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    Daddio - Eine Nacht in New York
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Daddio - Eine Nacht in New York

    Therapiesitzung auf vier Rädern

    Von Oliver Kube

    Im Laufe der vergangenen Jahre gab es einige Automobil-Kammerspiele fürs Kino – also Filme, die sich komplett oder zumindest zum allergrößten Teil im Inneren eines Pkws abspielten, ohne dabei ein klassisches Roadmovie zu sein. Beim spanischen Thriller „Anrufer unbekannt“ samt seiner drei Remakes aus Deutschland, Südkorea und den USA geht es ebenso ums nackte Überleben wie in „4x4“, „Blast“ oder „Der eisige Tod“. Bei „Wheelman“ hingegen dreht sich die Story um einen schief gelaufenen Raubüberfall, bei „No Turning Back“ droht die Existenz des dauertelefonierenden Tom Hardy während einer 90-minütigen Autobahnfahrt vollständig in sich zusammenzubrechen.

    In „Im Taxi mit Madeleine“ wiederum zieht eine 92-Jährige im titelgebenden Gefährt eine bittersüße Bilanz ihres Lebens. Und auch in „Daddio – Eine Nacht in New York“ begegnen sich nun zwei Fremde aus verschiedenen Generationen und mit einem völlig anderen persönlichen Hintergrund in einem Taxi. Was die Theaterautorin Christy Hall in ihrem Spielfilmdebüt mit der Hilfe ihrer exzellent abliefernden Stars aus dieser Ausgangslage macht, ist gleichermaßen mitreißend wie berührend. Und zwar so sehr, dass man ganz flott vergisst, dass alles nur an einem einzigen, noch dazu sehr beengten Schauplatz auf vier Rädern stattfindet. Schnell fühlen wir uns in die weit über das Setting hinausgehende Gedankenwelt der beiden Hauptfiguren hinein und erleben diese geradezu vor dem inneren Auge mit – fast wie einst beim ebenfalls in New York spielenden Dialogfilm-Klassiker „Mein Essen mit André“.

    LEONINE
    Die Frau (Dakota Johnson) wollte eigentlich nur ihre Ruhe haben – ist dann aber doch ganz froh, mit ihrem Fahrer ins Gespräch gekommen zu sein.

    Nach einem langen Flug kommt eine junge IT-Expertin (Dakota Johnson) spät am Abend am John F. Kennedy International Airport in New York City an. Beim Verlassen des Terminalgebäudes steigt sie umgehend in das erstbeste Taxi und möchte nach Midtown Manhattan gebracht werden, wo sich ihr Apartment befindet. Während immer wieder Textnachrichten auf ihrem Smartphone eintreffen, möchte sie eigentlich nur ihre Ruhe haben. Dennoch beginnt ihr Fahrer Clark (Sean Penn), ein geselliger Old-School-Macho, sie in einen Smalltalk zu verwickeln.

    Dieser weitet sich schon bald aus, auch weil die zwei eine ganze Weile an einer Unfallstelle im Stau stehen: Mehr und mehr entwickelt sich ein profundes Gespräch über den Zustand der amerikanischen Gesellschaft und die neue, digitale Welt. Aber es geht auch um höchst private Dinge wie sexuelle und familiäre Beziehungen sowie persönliche Verluste bis hin zu philosophischen Themen wie den „wahren“ Unterschied zwischen Männern und Frauen. Dabei sind beide bald komplett offen zueinander, denn sie wissen, dass sie sich – nachdem Clark die junge Frau an ihr Ziel gebracht hat – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie wieder über den Weg laufen werden…

    Fast jeder Satz trifft voll ins Schwarze

    Eines gleich vorweg, weil es in diesem Format eines Zwei-Personen-Stücks ohne Action, Thrill und andere echte Ablenkungen entscheidend ist: Christy Hall schreibt exzellente, weil fast durchgehend sehr authentisch wirkende Dialoge. Diese machen die allein aus einem Gespräch bestehende Handlung erstaunlich packend und mitreißend. Vom Anfang bis zum Ende trifft so gut wie jeder ihrer Sätze ins Schwarze. Dieses Ergebnis ist natürlich auch ein Verdienst der beiden Stars, denen es gelingt, uns mit Charisma, Charme, Humor (den hauptsächlich der zweifache Oscargewinner Sean Penn beisteuert) sowie kleinen Gesten und Blicken voller Natürlichkeit voll und ganz in ihren Austausch hineinzuziehen.

