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    The 800
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    The 800

    Bilder wie bei Christopher Nolan - im erfolgreichsten Kinofilm 2020

    Von Björn Becher
    In China kennt jedes Kind die Heldengeschichte der 452 Soldaten, die 1937 in Shanghai mehrere Tage lang einer Übermacht der japanischen Angreifer standhielten. Deshalb ist es auf den ersten Blick auch so überraschend, dass der Stoff abgesehen von einer frühen Verfilmung 1938 und einer in China selbst natürlich ignorierten taiwanesischen Produktion von 1976 lange Zeit nicht mehr fürs Kino aufgegriffen wurde. Erst 2020 war es dann schließlich soweit: „The 800“ geriet auf Anhieb zum Mega-Hit und spielte allein an den chinesischen Kinokassen mehr als 460 Millionen Dollar ein. Damit avancierte das blutig-intensive Kriegs-Epos sogar zum weltweit erfolgreichsten Kinofilm 2020!

    Auch im Westen wird „The 800“ sicherlich viele Menschen begeistern. Denn Guan Hus gerne als „chinesischer ‚Dunkirk‘“ beschriebener, komplett mit IMAX-Kameras gedrehter Kriegsfilm ist schon optisch eine Wucht – in dieser Hinsicht muss sich die Produktion selbst hinter Filmen wie „1917“ oder „Der Soldat James Ryan“ nicht verstecken. Zudem verzichten der Regisseur und sein Co-Autor Ge Rui – anders als in den allermeisten chinesischen Kriegsfilmen – auf allzu einseitige Darstellung der historischen Ereignisse. Im eigenen Land führte das sogar zu Problemen mit den Zensurbehörden, weshalb der ursprünglich bereits für 2019 geplante Start nur rund 24 Stunden vor der Weltpremiere wieder abgesagt wurde. Dass die Politik im Anschluss noch mal Einfluss auf den Film genommen hat, merkt man „The 800“ nun aber leider auch an...

    Strahlendes Nachtleben in einem Kriegsfilm: einer der reizvollen Brüche von "The 800".


    Ende Oktober 1937: Seit dem Angriff Japans auf China steckt die verteidigende Armee eine Niederlage nach der anderen ein. Auch Shanghai ist fast gefallen, als ein ursprünglich aus 800 Soldaten bestehendes, bereits schwer dezimiertes Regiment einen Sonderauftrag erhält: Gemeinsam mit einigen unterwegs eingesammelten Deserteuren sollen die Männer für mehrere Tage ein Militär-Lagerhaus gegen die japanische Übermacht halten. Die strategisch wichtige Stellung soll zum einen den Rückzug der in der Stadt verbliebenen chinesischen Truppen absichern – zugleich soll so aber auch ein Schauspiel für die Öffentlichkeit zelebriert werden.

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    Denn gegenüber vom Lagerhauses, getrennt nur durch einen schmalen Fluss, liegt die britische Konzession. Die Japaner trauen sich nicht, die von unter anderem Großbritannien, Frankreich und den USA verwalteten Gebiete der Metropole anzugreifen. Abgesehen von den Flüchtlingen, die aus dem chinesischen Teil der Stadt hierher strömen, tobt im britischen Sektor weiterhin ein ausschweifendes Nachtleben. Außerdem stehen hier schon bald nicht nur die Bewohner, sondern Reporter aus aller Welt auf den Balkonen sowie am Ufer, um die erbitterte Schlacht auf der anderen Flussseite zu filmen und fotografieren. Colonel Xie Jinyuan (Du Chun) erkennt die Chance, ein Signal an den Rest des Landes zu senden: Es gibt weiterhin Chinesen, die dem Feind Einhalt gebieten. So will er Hoffnung für den weiteren Verlauf des Krieges schüren...

    Fast ohne Einführung rein in den Krieg


    Wer sich nicht mit dem Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg auskennt oder nur wenig über die damals teilweise auch unter westlichen Mächten aufgeteilte Riesenstadt Shanghai weiß, wird in „The 800“ nicht gerade an der Hand genommen. Nach einer nur sehr kurzen, auf das Allernötigste beschränkten Einführung geht es direkt rein ins zentrale Szenario – ganz anders als in der taiwanesischen Verfilmung „Die längste Brücke“, bei der das Publikum auch mit Hilfe heutzutage ziemlich antiquiert wirkender, bunter Präsentationen nur sehr, sehr langsam zur großen Schlacht hingeführt wird.

