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    The Many Saints Of Newark
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    The Many Saints Of Newark

    Ein Fest für "Sopranos"-Fans

    Von Nikolas Masin
    Die Sopranos“ wird selbst 15 Jahre nach dem vieldiskutierten Finale landläufig als eine der besten Drama-Serien aller Zeiten gefeiert – (mindestens) auf einem Level mit Giganten wie „The Wire“, „Mad Men“ oder „Breaking Bad“. Zwar haben die 86 Folgen der Mafia-Serie – mit einer Gesamtlaufzeit von dreieinhalb Tagen – der riesigen Fanbase viel Stoff zum mikroskopischen Sezieren auf YouTube hinterlassen, aber nun gibt es endlich den lange versprochenen Nachklapp: Das Kino-Prequel „The Many Saints Of Newark“ erzählt die 30 Jahre zurückliegende Vorgeschichte der fiktiven DiMeo-Mafia-Familie um Tony Soprano und erweitert das Serienuniversum dabei auf meisterhaft-organische Weise.

    Infolge der Rassenunruhen von Newark, New Jersey im Jahr 1967 geraten auch afroamerikanische und italoamerikanische Gangsterbanden aneinander. Angeführt wird die örtliche Mafiafamilie von Dickie Moltisanti (Alessandro Nivola), der zugleich als größte Bezugsperson und Idol für den Teenager Tony Soprano (gespielt von William Ludwig in jung und Michael Gandolfini in etwas älter) fungiert und nebenher sein aus den Fugen geratendes Familienleben geradezurücken versucht…

    Obwohl die Figur von Dickie Moltisanti in der Serie nur in Erzählungen vorkommt, dominiert Alessandro Nivola (rechts) den Kinofilm.


    Fans dürfen sich freuen: Das „Sopranos“-Prequel ist übersät mit alten Bekannten – oder zumindest mit deren einige Jahrzehnte jüngeren Versionen mit ein paar Kilos weniger auf den Hüften. Es sind große Fußstapfen, in welche die Schauspieler sich da hineinwagen. Diese ikonischen Figuren sind schließlich richtig eigentümliche Individuen mit all ihren speziellen Manierismen und Nuschel-Sprechmustern. Doch was leicht hätte in die Hose gehen können, wird dank des ausgezeichneten Castings zum schauspielerischen Polster für die Hauptdarsteller:

    Wenn beispielsweise John Magaro mit Buckel und heruntergezogenem Mundwinkel als Silvio Dante posiert oder Billy Magnussen als Paulie „Walnuts“ Gualtieri mit typischer Heavy-Metal-Hand artikuliert, nimmt man ihnen die Rolle sofort ab. Und dass Vera Farmiga – die hier Tonys narzisstische Mama Livia mimt – ein Händchen für labile Mütter hat, zeigte sich schon in der Serie „Bates Motel“, wo sie die Mutter von „Psycho“-Serienkiller Norman Bates verkörperte.

    Alessandro Nivola stiehlt die Show


    Im Rampenlicht aber steht vor allem Alessandro Nivola als „Dickie“ Moltisanti, dem Vater des zu Filmbeginn ungeborenen Christopher aus der Serie. Während er sich in Hollywood meist mit Nebenrollen etwa in „American Hustle“ oder „The Neon Demon“ abfinden muss, bewies er etwa im Indie-Streifen „Weightless“ von 2017 wieder einmal, dass er durchaus das Zeug zum Führen hat. In „The Many Saints Of Newark“ macht er das nun endgültig glasklar: Sein Balance-Akt zwischen angsteinflößendem Mafia-Boss und emotional infantilem Familienmenschen fügt sich wie selbstverständlich in dieses Gangsterversum ein – so organisch, dass man am Ende gar nicht glauben mag, dass Nivola nicht bereits Teil der Serie war.

    Die meiste Vorabpresse aber bekam Michael Gandolfini, der Sohn des 2013 verstorbenen James Gandolfini a.k.a. Tony Soprano höchstpersönlich, der im Kinofilm nun die ikonische Rolle seines Vaters erbt. Im Gegensatz zur Serie steht der junge Anthony hier allerdings nur an zweiter Stelle – als Schützling von Dickie. Schließlich muss er das Mobster-Leben erst noch kennenlernen. An diesem Punkt eine kurze Warnung: Wer hofft, dass man Tony wieder beim Köpfe einschlagen sieht, der wird enttäuscht. Dieser Tony steht noch zwischen den Fronten – vor der Entscheidung, ob ihm der bürgerliche Normalo oder eiskalte Kriminelle mehr liegt. Aber genau diesem (noch verhältnismäßig milde) Probleme machenden Burschen, der schlauer ist als ihm guttut, wird Michael Gandolfini absolut gerecht. Auch die unverkennbare Mimik und Gestik seines alten Herrn schafft er mit links. Gandolfini ist aber nicht der einzige Tony-Darsteller des Films: Im ersten Drittel übernimmt dies noch der jüngere William Ludwig – und der wirkt mit seinem unschuldigen Hundewelpen-Blick dann doch eher fehlbesetzt.

