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    Rimini
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Rimini

    Überall die gleiche Scheiße

    Von Christoph Petersen
    Die erste Einstellung von „Rimini“ zeigt eine Gruppe Senior*innen in einem Pflegeheim. Feinsäuberlich aufgereiht wie in einem Wes-Anderson-Film klammern sie sich an ihre Rollatoren und fangen an zu singen: „So ein Tag, so wunderschön wie heute…“ Aber das können sie sich natürlich abschminken. Schließlich sind wir hier in einem Film des österreichischen Desillusions-Künstlers Ulrich Seidl und in denen sind „schöne Tage“ generell eher selten – es sei denn, es wird so heiß wie in seinem preisgekrönten Spielfilmdebüt „Hundstage“, dass dann endgültig alle durchdrehen.

    Diesmal entzaubert Seidl gleich doppelt – die glamouröse Welt der Schnulzenbarden und das titelgebende Urlaubsparadies an der italienischen Adriaküste. Allerdings tut das beim Zuschauen diesmal nicht mehr ganz so weh wie zum Beispiel noch in „Paradies: Liebe“ über eine deutsche Sextouristin in Kenia oder „Safari“ über wohlhabende Hobby-Großwildjäger*innen – vielleicht ist Seidl mit inzwischen 69 Jahren sogar ein klein wenig altersmilde geworden. Was hingegen immer noch einwandfrei funktioniert, ist Seidls dokumentarischer Blick auf alles Abseitige und Deformierte – und da kann er sich im trostlos-verregneten Rimini außerhalb der Saison so richtig „schön“ austoben!

    Ritchie Bravo (großartig: Michael Thomas) gibt auf der Bühne immer alles – selbst wenn im Publikum kaum mehr als eine Handvoll Senior*innen sitzt.


    Ritchie Bravo (Michael Thomas) war früher wahrscheinlich mal ein richtiger Schlagerstar. Dafür spricht zumindest die einst sicherlich stattliche, aber inzwischen ziemlich heruntergekommene Villa mit dem weißen Flügel. Wenn er heute in einem Hotel oder Club vor einer Gruppe Rentner*innen auftritt, kann er hingegen froh sein, wenn er 200 Euro für einen Abend bekommt. Aber das reicht ja kaum für den Alkohol, den er schon kurz nach dem Aufstehen konsumiert – und so verdient er sich etwas als Gigolo dazu: Trotz seines Bierbauchs gibt es schließlich weibliche Fans, die schon seit Jahrzehnten von ihrem Idol Ritchie Bravo träumen.

    Ritchie ist dabei aber dennoch ein guter Kerl, dem seine Fans wirklich am Herzen zu liegen scheinen, selbst wenn er sie jeden Abend mit den immergleichen Sprüchen begrüßt. Doch dann taucht plötzlich seine inzwischen erwachsene Tochter Tessa (Tessa Göttlicher) auf, die er seit einer Ewigkeit nicht gesehen hat und die nun das Geld einfordert, das Ritchie ihr und ihrer Mutter all die Jahre vorenthalten hat. In seiner Not greift der Sänger/Gigolo zu einem extremen Mittel, um an die benötigten 30.000 Euro zu kommen…

    … und das soll ein Paradies sein?


    „Rimini“ beginnt in Österreich. Ritchie ist zur Beerdigung seiner Mutter heimgekehrt – und natürlich wird mit seinem Bruder Ewald (Georg Friedrich) erst mal ordentlich gebechert (nämlich Schnaps, der nur schmeckt, wenn man schon besoffen ist). Das eigentliche Highlight ist aber die Einrichtung des elterlichen Hauses – mit einer Mahagoni-Schrankwand aus der Hölle und einem Partykeller voller Hirschgeweihe. In Ritchies offenbar unverändert gebliebenen Kinderzimmer hängt noch immer Charlton Heston neben Roy Black an der Wand – und man versteht sofort, warum er damals nach Italien abgehauen ist …

    … und denkt sich beim Zuschauen vielleicht selbst bald, dass Rimini doch jetzt eine schöne Abwechslung wäre, zumal Seidl die abgründige Trostlosigkeit der österreichischen Provinz in Filmen wie „Im Keller“ ja nun auch schon zur Genüge auf die Leinwand gezerrt hat. Aber Pustekuchen! Wenn dann der Sprung an die Adriaküste kommt, bemerkt man es zunächst kaum, schließlich schüttet es da genauso schlimm. Die Hotels sind fast alle dicht – statt Tourist*innen sitzen oder liegen in fast jeder Einstellung Menschen auf der Flucht in den Straßen herum.

    Der Schnee steht Rimini besonders schlecht. Diese Stadt braucht Sonne, Party und Promille, sonst wird sie zu einem der trostlosesten Orte der Welt.


    Ulrich Seidl seziert diesen (Nicht-)Ort, der offensichtlich nur darauf ausgelegt ist, dass ihn (möglichst sternhagelvolle) Menschenmassen bevölkern, der nun - so völlig leer und kalt - aber einfach nur deprimierend wirkt, mit klarem und präzisem Blick. Nur in den gespielten Momenten übertreibt er hin und wieder, ohne dass es Not tut: Ritchies mühevollen Gigolo-Einsätze sind auch so schon betrüblich genug – da muss nicht im Nebenzimmer noch die greise Mutter seiner Best-Ager-Kundin halbtot vor sich hin röcheln.

    Auch den Plot um die plötzlich auftauchende Tochter hätte es vielleicht gar nicht gebraucht – es geht ja gerade auch um den durch die verriegelten Hotels und regungslosen Flüchtlinge repräsentierten Stillstand. Wobei es dann natürlich auch die tolle letzte Viertelstunde nicht gegeben hätte: In einer zumindest mild surrealen Sequenz präsentiert Seidl seine Version eines „Monsieur Claude“-Finales, was vor allem deshalb so fasziniert, weil man wirklich nicht sagen kann, ob das nun ein utopisches Happy End oder ein persönlicher Albtraum sein soll.

    Fazit: Wenn sein seniler Vater im Altersheim das Lied „Es zittern die morschen Knochen“ mit den berüchtigten Zeilen „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“ anstimmt, dann hält der glücklose Schlagerbarde Ritchie Bravo mit einer Runde „Amore Mio“ dagegen. Selten war einem eine Ulrich-Seidl-Figur derart sympathisch – und wohl auch deshalb wirkt „Rimini“ nicht ganz so gnadenlos wie frühere Filme des Regisseurs. Aber das muss ja gar nicht unbedingt etwas Schlechtes sein…

    Wir haben „Rimini“ im Rahmen der Berlinale 2022 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

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