    Aber die fehlende Einführung ist gar kein so großes Problem, denn die politischen Hintergründe spielen in „The 800“ ohnehin nur eine sekundäre Rolle. Stattdessen geht es einfach um den Überlebenskampf einer Gruppe von Männern aus allen denkbaren Altersgruppen (es sind auch Minderjährige drunter), die einer vermeintlich unbesiegbaren Übermacht gegenüberstehen. Es geht um ihre Verzweiflung und – wie es in pathetischen Kriegs-Dramen, egal ob aus West oder Ost, nun mal üblich ist – um die Heldentaten, die sie begehen, sowie die Opfer, die sie bringen.

    Soldaten, die überleben wollen.


    Hier liegt auch der größte Unterschied zu den allermeisten anderen Kriegsfilmen, wo sich schnell einige wenige Protagonisten herausschälen, die man fortan als Zuschauer*in begleitet: In „The 800“ gibt es zwar eine Reihe von Figuren, die öfter zu sehen sind als andere, aber die Geschehnisse werden trotzdem nicht durch die Augen einiger ausgewählter Protagonisten erzählt. So treffen wir den verängstigten Lao Tie (Jiang Wu) oder den widerborstigen Yang Guai (Wang Qianyuan) einfach nur immer wieder im Schlachtengetümmel oder den Atempausen wieder.

    Zudem eigenen sich viele Figuren auch aufgrund einer durchaus überraschenden Ambivalenz gar nicht erst als typische Helden. Dabei geht es weniger um die oft im Fokus stehenden Zweifler, die teilweise sogar die Flucht antreten. Nein, auch der in China legendäre Kommandant der Truppe taugt hier nicht als klassischer Helden-Protagonist. Das liegt nicht nur daran, dass Du Chun zu den schwächeren Schauspielern im Cast gehört und mit wenig Varianz oder Charisma steif seine Befehle brüllt. Der in seiner Heimat aufgrund besonders patriotischer TV-Rollen als Idol verehrte Star spielt auch eine wichtige Rolle in einer besonders grausamen Szene, in der Deserteure gezwungen werden, japanische Gefangene zu erschießen.

    Immer wieder unübersichtlich


    Die Erzählung folgt dabei weniger den menschlichen Schicksalen als den zeitlichen Abläufen. Fast wie unterteilte Kapitel bilden so die verschiedenen Tage des Gefechts einzelne Abschnitte mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten, durch die dann auch unterschiedliche Figuren in den Fokus rücken. An diese allzu sehr gewöhnen sollte man sich aber besser nicht: Die Macher von „The 800“ scheuen nämlich nicht davor zurück, auch Figuren, die wir gerade länger und intensiver begleitet haben, schon im nächsten Moment grausam im Kugelhagel sterben zu lassen. Andere Figuren werden einfach so aus dem Blick verloren und tauchen nicht mehr auf. Da kann man dann rätseln, ob es eine bewusste Entscheidung war, um auf ungeklärte Schicksale hinzuweisen. Oder ob es vielleicht mit den angeblich massiven Kürzungen zu tun hat, die nach dem bereits eingangs erwähnten Kinostopp 2019 noch nachträglich vollzogen werden mussten?

    Auch inszenatorisch ist „The 800“ – an dieser Stelle sicherlich bewusst – bisweilen unübersichtlich. Wenn die Kamera durch das Lagerhaus mit seinen verschiedenen Stockwerken, durch die nach Beschuss nur notdürftig wieder verbarrikadierten Mauern oder durch den direkten Zugang zum Fluss im Keller gleitet, geht schon mal die Orientierung verloren. Das verstärkt aber nur ein allgemeines Gefühl von Hilflosigkeit, das die eingekesselten Soldaten begleitet, die bei den Attacken der Japaner eigentlich an vielen verschiedenen Orten gleichzeitig sein müssten, um alle nötigen Aufgaben zu erfüllen. Es sind eben nur gut 400 und keine 800 Verteidiger, wie der Kommandeur den Feind glauben lassen will.

