre Tochter June in den Arm nimmt, die den ganzen Film abwesend, aber doch immer präsent war, strahlt sie so sehr wie nie. Ein Moment des Glücks, vielleicht aber auch ein Zeichen dunkler Vorahnung, dass für Chris die Entscheidung zwischen Kind oder Karriere schon gefallen ist.

    Fazit: Mit „Bergman Island“ ist Mia Hansen-Løve ein wunderbarer leichter, aber doch komplexer Film über das Filmemachen gelungen, der auf unterschwellige Weise von der Schwierigkeit des kreativen Prozess erzählt, vor allem aber auch von der Frage ob und wie eine moderne Frau Karriere und Familie verbinden kann.

    Wir haben „Bergman Island“ beim Filmfestival in Cannes gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

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