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    Braking For Whales
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Braking For Whales

    Weit entfernt von der Klasse eines "Little Miss Sunshine"

    Von Oliver Kube

    Millionen von Harry-Potter-Fans auf der ganzen Welt lieben es, ihn zu hassen. Tom Feltons Darstellung des arroganten Potter-Gegenspielers Draco Malfoy hat ihn zum globalen Star und seine Bösewicht zu einem unerwarteten Sexsymbol speziell bei Teenagerinnen gemacht. Eine Entwicklung, die nicht einmal die Autorin J.K. Rowling kommen sah - und die sie laut Äußerungen in Interviews auch durchaus ein wenig beunruhigt.

    Analog zu Kollege Daniel Radcliffe („Swiss Army Man“, „Guns Akimbo“) nimmt Tom Felton seit dem Ende der mega-erfolgreichen Fantasy-Abenteuerreihe gern auch herausfordernde Rollen in abseitig anmutenden, kleineren Produktionen an. Hier kann er seine Vielseitigkeit beweisen und gleichzeitig launig gegen das Malfoy-Image anspielen. Das neueste Projekt dieser Art ist nun „Braking For Whales“. Wer die Roadmovie-Tragikomödie von Sean McEwen hauptsächlich wegen Felton anschaut, wird sicher seine Freude an dessen geglückter Performance als Mann auf der Suche nach sich selbst haben. Für alle anderen dürfte sich der Genuss hingegen in Grenzen halten.

    Die Geschwister Brandon (Tom Felton) und Star (Tammin Sursok) können sich ohnehin schon nicht gut leiden...

    Nach langer Zeit sehen sich die zerstrittenen Geschwister Brandon (Tom Felton) und Star (Tammin Sursok) zum ersten Mal wieder. Der Anlass ist jedoch keine große Versöhnungsgeste, sondern eher trauriger Art: Ihre Mutter ist verstorben. Nach ausführlichen Sticheleien zur Begrüßung erscheinen der verklemmte Brandon und die extrovertierte Star zur Testamentsverlesung. Allerdings hat die Verblichene an die Auszahlung des Erbes eine Bedingung geknüpft: Gemeinsam soll das Duo innerhalb von 48 Stunden ihre Asche aus Iowa in ein texanisches Aquarium schaffen und dafür sorgen, dass dort die Überreste der Walfisch-Enthusiastin von einem der Meeresriesen geschluckt werden. Gelingt dies nicht, ist das Erbe futsch. Da beide Geschwister das Geld dringend benötigen, begeben sie sich im alten Familien-Wohnmobil auf einen Roadtrip…

    Bei „Braking For Whales“ gibt es merklich weniger Licht als Schatten. Zu den helleren Momenten zählt ganz klar Feltons Verkörperung des konservativen Kirchgängers Brandon, der sich partout nicht eingestehen will, dass er homosexuell ist. Wenn sich Brandon etwa während einer Autofahrt mit Hilfe eines Motivationskurses selbst zu „entschwulen“ versucht, ist das dank der ernsthaften Darstellung nicht etwa absurd oder gar unbeabsichtigt albern, sondern ehrlich berührend, fast schon tragisch. Auch als die Protagonisten an ihrem ersten Abend im Haus ihrer Kindheit nach ein paar Gläsern billigen Weins ausgelassen zu alter Soulmusik herumtoben, unterstreichen die ungelenken Bewegungen noch Brandons Unfähigkeit, aus sich herausgehen zu können.

    Nicht nur für Brandon ein Problem: die Schwester

    Bei seiner Schwester ist genau das Gegenteil der Fall: Es ist nicht nachzuvollziehen, ob Tammin Sursok einfach nur keinerlei Gefühl für Rhythmus hat oder ob das abgehackte Rumgehopse tatsächlich Teil ihrer Figur sein soll. Auf jeden Fall ist es einfach nur genauso peinlich wie ihr Gehabe als plump-provokant auftretende Möchtegern-Rebellin. Somit zeichnet sich schon in dieser recht frühen Phase eines der größten Probleme des Films ab: Die von Tammin Sursok dargestellte Star kommt einfach nicht authentisch rüber.

    So wie ihre erzwungen aussehenden Tanz-Moves wirken im weiteren Verlauf auch Mimik, Gestik und Dialoge des einstigen Soap-Stars („Schatten der Leidenschaft“) oft arg gekünstelt und aufgesetzt. Es fällt schwer, Sympathie oder gar Mitgefühl für die Figur zu entwickeln; etwa, wenn Stars Gewissensbisse gegenüber ihrer uns nie gezeigten, von ihr offenbar vernachlässigten kleinen Tochter beleuchtet werden.

    ... und dann läuft auch noch die Testamentseröffnung der toten Mutter ganz anders als erhofft.

