Mein Konto
    Die Farbe Lila
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Die Farbe Lila

    Immer noch eine verdammt kraftvolle Geschichte

    Von Christoph Petersen

    Wenn die Sprache auf die „Die Farbe Lila“ kommt, dann meist in einem von zwei Zusammenhängen: Schließlich absolvieren mit Whoopi Goldberg und Oprah Winfrey gleich zwei spätere Weltstars ihren ersten großen Kinoauftritt in dem Kassenhit von 1985, der zudem noch immer den Rekord für die meisten Oscarnominierungen ohne einen einzigen Sieg hält (elf Stück, die meisten Preise gingen stattdessen an „Jenseits von Afrika“). Aber selbst wenn „Die Farbe Lila“ in der Regel nicht zu den allergrößten Meisterwerken in der Ausnahme-Filmographie von Steven Spielberg gezählt wird, ist die Geschichte von Alice Walker auch heute noch immer genauso kraftvoll, erschütternd und berührend wie damals. Kein Wunder also, dass der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Roman 2005 auch noch als Musical adaptiert wurde …

    … und über den Broadway-Umweg nun sogar ein zweites Mal die Kinoleinwände erobert: Selbst wenn die Neuverfilmung offiziell auf dem Roman und dem Musical basiert, ist es zumindest inoffiziell das allererste Remake eines Films von Steven Spielberg – und das muss man sich auch erst mal trauen! Angenommen hat diese Herausforderung der ghanaische Rapper und Filmemacher Blitz Bazawule (alias Blitz the Ambassador), der sich bislang vor allem als Co-Regisseur des für Disney+ produzierten Beyoncé-Musikfilms „Black Is King“ einen Namen gemacht hat. Beim neuen „Die Farbe Lila“ konnte er nun in vielerlei Hinsicht aus dem Vollen schöpfen: Ausstattung, Kostüme und Cast der 100-Millionen-Dollar-Produktion sind absolut erstklassig! Aber ausgerechnet den – im Vergleich zur Bühnenversion ohnehin schon stark reduzierten – Musical-Szenen mangelt es an Dynamik.

    Warner Bros.
    Für ihre jüngere Schwester Nettie (rechts: Halle Bailey) würde Celie (Phylicia Pearl Mpasi) so ziemlich alles tun.

    Zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeitet Celie (als junges Mädchen: Phylicia Pearl Mpasi, später: Fantasia Barrino) im Laden ihres Vaters, der sie regelmäßig missbraucht und schon zwei so gezeugte Kinder direkt nach der Geburt weggegeben hat. Als Albert Johnson alias „Mister“ (Colman Domingo) um die Hand ihrer jüngeren Schwester Nettie (Halle Bailey) anhält, wird ihm stattdessen die weniger attraktive Celie angeboten. Der Witwer willigt schließlich ein – vor allem, weil er dringend jemanden für den Haushalt und die Kinderbetreuung braucht. Gefangen in einer lieblosen und oft gewalttätigen Ehe keimt kurz Hoffnung auf, als Nettie auf der Flucht vor ihrem übergriffigen Vater in Celies Gästezimmer einzieht.

    Nach Misters Versuch, sie zu vergewaltigen, muss Nettie jedoch erneut fliehen. Da ihre regelmäßigen Briefe abgefangen werden, kann Celie in den folgenden Jahrzehnten nur erahnen, was für ein Schicksal ihre geliebte Schwester wohl ereilt haben mag. Aber dann ist es ausgerechnet Misters Geliebte, die so elegante wie selbstbewusste Jazz-Sängerin Shug Avery (Taraji P. Henson), die Celie zeigt, dass man sich als Frau auch wehren und eigene Ansprüche stellen kann…