    Mit den Rassenunruhen 1967 bringt das Kino-Prequel noch mal eine ganz neue Perspektive in den "Sopranos"-Kosmos...


    „The Many Saints Of Newark“ ist quasi ein übermäßig opulenter Worldbuilding-Nachtrag für „Sopranos“-Junkies. Die Querverweise und Easter Eggs sind dicht gedrängt – selbst ein beliebtes Meme findet Platz. Alte Kulissen dürfen noch einmal auferstehen. Manche der bizarren Ereignisse, von denen in der Serie nur erzählt wurde, erwachen hier zum Leben. Das Wichtigste ist aber: Wir lernen viel Neues über das – vor Tonys Blütezeit bisher sehr nebulös gebliebene – DiMeo-Mafia-Netzwerk: Einige Beziehungen der Serie werden dick unterfüttert und der spätere Werdegang einzelner Figuren durch konkrete Schlüsselereignisse vorskizziert. Das ist Fan-Service, der Sinn macht. Radikale „Sopranos“-Neueinsteiger könnte dieses komplizierte Insider-Geflecht allerdings vor den Kopf stoßen.

    Zugleich sorgt die Entscheidung, das reale Ereignis der Rassenaufstände als Zündfunken für den Plot des Prequels zu nutzen, für jede Menge frischen Wind: Der Aufarbeitung von systematischem Rassismus in den USA wird zum ersten Mal in der Reihe wirklich Platz eingeräumt, wodurch vielen afroamerikanischen Schauspieler*innen in einem bisher massiv von weißen Männern dominierten Franchise eine Bühne geboten wird. Außerdem lernen wir auch ein völlig neues Syndikat kennen – mit neuen Herausforderungen für die Italo-Amerikaner, deren stereotype Zeichnung ebenfalls zumindest ein klein wenig zurückgeschraubt wird. Angeleitet wird der antagonistische Trupp von Selfmade-Mobster Harold McBrayer – sehr menschlich und würdevoll, aber auch stets selbstbewusst dargestellt von „Hamilton“-Star und Tony-Gewinner Leslie Odom Jr.

    Mehr Scorsese wagen


    Auch stilistisch hat sich etwas getan: „The Many Saints Of Newark“ weckt nicht selten Erinnerungen an den im Verhältnis zum Rest der Serie noch wesentlich ulkig-selbstironischeren Tonfall der Pilotfolge von 1997. Damals peilte Showrunner David Chase noch einen Martin-Scorsese-artigen Kurs an – „Goodfellas“ bezeichnet er dabei als seine „Bibel“, wenn es um Mafia-Stories geht (diesmal konnte er sogar dessen Hauptdarsteller Ray Liotta für eine große Doppelrolle mit an Bord holen). Aber dann ist es zum Glück doch anders gekommen – und „Die Sopranos“ fand seine ganz eigene Stimme.

    Nun aber scheint Chase, der gemeinsam mit Lawrence Konner auch das Drehbuch geschrieben hat, wieder ein wenig mehr zu seinen schwarzhumoristischen Wurzeln zurückzukehren. Regie führt unterdessen „Sopranos“-Veteran Alan Taylor. Der hatte sich im Anschluss mit Fehlgriffen wie „Thor – The Dark Kingdom“, „Terminator: Genisys“ oder der verhassten „Game Of Thrones“-Folge „Jenseits der Mauer“ nicht nur Freunde gemacht. Aber nun meldet er sich überraschend mit einem echten Meisterstück zurück. Man merkt: Die Welt der Sopranos liegt ihm inszenatorisch einfach so sehr im Blut wie sonst nichts.

    Fazit: Die Erwartungen an einen „Sopranos“-Film auf der großen Leinwand waren natürlich riesig, obwohl die Chancen eines Scheiterns groß waren. Aber nun räumt das Prequel auf eigentlich jeder Linie ab. „The Many Saints Of Newark“ ist ein in Nostalgie getränkter Liebesbrief an die Fans – und dabei durchaus auf Augenhöhe mit den besten Gangsterfilmen der letzten Jahre wie Martin Scorseses „The Irishman“.

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