    In den Ruhepausen gibt es auch eine Flucht in eine Traumwelt.


    Für „The 800“, den Regisseur Guan Hu über zehn Jahre hinweg vorbereitet hat, wurden keine Kosten und Mühen gescheut! Gefilmt komplett mit IMAX-Kameras, die sonst auch Christopher Nolan („Tenet“) gerne für besonders herausstechende Passagen seiner Filme wählt, erschaffen Hu und sein auf solche Schlachteneindrücke spezialisierter Kameramann Cao You („City Of Life And Death“) einfach nur überwältigende und schlicht herausragende Bilder.

    Die wild-hektischen Aufnahmen im Getümmel, die Drohen-Kamera, die sich langsam um das Gebäude dreht, oder die Imitation der historischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der internationalen Beobachter – nie sind die inszenatorischen Mittel hier bloßes Gimmick, immer dienen sie der Intensität des Moments. Zudem wurden viel mehr Sets, als es heutzutage bei einer solchen Blockbuster-Produktion üblich ist, in echt nachgebaut. Die unter Aufsicht von Hollywood-Spezialist Tim Crosbie („Matrix“) entstandenen visuellen Effekte ergänzen diese realen Kulissen dann nur noch – mit überwiegend sehr überzeugendem Ergebnis.

    Die Hölle im Lagerhaus, der Himmel im Kasino


    Ein besonders eindrucksvoller Kameraflug beginnt bei dem inzwischen schon völlig zerlöcherten Lagerhaus mitten in einem größtenteils zerbombten Teil von Shanghai – und gleitet dann die wenigen Meter hinüber auf die andere Seite des Flusses, wo reiche Chinesen gemeinsamen mit den westlichen Bewohnern ihr Frühstück im Morgenmantel genießen, sich im Kasino oder im Theater amüsieren. Als „Himmel und Hölle“ bezeichnete Kommandant Xie Jinyuan dieses Nebeneinander laut eines überlieferten Ausspruchs. Genau dieser Gegensatz verleiht „The 800“ ein reizvolle zusätzliche Ebene.

    Es hat eben aller Schrecken zum Trotz auch etwas Skurriles, wie die Menschen auf der anderen Seite den Krieg wie ein Sportereignis wahrnehmen, wenn sie kleine Siege bejubeln, neue Entwicklungen diskutieren oder sogar auf bestimmte Ausgänge wetten. Ebenso reizvoll-absurd ist die Sicht von der anderen Seite, wenn die halb zerfledderten Soldaten in den Kampfpausen eine glamouröse Nachtclub-Sängerin beim Rauchen beobachten. Ein Paradies, das räumlich zum Greifen nah scheint, aber doch unerreichbar fern bleibt …

    Das umkämpfte Lagerhaus wird von der anderen Seite beobachtet.


    … und damit natürlich besondere Fluchtanreize bietet. Wo sich der bereits erwähnte „Die längste Brücke“ als reine Heldenerzählung gebiert, zeigt Guan Hu in „The 800“ durchaus auch Soldaten, die fliehen wollen und mit denen das Publikum trotzdem – zumindest kurzzeitig - mitfiebern darf. Allgemein war es ein Anliegen von Hu, sich tonal von anderen berühmten chinesischen Epen über diesen Krieg zu verabschieden. Die japanischen Angreifer sind zumindest in einigen Szenen auch nicht die sadistischen Monster, als die sie (auch zum Gefallen des heutigen Regimes) sonst meist dargestellt werden. Stattdessen wird den Soldaten ihre eigene Motivation für den Angriff zugestanden. Man erfährt etwa auch von der Todesstrafe, die sie in der Heimat erwarten würde, wenn sie es nicht schaffen sollten, mit ihrer Übermacht ein einzelnes verschanztes Regiment zu besiegen.