    Gleich drei herausragende Performances

    „Die Farbe Lila“ hat damals gleich drei Schauspiel-Oscar-Nominierungen eingefahren: Für Whoopi Goldberg als Celie, für Margaret Avery als Shug Avery und für Oprah Winfrey als lebensfroh-schlagfertige Sofia, die Misters Sohn Harpo heiratet und trotz des schlechten Einflusses ihres Schwiegervaters in der Beziehung ganz klar die Hosen anhat. Nun würde es uns absolut nicht wundern, wenn exakt dieselben drei Rollen auch diesmal wieder für einen Preisregen sorgen: Fantasia Barrino konnte bereits 2004 die dritte Staffel „American Idol“ (die US-Version von „Deutschland sucht den Superstar“) für sich entscheiden. Außerdem hat sie Celie bereits im Musical verkörpert – und es leuchtet sofort ein, warum die Produzent*innen sie nun 16 Jahre später auch für die Verfilmung besetzt haben:

    Selbst in den demütigendsten Momenten hat es stets etwas Würdevolles, wie Celie ihr Schicksal erträgt. Auch ohne laute Gesten lässt Barrino dabei immer durchscheinen, welches Potential in ihr wohl noch schlummert. Es ist klar, dass es bei dieser Figur keinen lauten kathartischen Knall geben wird – aber ihre stillen Siege wirken deshalb nur umso kraftvoller! Die bereits für „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ oscarnominierte Taraji P. Henson hat eine ansteckende Freude vor allem an der extravaganten Seite der die Clubs und die Leinwand dominierenden Shug Avery – fast noch eindrucksvoller ist allerdings „Orange Is The New Black“-Star Danielle Brooks: Als selbstbewusste Sofia bringt sie zunächst frischen Wind und Freude in den Film, bevor eine rassistische Bürgermeisterin und ein kaum weniger rassistisches Rechtssystem den Boden unter den Füßen wegreißen – ein heftiger Schlag in die Magengrube.

    Warner Bros.
    Erst durch ihre „Rivalin“ Shug Avery (Taraji P. Henson) erfährt Celie (Fantasia Barrino), dass auch Frauen frei sein können.

    Was das Produktionsbudget angeht, konnten Blitz Bazawule und sein Team offensichtlich aus dem Vollen schöpfen: „Die Farbe Lila“ sieht einfach verdammt gut aus – vor allem Ausstattung und Kostüme sind über jeden Zweifel erhaben. Der bereits zweifach oscarnominierte Chef-Kameramann Dan Laustsen (für „Shape Of Water“ und „Nightmare Alley“) liefert starke Bilder, etwa bei dem fast schon biblischen Unwetter, das Mister zu einer späten Einsicht zwingt. Bis hierhin überzeugt die Neuverfilmung also in genau denselben Kategorien wie die Version von Steven Spielberg …

    … aber es ist eben auch ein Musical – und da muss man sich schon fragen, ob die Song-Unterbrechungen wirklich einen Mehrwert bieten, zumal diese im Vergleich zur Bühnenversion ohnehin sehr stark reduziert sind: 13 Songs wurden gleich komplett gestrichen, dafür sind nur zwei neue Stücke hinzugekommen. Da kann man mitunter fast vergessen, dass man gerade ein Musical schaut – und das ist gar nicht unbedingt schlecht, denn abgesehen von zwei, drei Ausnahmen wirken die Nummern zu sehr wie eine abgefilmte Bühnenperformance, bei der die Kamera nur selten als zusätzliches Dynamikelement zum Tragen kommt.

    Fazit: Die so erschütternde wie berührende Geschichte von Celie hat auch nach mehr als 40 Jahren absolut nichts von ihrer Durchschlagskraft eingebüßt. Dazu kommen durch die Bank grandiose Schauspielleistungen (sowie zwei erwartbare, aber deshalb nicht minder freudige Cameo-Auftritte). Aber ausgerechnet die Musical-Nummern schaffen in dieser Broadway-Adaption nur wenig Mehrwert.

    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    Das könnte dich auch interessieren
    Back to Top