Anaconda
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Anaconda

Viel Humor, wenig Horror

Von Christoph Petersen

Zumindest in einem Punkt sind sich China und die USA einig: Das Kino braucht kein geradliniges Remake des kultigen (?) Neunzigerjahre-Horrorfilms „Anaconda“, in dem sich Ice Cube, Jennifer Lopez und Jon Voight (mit einem bis heute berüchtigten „Scarface“-Dialekt) auf die Suche nach der titelgebenden Riesenschlange in den Amazonas-Dschungel begeben. Aber damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon wieder auf: Während im Reich der Mitte kürzlich tatsächlich ein klassisches Remake (hier gibt’s den Trailer) erschien, nur eben als einigermaßen billig runtergekurbelter Streaming-Release, hat Hollywood einen ganz anderen Weg eingeschlagen, der zumindest im ersten Moment nach einer ziemlichen Schnapsidee klingt.

Nachdem er in „Massive Talent“ noch Nicolas Cage (als er selbst) auf eine Undercover-Mission als Spion wider Willen schickte, geht der Autor und Regisseur Tom Gormican in seiner „Anaconda“-Neuinterpretation nämlich kaum weniger „meta“ zur Sache: Zwei Jugendfreunde in der Midlife-Crisis beschließen, ein Remake des originalen „Anaconda“ zu drehen – und weil die Bank keinen Kredit für das ohnehin schon schmale Budget von 2,5 Millionen Dollar herausrücken will, muss es notfalls auch mit 43.000 Dollar funktionieren. Das hätte schnell zum müde-selbstreferenziellen, möchtegern-cleveren Rohrkrepierer werden können – wären da nicht Jack Black und Paul Rudd, die einfach ihr ganz eigenes Ding machen und dabei mit einer grandiosen Buddy-Chemie begeistern.

„Anaconda“ ist in allererster Linie eine Jack-Black- und Paul-Rudd-Komödie, wie wir sie in letzter Zeit immer seltener im Kino sehen. Gut so! Sony Pictures
„Anaconda“ ist in allererster Linie eine Jack-Black- und Paul-Rudd-Komödie, wie wir sie in letzter Zeit immer seltener im Kino sehen. Gut so!

Als Jugendliche hatten sie noch große Ziele. Aber der angehende Regisseur Doug (Jack Black) bekam in letzter Minute kalte Füße, weshalb sein bester Freund Griff (Paul Rudd) allein nach Hollywood zog, wo er sich seitdem mehr schlecht als recht als Schauspieler durchschlägt. Sein einsamer Karrierehöhepunkt: vier Folgen der Krimi-Serie „S.W.A.T.“ inklusive des letzten Satzes in Staffel 3, bevor die Verantwortlichen bemerkt haben, dass seine Rolle eigentlich niemand braucht. Der Familienvater Doug wiederum hat sich inzwischen als Hochzeits-Filmer eingerichtet, wobei er immer wieder erfolglos versucht, seiner Kundschaft viel zu ambitionierte (Horror-)Kurzfilme als Verlobungsvideos anzudrehen.

Beide stecken tief in einer Midlife-Crisis, als Griff alle mit der Botschaft überrascht, dass er sich die Rechte am „Anaconda“-Franchise gesichert hat. Gemeinsam mit Griffs Jugendliebe Claire (Thandiwe Newton) und dem suchtkranken Kameramann Kenny (Steve Zahn) soll deshalb ein „spirituelles Sequel“ im brasilianischen Dschungel gedreht werden. Aber als Griff versehentlich die tierische Hauptdarstellerin killt, ist der ganze Dreh in Gefahr. Es sei denn natürlich, die Crew treibt noch einmal eine neue, angemessen dimensionierte Anakonda auf…

Der Kalauer des Kinojahres?