    Aber solchen durchaus differenzierten Zwischentönen steht dann doch andauernd das an Propaganda grenzende Pathos gegenüber: Wer desertieren will, besinnt sich anders oder stirbt vorher. Und allzu oft schwärmen Beobachter auf der anderen Seite vom Heldenmut der Soldaten und machen klar: Diesen Krieg (und jeden anderen) würden wir gewinnen, wenn nur jeder Chinese so tapfer wäre wie die Lagerhaus-Verteidiger. Diese selbstlose Vaterlandsliebe wird etwa in einer Szene unterstrichen, in der sich reihenweise Freiwillige melden, um sich wie ihr Kamerad mit Sprengstoff zu behängen und als menschliche Bombe aus dem Fenster in die attackierenden Horden zu stürzen. Während der Sprung der einen Soldaten überliefert ist, ist es mehr als fraglich, ob sich da wirklich direkt eine Schlange freiwilliger Nacheiferer bildete.

    Die Posse um die Flagge


    Dabei gibt es auch so schon genug pathetisch-patriotische Momente, weshalb es solche Übertreibungen eigentlich gar nicht mehr bräuchte. Eine besonders zwiespältige Rolle spielt dabei der wohl bekannteste Symbolakt der Schlacht: Die Pfadfinderin Yang Huimin (im Film: Tang Yixin) schwamm damals in der Nacht heimlich über den Fluss, um den Soldaten die chinesische Nationalflagge zu überbringen, die sie dann als hoffnungsstiftendes Symbol für die eigenen Landsleute, aber auch als besondere Provokation für den Feind hissten. Die Szenen, in denen die Soldaten trotz Dauerbeschuss mit letzter Kraft und blutigen Händen den Fahnenmast aufrecht halten, sind große Momente in „The 800“. Trotzdem wirkt die Inszenierung immer dann, wenn nicht nur der Mast, sondern auch die Flagge selbst zu sehen ist, seltsam distanziert und mitunter gar skurril unpathetisch (also gar nicht so, wie Michael Bay für gewöhnlich die US-Flagge im Wind flattern lässt).

    Der Grund dafür ist simpel: Es handelt sich nicht um die Flagge der heutigen kommunistischen Volksrepublik. Stattdessen ist es das Symbol der ersten chinesischen Republik, das heute auf der Flagge Taiwans prangt. Für das kommunistische China existiert der Inselstaat aber offiziell nicht, die Flagge ist daher verpönt. Allein dieses kräftige Symbol sorgte mit dafür, dass es so lange keine weitere Verfilmung der Geschehnisse gab. Während in „Die längste Brücke“ das Hissen der Flagge der Höhepunkt ist, wird in „The 800“ ein Spagat zwischen der Monumentalität des Moments und einem bewussten Kleinspielen gewagt: Zunächst ist die Fahne so gefaltet, dass man nur ihren roten Teil sieht. Anschließend ist sie meist etwas weiter im Hintergrund, gerne auch leicht verschwommen – und dann wird sie auch schnell wieder durch Luftangriffe so zerfetzt, dass die Sonne auf blauem Grund fast völlig verschwunden ist.

    Dass von der so wichtigen Flagge auch auf Promo-Bildern nur ein kleiner Teil zu sehen ist, ist kein Zufall.


    Das mag für viele jetzt wie ein vielleicht interessantes, aber am Ende doch nur für Insider bedeutendes Randdetail klingen. Ist es aber nicht. „The 800“ lebt von seinem überwältigenden Pathos, vom Überlebenskampf der Soldaten – und genau dieser Moment wäre eigentlich der natürliche Höhepunkt. Aber genau in diesem Abschnitt des Films schleichen sich zunehmend dramaturgische Holprigkeiten ein, die einen sogar immer mal wieder aus dem Film herausreißen. Niemand weiß genau, was und wie viel Guan Hu an seinem Film auf Druck der chinesischen Regierung noch kürzen musste (die Rede ist von angeblich rund 15 Minuten). Aber es wäre nicht verwunderlich, wenn genau hier kleine Passagen mit zu viel Fahne fehlen würden.

    Fazit: „The 800“ ist ein bildgewaltiges Kriegsdrama, das sich visuell mit den allerbesten Beiträgen des Genres messen kann, aber tonal immer wieder unter seiner seltsamen Zerrissenheit leidet.

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