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    CODA
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    CODA

    Plötzlich Oscar-Favorit Nr. 1

    Von Michael Meyns
    In diesen Zeiten, in denen viel von Diversität die Rede ist, geht es oft ums Zuhören und ums Gehört-Werden. Insofern mag es dann doch nicht überraschen, dass sich das kleine Drama „CODA“, das im Frühjahr 2021 beim Festival in Sundance Premiere hatte und dort für einen Rekordpreis an Apple+ verkauft wurde, still und heimlich zum Top-Favoriten für den Oscar als Bester Film des Jahres entwickelt hat. Gleichermaßen konventionell und originell ist der Film von Regisseurin Siân Heder, der von einer vierköpfigen Familie erzählt. Vater, Mutter und Sohn sind taubstumm – nur die Tochter kann hören. Durch ihre Augen und Ohren bekommt der Zuschauer Einblick in eine spezielle Familie, wird emotional manipuliert und mitgerissen, um am Ende zu erkennen, dass die Probleme der Rossis eigentlich doch ganz gewöhnlich sind.

    Die 18-jährige Schülerin Ruby Rossi (Emilia Jones) ist das einzige Mitglied ihrer Familie, das hören kann. Während sie tagsüber die Abschlussklasse der Highschool besucht, hilft sie vorher noch halb in der Nacht ihrem Vater Frank (zu Recht als Bester Nebendarsteller bei den Oscars ausgezeichnet: Troy Kotsur) und ihrem älteren Bruder Leo (Daniel Durant) auf dem Fischerboot. Vor der Küste Massachusetts wirft die Familie ihre Netze aus, doch das Geschäft läuft zunehmend schlecht, die Geldsorgen wachsen. Mutter Jackie (Marlee Matlin) hält die Dollar und die Familie zusammen so gut es geht. Aber so groß der Zusammenhalt auch ist: Ruby ist ein Teenager und sehnt sich nach einem eigenen Leben. Als sie in den Schulchor eintritt, um ihrem Schwarm nahe zu sein, trifft sie auf den Musiklehrer Bernardo Villalobos (Eugenio Derbez), der ihr ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Die würden Ruby jedoch von ihrer Familie wegführen…

    Als Bindeglied zwischen den Welten der Gehörlosen und Hörenden muss Ruby (Emilia Jones) irgendwann auch ihren ganz eigenen Platz finden.


    Das Akronym CODA steht für Children Of Deaf Adults, also Kinder von tauben Erwachsenen, die oft zuerst Zeichensprache und erst im Anschluss Englisch oder eine andere gesprochene Sprache gelernt haben. Da findet man sich leicht zwischen den Stühlen wieder, mit einem Bein in den Familien, in denen oft nur mit Zeichensprache kommuniziert wird, und mit dem anderen in der „hörenden“ Gesellschaft. So geht es auch Ruby, die nicht nur mit den üblichen Problemen einer 18-Jährigen zu kämpfen hat – etwa der hormonell übersteuerten besten Freundin Gertie (Amy Forsyth) oder der Frage, wie sie ihrem Schwarm Miles (Ferdia Walsh-Peelo) näherkommen könnte. Sie muss zugleich für ihre Familie auch noch als Bindeglied zwischen den beiden Welten fungieren.

    Die größte Stärke von „CODA“, der lose auf der französischen Tragikomödie „Verstehen Sie die Béliers?“ basiert, ist, wie er die beiden Welten gegenüberstellt, ohne sie gegeneinander auszuspielen. Ganz beiläufig wirkt im Haus der Rossis die Kommunikation mit Zeichensprache, gerade auch wenn Gäste zu Besuch sind, die die Zeichen nicht verstehen. Die Familie ist eine eingeschworene Gemeinde, hat sich in der Situation eingerichtet, auch wenn sie stets etwas isoliert vom Rest des Lebens in der Kleinstadt erscheint. Die Konflikte beginnen, da Ruby nun erwachsen wird, eigene Interessen entdeckt und die bittere Erkenntnis erlangt, dass sie nicht für den Rest ihres Lebens nur für ihre Eltern da sein kann und will.

    Die Rossis erkennen anhand der begeisterten Reaktionen im Saal, was für eine gute Sängerin ihre Tochter Ruby wohl sein muss.


    Es ist also eine klassische Coming-of-Age-Geschichte über einen schwierigen, manchmal auch schmerzhaften Abnabelungsprozess einer Tochter von ihrem Elternhaus. Als Katalysator dient in diesem Fall die Musik, Rubys Talent zu singen, was natürlich ein ebenso pointierter wie konstruierter Drehbuchkniff ist: „Würdest du malen, wenn ich blind wäre?“, fragt die Mutter Ruby einmal und meint das nicht witzig. Die Vorstellung, ihre Tochter ziehen zu lassen, macht ihr fast noch mehr Angst als Ruby selbst, vor allem weil Jackie akzeptieren muss, dass ihre Tochter eben nicht taubstumm ist und dadurch Möglichkeiten hat, die ihr selbst verschlossen geblieben sind. Ja, das ist in höchstem Maße sentimental, um nicht zu sagen kitschig. Es entspannen sich Handlungsbögen, die allesamt von Beginn an erkennen lassen, worauf sie zu laufen.

    Doch so manipulativ das Drehbuch auch auf der emotionalen Klaviatur spielt: Es funktioniert! Nicht zuletzt dank einem hervorragenden Darstellerquartett, angeführt von Marlee Matlin, die bereits 1987 für „Gottes vergessene Kinder“ als erste gehörlose Schauspielerin einen Oscar erhielt. Gegen Ende sitzen die gehörlosen Eltern im Publikum bei einem Konzert von Rosy. Hören können sie natürlich nichts, sie sehen nur die Reaktion auf das, was ihre Tochter da offenbar vollbringt. Zum ersten und einzigen Mal verstummt hier jedes Geräusch, bekommt der Zuschauer für einen Moment einen Eindruck davon, wie es ist, nicht zu hören, sondern nur zu ahnen, was um einen herum gerade passiert. Ein ergreifender Moment, auf den Punkt bringt, warum „CODA“ für viele dermaßen gut funktioniert – und zwar nicht als mitleiderregendes Porträt von Menschen mit Behinderungen, sondern als in den besten Momenten feinsinnige Darstellung der Schwierigkeit, als Gehörlose in einer Welt voller Hörenden zu leben.

    Fazit: Sentimental, emotional manipulativ, aber doch mitreißend: „CODA“ erzählt mit hervorragenden Schauspieler*innen eine klassische Coming-of-Age-Story, die taubstummen Menschen eine Stimme gibt – sozusagen.

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