Ist es eine gute Idee, aus „Anaconda“ eine Komödie zu machen? Die Antwort lautet schon deshalb „Ja“, weil sie uns auf dem deutschen Poster einen der besten Schenkelklopfer der Saison beschert (der zur Abwechslung auch besser ist als die englische Version): „Für diese Komödie stehst du Schlange!“ Ansonsten muss man die Entscheidung wohl einfach als „Notwehr“ verbuchen: Wenn Hollywood die Art von Komödien, mit denen die Stars berühmt geworden sind, nur noch fürs Streaming produzieren will, dann muss eben getrickst werden, um das Genre nicht vollends aus den Kinos verschwinden zu lassen. Das passt perfekt zu den Filmfiguren, die „Anaconda“ ja ebenfalls zweckentfremden, um sich in ihre von kreativem Aufbruch geprägte Jugendzeit zurückzuversetzen.

Paul Rudd („Avengers 5: Doomsday“) und Jack Black („Ein Minecraft Film“) harmonieren fantastisch miteinander – und gerade Black, der ja ohnehin keinerlei Hemmungen hat, sich zum Affen zu machen, agiert noch mal ganz besonders uneitel, wenn er sich in der besten Action-Comedy-Sequenz des Films nicht nur ein totes Warzenschwein auf den Rücken binden, sondern auch noch ein totes Eichhörnchen in den Mund stecken lässt. DER „The White Lotus“-Szenendieb Steve Zahn als „Buffalo-trockener“ Alkoholiker (sprich: er trinkt nur noch Bier, Wein und bestimmte Schnäpse) sowie Selton Mello als mysteriöser Schlangentrainer steuern ebenfalls zuverlässig Lacher bei – und zwar selbst in einer Anpinkel-Szene, die trotz ihrer ausufernden Länge erstaunlich gut funktioniert.

Die lustigste Szene des Films wird schon im Trailer gezeigt. Aber keine Sorge: Im Kino setzen Jack Black, das Warzenschwein und ein totes Eichhörnchen sogar noch einen drauf!  Sony Pictures
Die lustigste Szene des Films wird schon im Trailer gezeigt. Aber keine Sorge: Im Kino setzen Jack Black, das Warzenschwein und ein totes Eichhörnchen sogar noch einen drauf!

Wie die Jack-Black-Komödie „Abgedreht“ ist auch „Anaconda“ eine Liebeserklärung an das Gonzo-Filmemachen – etwa, wenn Doug seiner Hochzeitsvideo-Kundschaft ausgefeilte Terror-Choreografien anzudrehen versucht oder Griff die VHS-Kassette mit dem Bigfoot-Horror „The Squatch“ ausgräbt, den er und seine Clique als Teenager gedreht haben. Dazu kommen haufenweise Zitate, die sich vor allem an diejenigen wenden, die damals genau im passenden Alter waren, um sich das Original zum Start im Kino anzusehen – und deshalb sofort wieder einen Ohrwurm haben, wenn gleich mehrfach der „Dawson’s Creek“-Titelsong „I Don’t Want To Wait“ von Paula Cole angespielt wird.

Was hingegen so gar nicht funktioniert, ist der im Hintergrund mitlaufende Gangster-Plot um illegale Goldminen im Dschungel, auch weil Daniela Melchior („Fast & Furious 10“) als falsche Amazonas-Kapitänin absolut blass bleibt. Hier geht’s offenbar ausschließlich darum, zwischendrin immer mal wieder menschliches Futter für die hungrige Titelheldin heranzuschaffen. Die ist diesmal zwar bedeutend besser animiert als im Original, kommt aber trotzdem enttäuschend spärlich zum Einsatz. Abgesehen von einer kurzen Sequenz im Sumpf wird nie wirklich versucht, so etwas wie Spannung oder gar Horror zu erzeugen – nur genau so viel, wie nötig ist, um den Titel „Anaconda“ trotz der Comedy-Neuausrichtung zu rechtfertigen.

Fazit: Paul Rudd und Jack Black „kapern“ das „Anaconda“-Franchise, um statt eines Horror-Remakes eine Buddy-Komödie abzuliefern, wie es sie im Kino ansonsten leider (!) kaum noch gibt. Gut für sie – und ein großer Spaß für ihre Fans!

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