    So ist es kein Wunder, dass die bewegendste Szene ohne Sursok, nämlich zwischen Fentons Charakter und einer ebenfalls homosexuellen Zufallsbekanntschaft in und vor einer Kneipe stattfindet. Der Ausgang des Austauschs mit dem von Austin Swift („We Summon The Darkness“) verkörperten J.T. mag sich in eine für das Gros des Publikums sicher nicht gerade wünschenswerte Richtung entwickeln - trotzdem sind es diese paar Minuten, die emotional am aufrichtigsten wirken. Gern hätte man die zwei Darsteller länger oder ein zweites Mal gemeinsam gesehen. Aber J.T. taucht nicht wieder auf.

    Ein weiteres schauspielerisches Highlight liefern die Auftritte von Wendi McLendon-Covey („Brautalarm“) als ultrakonservative Tante beziehungsweise der aus „Anchorman“ bekannte David Koechner als ihr latent rassistischer Gatte. Das Spießerpaar, das sich über alles und jeden mokiert, ohne dabei zu bemerken, dass es selbst keinen Deut besser ist, wird von den zwei Comedy-Veteranen herrlich trocken dargeboten. Darüber hinaus ist der Moment nicht nur witzig geschrieben, er ist zudem in Sachen Stimmung, Tempo und Farbgebung von Kameramann Justin Henning („Cuba“) auch clever ins Bild gesetzt. Schade, dass Henning und Cutter Andrew S. Eisen („Brightburn: Son Of Darkness“) im Finale dann allerdings mit einer seltsam statischen, ohne jegliche Dynamik umgesetzten Verfolgungsjagd zu Fuß enttäuschen.

    Beim Score danebengegriffen

    Ähnlich wechselhaft ist zudem die in einigen Szenen extrem aufdringliche Musik, die unter anderem eine für die Entwicklung der Hauptfiguren wichtige Unterhaltung auf dem Dach ihres Winnebagos tonal ruiniert. Der Soundtrack stammt von Jason Soudah, der bisher unter anderem als Toningenieur an den Blockbuster-Scores von „Captain America 2“ und „X-Men: Erste Entscheidung“ beteiligt war. Bei seinen sonstigen Credits durfte er nur den jeweiligen Hauptkomponisten zuarbeiten beziehungsweise unterstützende, kleinere Musik-Passagen schreiben. Bleibt zu hoffen, dass Soudah bei zukünftigen Solo-Aufträgen mehr Subtilität walten lässt.

    Die Musik bleibt aber leider nicht die einzige Enttäuschung. Denn der Trip nimmt allgemein nie richtig Fahrt auf. Man hat als Zuschauer selten den Eindruck, die Walkers kämen auf ihrer Reise wirklich voran. Sie verbringen jede Menge Zeit auf Raststätten und in Parks, es ist aber kaum mal zu sehen, wie sie tatsächlich unterwegs sind. Richtiges Roadmovie-Feeling mag da nicht aufkommen. Die längste Passage, in der sich Felton und Sursok auf der Straße befinden, sind ein paar Outtakes, die unter den Schluss-Credits laufen. Dabei improvisieren die in Australien aufgewachsene Südafrikanerin und der Brite frei und losgelöst von der bereits zum Abschluss gebrachten Handlung mit verschiedenen Akzenten – einer der frischeren Szenen.

    "Braking For Whales" ist zwar auf dem Papier ein Roadmovie - aber so richtig in Fahrt kommt der Film trotzdem nie.

    Auch die zum Teil recht platten, dann wieder gekünstelt wirkenden Dialoge sorgen für gelegentliches Unbehagen. Der größte Missgriff von Regisseur und Co-Autor McEwen dürfte aber wohl Stars sexuelle Fixierung auf den eigentlich von ihr verachteten Ex-Präsidenten George W. Bush sein. Diese ist nicht nur ziemlich überflüssig, sie wird sogar zu einer Art cringey Running Gag aufgebauscht, der nicht ein einziges Mal zündet, sondern allenfalls zum Fremdschämen oder verwirrten Kopfkratzen einlädt.

    Felton-Fans, die ihren Liebling beim – allen Skript-Wacklern und Inszenierungs-Widrigkeiten zum Trotz – gelungenen Auftritt in einem moderat budgetierten Indie-Projekt (die Dreharbeiten dauerten gerade einmal zwölf Tage) mit einer Handvoll guten Momenten sehen wollen, ist „Braking For Whales“ zu empfehlen. Wer hingegen eine schlüssig geschriebene, durchgehend charmant gespielte und zudem auch filmisch top umgesetzte Coming-Of-Age-Dramödie über Selbstakzeptanz in Roadmovie-Form genießen möchte, dem sei stattdessen lieber das offensichtliche Vorbild „Little Miss Sunshine“ ans Herz gelegt.

    Fazit: Ein tragikomisches Roadmovie, das trotz eines gut aufgelegten Tom Felton nie richtig an Fahrt aufnimmt.

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