    Eine weitere erstaunliche Leistung Halls ist es, dass wir zwar nur zwei Charaktere wirklich agieren sehen und sprechen hören, es aber eigentlich doch noch eine dritte wichtige Person in diesem Film gibt. Dabei handelt es sich um den Mann im Leben der Passagierin, der sich über eine Vielzahl von Textnachrichten bei ihr meldet. Während Clark nur die Reaktionen der IT-Spezialistin in seinem Rückspiegel beobachten kann, dürfen wir den Chat – inklusive ihrer Antworten – mitlesen. Ohne diesen Mann je zu Gesicht zu bekommen, können wir ihn uns dank seiner von fordernd über bettelnd bis obszön variierenden Beiträge, und die Antworten auf Clarks bohrende Fragen zu seiner Identität, fast schon bildlich vorstellen.

    LEONINE
    Der Fahrer (Sean Penn) ist schon auch ein Macho, und trotzdem entwickelt sich im Gespräch mit seiner Passagierin eine ungeahnte, authentische Nähe.

    Es ist faszinierend mitzuerleben, wie der selbsternannte Menschenkenner am Steuer seiner Passagierin ihre innersten Gedanken, Wünsche und Wahrheiten entlockt, die sie offenbar geschickt seit Jahren nicht nur vor dem Rest der Welt, sondern womöglich sogar vor sich selbst verborgen hält – Informationen, die sie zunächst nur zögerlich, dann aber mehr als willig mitteilt. Und auch Clark erlebt im Laufe der Unterhaltung einige Momente, in denen er viel über sich selbst, seine Vergangenheit, sein Verhalten und seine Emotionen preisgibt, das ihm bis dahin gar nicht bewusst war. Ihr Aufeinandertreffen und die Bereitschaft, sich ihrem fremden Gegenüber zu öffnen, wirkt wie eine Art kathartische Psychotherapiestunde für die zufälligen Weggefährt*innen – und damit auch ein wenig für uns als Zuschauer*innen.

    Es ist offensichtlich, dass Christy Hall dazu anregen will, in der Gegenwart anderer Menschen hin und wieder mal das Smartphone wegzulegen und sich mit diesen zu unterhalten – auch oder vielleicht gerade dann, wenn es sich bei ihnen um Unbekannte handelt. Es könnte sich durchaus lohnen und aus dieser Distanz eine unerwartete Vertrautheit erwachsen – so wie hier. Dafür, dass uns nur am Anfang und ganz am Ende jeweils kurz kleine Segmente der Welt außerhalb des Yellow Cabs gezeigt werden, wird auch visuell einiges geboten. So findet Chef-Kameramann Phedon Papamichael („Le Mans 66“) immer wieder interessante neue Blickwinkel und Perspektiven. Dabei half ihm wohl der Umstand, dass fast alles auf einer Soundstage realisiert wurde. Damit die Fahrt durch die Nacht dennoch echt wirkt, benutzte Hall die neuartigen, riesigen LED-Wände, die u. a. auch in „Star Wars: The Mandalorian“ verwendet wurden, als virtuellen Hintergrund. „Daddio“ ist das erste klassische Drama, dass diese revolutionäre Technik anwendet

    Die perfekte letzte Szene

    Im Abspann wird die von „Madame Web“-Star Dakota Johnson auf virtuose Weise zwischen verletzlich bis willensstark präsentierte Frau, die uns und ihrem Fahrer ihren Namen nicht verrät, „Girlie“ genannt. Das könnte der Name sein, den ihr Clark – eher ein wenig liebevoll-herablassend als creepy gemeint – in seinem Kopf gegeben hat. So wie sie ihn in ihren Gedanken und Erinnerungen eventuell als „Daddio“ abgespeichert hat. Auch wenn diese Kosenamen nie ausgesprochen werden, passen sie wunderbar zur sich im Laufe der Zeit entwickelnden Nähe des Duos.

    Die finale Szene ist, obwohl ein beträchtlicher Teil des Publikums sie wohl kommen sehen wird, emotional ebenfalls sehr berührend. Vielleicht wirkt sie auch nur deshalb so berechenbar, weil sie letztlich genau dem entspricht, was man sich als Zeug*in der letzten 100 Minuten zum Abschluss für die Figuren wünscht. Es gibt keinen finalen Twist, keine clevere Überraschung, keinen Aufbau eines potenziellen Sequels oder ähnliches. Vielmehr wird uns ganz allein das serviert, was die Charaktere, die Story und auch wir verdienen. Wie oft kann man das am Ende eines Films schon sagen?

    Fazit: Ein kleines, ruhiges und doch immens packendes und emotional aufwühlendes Drama. Sean Penn und Dakota Johnson spielen preisverdächtig. Das Publikum lässt sich mit dem Duo durch die Nacht treiben und lernt es dabei so gut kennen, wie kaum zwei andere Filmfiguren im bisherigen Kinojahr.

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